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Aus dem Buch "8630 Mariazell" von Erwin Polanc
©: Erwin Polanc

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Rezension
So gesehen
Zwei Buchempfehlungen

8630 Mariazell

Nicht nur für den frommen Pilger – auch für Gauner war die im 14. Jahrhundert erbaute Basilika in Mariazell ein bedeutendes steirisches „Reiseziel“. Zellfahrten wurden im Mittelalter im Rahmen der Rechtssprechung Straffälligen auferlegt, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, um Sühne zu leisten.

M a r i a z e l l. Papst, Menschenmassen, prunkvolles, kirchliches Ambiente. Frohlocken und Halleluja soweit das Auge reicht. Gnade und Allmächtigkeit als verschiedene Kinder desselben Vaters. Wallfahrtorte sind Plätze der Inszenierung, der Verriegelung des Denkprozesses durch Standpunkt, Zuversicht und Ergebenheit; ein immer schon virtueller Raum, in dem Kulisse als fundamentale Tiefe und Oberfläche als erlösendes Hochamt gelebt wird. 

Erwin Polanc kann man getrost als einen fotografischen Abenteurer im Nahbereich von Dogmen bezeichnen. Als Expeditionsthema wählt er sich Gegenden, die üppig von Klischeebildern überlagert werden, in ihrem trivialen Innersten noch kaum erforscht sind. Nur logisch, dass nach seinem Herkunftsort Neumarkt und Eisenerz die Dreieinigste aller steirischen Terrae incognitae 8630 Mariazell irgendwann in seinen Sucher geriet.

Polanc legt seine Bilder in mehreren Etappen frei. Er gibt sich Themenfelder vor, skizziert, sammelt Material, bewertet das Gefundene, trennt Ursache und Wirkung vorerst voneinander. Erst in einem späteren Schritt entsteht die überbleibende präzise Fotografie. Abstand und Wiederannäherung – zeitlich wie räumlich – schärfen zusätzlich die Wahrnehmungsabläufe. Die persönliche Variante der Zellfahrt, konkret 16 selbst auferlegte Zweitagesaufenthalte gaben Polanc den äußeren Rahmen für das Projekt 8630 Mariazell vor. Erst dieses Prozessuale schält die Bilder heraus, die der Künstler finden will.

Mariazell wird somit wieder zu einem Ort, der sein darf, nicht sein muss. Polanc erteilt dem Betrachter wortwörtlichen Anschauungs-Unterricht. Fragmentarische Bilder von Menschen und Objekten, von der Verdunkelung des Tags und der Erhellung der Nacht, vom Da-Sein, also der Mittelwert aus Vorder- und Hintergründen mischen sich, um uns weg von Mariazell hin zu Mariazell zu führen. Glaube, Liebe Hoffnung sind überall Panoramen des Immerwieders.

Natürlich inszeniert auch Polanc, wenn er beim gefundenen Motiv auf den Auslöser drückt, wenn er später die Bilderfolgen für Ausstellungen und das vorliegende Buch zusammenstellt. Jedoch baut er viele Spalten dazwischen, lässt Gedankenräume für die Betrachter frei. Die in eine Fassung zu bringen, stärkt die Sehkraft.

KUB Artists’ Portraits

Zwanzig Jahre alt ist heuer das Kunsthaus Bregenz geworden. Viel Nachhaltiges ist vom Programm in der Erinnerung geblieben: Die Künstlergruppe Gelitin lud zum Schlammbaden, Antony Gormleys Schau im KUB zeigte sich absolut unbarrierefrei, zusätzlich forderte der Künstler im Projekt Horizon Field zum Erwandern seiner im Gebirge ausgesetzten Figuren auf. Pascale Marthine Tayou entzog uns unsere Schablonen von Afrika mit Multiplikation von Form, dividiert durch Farbenpracht. Für den 2011 in China knapp vor der Eröffnung inhaftierten Ai Weiwei erweiterte sich die Ausstellung zu einer weithin sichtbaren Protestinstallation. Heimo Zobernig stellte „nur“ ein Stockwerk auf den Kopf, während Adrian Villar-Rojas mit Tonnen von Material das gesamte Haus „umbaute“.

Matthew Barney, Damien Hirst, Olafur Eliasson, Berlinde De Bruyckere, Santiago Serra, Roni Horn füllten Räume mit Materialien unterschiedlichster Aggregatzustände. Es wirkten die Bilderwelten von Cindy Sherman, Harun Farocki, Rosemarie Trockel, Richard Prince oder man überlebte Nahkunsterfahrungen mit Tone Fink, Gottfried Bechtold oder dem Planer des Museums, Peter Zumthor. Alle großen Namen vor einem etc. würden noch viel Platz hier in Anspruch nehmen.
Umso erfreulicher, dass Hauptkurator Rudolf Sagmeister auch ein ausgezeichneter Fotograf ist und die ersten beiden Jahrzehnte im Bild mitdokumentiert hat.

Das Künstlerporträt ist zwar der Ausgangspunkt. Doch wird KUB Artists' Portraits nicht ein „Return to Exhibition“ sondern das „Look back to Making of“, kurz ein vergnüglicher Mix aus Momenten vor, hinter oder nach dem Sichtbaren, dem Offiziellen.

Hans Schabus blickt fast irritiert in die Kamera, während im Hintergrund Soldaten Sandsäcke für ihn ins KUB schleppen. Mariko Mori stapft durch den kirschblütengleich fallenden Schnee in Bregenz. Anish Kapoor während des Ausstellungsaufbaus erinnert an ein übermütiges Kind im Sandkasten und Markus Schinwald kann Pferd (oder tut zumindest so). John Baldessari kopiert sich selbst und Ed Ruscha wirkt im liegenden Zustand als Multiple seiner selbst. Wael Shawky ist vom Hai-Fetisch im Torbogen der Bregenzer Oberstadt sichtlich fasziniert, Danh Vō reicht eine Lachsforelle. Und Maurizio Cattelan ist ein Schweinderl. (Deswegen mögen wir ihn ja).

Für KUB Artists’ Portraits, diese fröhliche Seitenblickkunstgeschichte, gilt – wie auch für 8630 Mariazell – uneingeschränkt die (oh du) fröhliche Unterweihnachtsbaumablegungsempfehlung.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Mi. 29/11/2017

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von Erwin Polanc
Mit einem Beitrag von Ulrich Tragatschnig
Gestaltung: Christian Hoffelner
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Softcover, 120 Seiten

KUB Artists’ Portraits
Künstlerporträts von Rudolf Sagmeister
Herausgegeben von Kunsthaus Bregenz, Rudolf Sagmeister
Beiträge von Rudolf Sagmeister, Thomas D. Trummer und Yilmaz Dziewior
Gestaltung von Stefan Gassner
Deutsch / Englisch
Hardcover, 246 Seiten

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