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Bargemon, Claviers, Callas, drei Orte im Dreieck einer aufgelassenen Bahnstrecke in der Haute Provence, Region Var Frankreich.

Eine Reflexion über Ortsbild und Baukultur anderswo.

Mein Cousin, ein pensionierter Architekt aus Wien und seine holländische Frau sind in der Provence im Ort Bargemon (500m ü.d.M.) am Fuße des Col du Bel Homme (1000m ü.d.M.), der zwischen den bewaldeten Hügeln des Küstengebirges und der Grand Plan de Canjuers liegt, sesshaft geworden. Mindestens 80 Prozent des Jahres verbringen sie dort. Teil ihres Anwesens ist ein Studio, das sie an Feriengäste vermieten. (Abb. 1)

Begleitet von Eva Mohringer habe ich die beiden erstmals dort besucht. Anders als 1985 bei meiner ersten Reise in diese Gegend, als ich im R4 in drei Wochen mehr oder weniger die ganze Provence durchstreift und gierig nach neuen Eindrücken jeden Tag woanders verbracht hatte, wollte ich diesmal Weniges intensiv kennen lernen.

Alle drei Orte, Bargemon, Claviers und Callas, mit mittelalterlichem Kern, liegen an einer aufgelassenen Bahnstrecke, die als Trasse großteils erhalten ist und entlang der man bequem auf ca. 400 m Seehöhe von Ort zu Ort wandern kann. Die Orte sind nur fünf bis sechs Kilometer voneinander entfernt. Erstaunlich viel unverbaute Natur liegt dazwischen - ganz anders als in der Steiermark, wo oft ein Ortsendeschild auf gleicher Höhe mit einem Ortsanfangsschild liegt. Zersiedelung gibt es hier nicht. (Abb. 1, 2)

Callas, der größere Ort, mit rund 1300 Einwohnern liegt, an einem steilen Kamm. Manche Gebäude sind bis zu sieben Geschosse hoch, drei bis vier stecken im Hang. Nur hier findet man einen Bankomaten und eine Tankstelle, glücklicherweise ohne das bei uns übliche, alles überdeckende, unproportionierte Dach (trotz südlicher Sonne). In Bargemon mit 1100 Einwohnern und in Claviers mit 680 Einwohnern gibt es zwar Bank, Post und Tankstelle, aber keinen Bankomaten. Dafür findet sich in allen drei Orten am Hauptplatz ein kleiner Lebensmittelmarkt mit dem bezeichnenden Namen ‚Proxi’, zwei bis drei Boulangerien (Bäckereien), manchmal mit Patisserie kombiniert, eine Boucherie (Fleischer) manchmal mit Charcuterie (fertige Gerichte zum mitnehmen), Gemüseladen, ‚Tabac’, Cafés, Restaurants, Apotheke und oft mehrere Immobilienmakler. Viele der alten Gebäude sind ‚à vendre’. Die Arbeitslosenrate liegt beispielsweise in Claviers bei 18%. (Abb. 4, 5)

Auch hier zeigen sich die Probleme entlegener Gebiete. Man scheint aber anders damit umzugehen, als bei uns. Es sind kompakte, belebte Orte, einer so schön wie der andere.
Keine Supermärkte, Tankstellen und Baumärkte verunstalten die Ortseinfahrten wie hierzulande. Sie sind in der nächsten, größeren Stadt zu finden. Geschäfte, die für den Alltag wichtig sind, liegen im Zentrum, wenn nicht sogar am Hauptplatz, wie in Bargemon und bieten Anlass für ein geschäftiges Treiben, dem man sowohl als Tourist/in wie auch als Einheimische/r stundenlang aus der gesicherten Position im Café-Gastgarten zusehen kann - der Hauptplatz ein Openair-Alltagskino.(Abb. 6)

Umfahrungsstraßen zur Verkehrsberuhigung, an denen sich logischerweise dann auch die Infrastruktur ansiedelt, wie in Österreich üblich, gibt es schon aus topografischen Gründen nicht. Hier fährt alles durchs Dorf, (oft auch) über den Hauptplatz, weil sich dort alle Straßen kreuzen, deswegen heißt er ja auch Hauptplatz! (Abb. 7)

Planerische Dogmen und Prinzipien werden auf den Kopf gestellt. Niemanden scheint der Verkehr über den Hauptplatz von Bargemon wirklich zu stören. Eher das Gegenteil ist der Fall. Das Treiben um den wunderschönen, zentralen Brunnen mit der Nebenfunktion, Zentrum eines natürlich vorhandenen Kreisverkehrs zu sein, ist willkommene Untermalung, Unterhaltung, bis zur manchmal totalen Aufregung. Wenn der Dorfpolizist auf die Bühne tritt und souverän den gordischen Verkehrsknoten um den Brunnen, den ein LKW, ein Bagger und ein paar PKW verursacht haben, aufzulösen versucht, dann springen die sonst stoisch vor dem Cafe de Commerce sitzenden Männer auf und sehen sich das Spektakel an. Danach kehren wieder alle auf ihre Plätze, zu ihren Zeitungen zurück. (Abb. 8, 9)

Anders ist die Situation im kleineren Claviers. Hier herrscht mehr Ruhe, denn es führt nur eine echte Straße über den zentralen Platz. Nebenan wird mit Blick auf Bargemon Boule gespielt, im angrenzenden Cafe sitzen ausschließlich männliche Gäste. Ein zweites Cafe-Restaurant mit Trafik und drei Schäferhunden liegt vis-à-vis, direkt zwischen Kirche und Mairie (Bürgermeisteramt). Abb. 10, 11, 12)

Die Plätze sind im Allgemeinen gepflastert, manchmal auch die Straßen. Schmale Gassen haben meist Multifunktionscharakter: Fahrgasse für Mopeds, Fahrräder, Gehsteig, Vorgarten, Sitzplatz, Treppe. Auf kostspielige Platzneugestaltungen trifft man hier nicht.
Die größeren, ebenen Plätze werden als öffentlicher Parkplatz verwendet, meist von Platanen beschattet. (Abb. 13, 14) An ein bis zwei Tagen in der Woche findet hier stattdessen der Markt statt, in allen drei Orten an unterschiedlichen Tagen, so dass fast täglich irgendwo Markt ist. Das belebt. Von Fisch über Gemüse, Obst, Kleider, regionale Schmankerln wie Honig, Pasteten, Öle und Essigvariationen, Antiquitäten, Matratzen, bis zu Kunsthandwerk aus Indien kann man hier fast alles erstehen. In Callas ist der Platz so groß, dass er auch für Veranstaltungen dient. Es gibt sogar eine kleine Bühne, kein Pflaster, kein Asphalt, nur Macadam. (Abb. 15, 16)

Vorherrschende Berufe in diesen Orten sind wahrscheinlich die des Maurers und des Zimmerers. Überall gibt es kleine Baustellen. Die Gebäude werden liebevoll renoviert aber nicht geschleckt saniert, auch einfache, alte Türen handwerklich ausgebessert. Plastiktüren und- fenster haben wir nicht gesehen. Keine Kräne, keine Aufzüge sind hier einsetzbar, alles muss mit kleinen Autos und Scheibtruhen an- und abtransportiert werden. (Abb. 17, 18)

Beeindruckend ist die Präsenz von Wasser. Fast an jedem Platz oder Plätzchen steht ein alter, steinerner Brunnen, manchmal mit alten Waschtrögen oder Tränken kombiniert. Ganz besonders reizvoll ist das in Bargemon, welches für seinen Wasserreichtum berühmt ist. Hier holen Dorfbewohner- und bewohnerinnen bei einem Brunnen am Dorfrand das Trinkwasser, nicht weil Wasser aus der Leitung ungenießbar wäre, aber es ist gechlort. Das natürliche Brunnenwasser hingegen hat annähernd Heilwasserqualität. Man trifft sich am Brunnen beim Abfüllen der mitgebrachten Gefäße. Als Touristin und Tourist ist man zugleich begeistert von einem imposanten Ausblick nach Claviers. Direkt unter dem Brunnenplatz liegt das historische Waschhaus. Es ist in Betrieb, ob es benützt wird, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Daneben liegt ein Gemeindewohnbau (Bj. ca. 1980), der sich wunderbar in das Dorf einfügt. Abb. 19-22)

Entlang der Gässchen und Straßen plätschert Wasser in offenen Natursteinrinnen, entlang von schattigen Fußwegen, abseits von Fahrwegen und Straßen. Dieses System der Durchlässigkeit für Wasser und Mensch ist beeindruckend. Bequem kann man den Ort abseits vom Autoverkehr durchqueren. Trotz der Präsenz des Autos innerhalb der Orte wurde nicht auf die Annehmlichkeiten für Fußgängerinnen und Fußgänger vergessen. Dabei fällt uns das Projekt ‚Grünes Netz’ in Graz ein, das man nicht wahrnimmt, in Bargemon, Claviers und Callas ist es selbstverständliche Realität.

Die Architektin Elisabeth Lechner lebt und arbeitet in Graz.

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner

Datum:

So. 16/11/2008

Kommentare

Es stimmt genau....

die Beschreibung. Man fühlt sich da wohl!

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