Smart City LAGEPLAN_Pernthaler
Lageplan des Smart-City-Projekts Graz-Mitte auf dem Areal um die Helmut-List-Halle hinter dem Grazer Hauptbahnhof.
Architektur: Markus Pernthaler Architekten, ©: Markus Pernthaler Architekten

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Bericht
Smartness in Progress

Von der Industriebrache rund um die Helmut-List-Halle bis zu einer Smart-City steht noch ein längerer Weg bevor.

Von innovativem Stadtleben ist westlich des Grazer Hauptbahnhofes noch wenig zu erkennen: Einst Aushängeschild für die florierende Wirtschaft der Stadt, blüht hier rund um Waagner-Biro-Straße und Helmut-List-Halle nur noch das eine oder andere Gänseblümchen. Mit dem Smart City Project Graz-Mitte, woran unter Federführung der Stadt Graz ein 14-köpfiges Konsortium, arbeitet, soll sich das jedoch ändern.

Energieeffizienz im Fokus
Am 07. Mai 2013 erfolgte der offizielle Startschuss für das österreichische Leitprojekt. Bis 2016 soll die Industriebrache hinter dem Hauptbahnhof zu einem modernen Stadtteil umgestaltet werden. Geplant ist ein energieoptimiertes Quartier für eine multifunktionale Nutzung: Wohnen, Arbeiten und Freizeit sollen sich auf einer Fläche von 10 Hektar vereinen. Im Zentrum befinden sich zwei technologische Highlights mit Futurismus-Touch: Ein so genannter Science Tower mit einem Kern aus Holzwerkstoffen, der von einer Haut aus transparenten gelblich-orange schimmernden Photovoltaikpaneelen der neuen Generation umhüllt wird. Damit soll Energie produziert werden. Der Turm ist das erste Objekt, welches auf dem Areal errichtet wird. Baustart soll im März 2014 sein. Der 40 Meter hoher Windvulkan ist nicht nur Hingucker eines modernen Stadtteils, sondern als Auftriebskraftwerk auch Stromerzeuger für das gesamte Viertel. Eine äußerlich weniger imposante Neuheit ist ein smartes Verkehrskonzept, das auf E-Mobilität setzt.

Anbindung als Herausforderung
Aber wie passt sich dieses neue Quartier in das vorhandene Stadtgefüge? “Es ist immer eine Herausforderung, ein Gebiet einzubinden, das vor dem Umbau für den öffentlichen Raum weniger attraktiv war“, sagt der Projektleiter der Stadt Graz, Kai-Uwe Hoffer. Außerdem gehe es nicht nur um die geografische Eingliederung: „Es muss öffentlich genützt werden. Deshalb haben wir auch das Areal um die List-Halle gewählt. Es verfügt über die nötige Fläche und lässt sich gut an die vorhandene Infrastruktur anbinden.“ Der Gedanke möglichst geringer CO2-Emissionen steht dabei im Vordergrund. „Es wird Car-Sharing-Modelle geben, E-Bikes, eine Radweganbindung und auch die Verlängerung der Straßenbahnlinien 3 und 6 ist angedacht. So gibt es keine zusätzliche Straßenanbindung und kein Mehr an verbrauchter Fläche. Niemand soll länger dazu genötigt werden, das Auto zu benutzen.“

Energiegedanke noch nicht bei Grazern angekommen
Jedoch könne man auch niemanden dazu zwingen, nicht Auto zu fahren. Das meint Rainer Gutmann, der das Smart-City-Project aus soziologischer Sicht betrachtet: „Damit das Konzept auch von den Bewohnern aufgenommen wird, dürfen zum Beispiel die Alternativen zum Autofahren nicht mit einem zusätzlichen Aufwand verbunden sein.“ Denn der Gedanke der Energieeffizienz sei bei den Grazern noch nicht angekommen: „Die Leute überprüfen nicht täglich ihren Energieverbrauch. Ihnen ist zum Beispiel viel wichtiger, welche Stimmung in einem Quartier aufkommt“, erläutert Gutmann. Deshalb solle neben einem guten ökologischen Fußabdruck und besseren Abgaswerten auch die gesellschaftliche Nachhaltigkeit gesichert sein. Das Smart-City-Project Graz-Mitte ist daher auch als Treffpunkt für verschiedene gesellschaftliche Gruppen geplant. Für soziale Durchmischung sollen neben circa 80 Wohneinheiten mit gewerblichen Flächen unter anderem ein Kindergarten, ein Studenten- und Seniorenheim sorgen.

Noch viel zu tun
Dass das Thema Energiesparen bei den Grazern noch nicht verankert ist, glaubt auch Kai-Uwe Hoffer. Deshalb soll mit gezielter Kommunikation ein entsprechendes Bewusstsein geschaffen werden. Spezielle Veranstaltungen sind vorgesehen, die über künftige Möglichkeiten und Vorteile informieren werden. Außerdem sollen sich die Bürger auch aktiv beteiligen können. „Abhängig von den nächsten Planungsschritten können zum Beispiel Bewohner mitentscheiden, wie die Park- und Grünflächen gestaltet werden“, erklärt Hoffer.
Aber nicht nur die gesellschaftlichen, sondern auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind noch nicht smart genug. „Wir waren in der Planung auch oft mit rechtlichen Hindernissen konfrontiert.“ Hoffer weiß, wovon er spricht: „Zum Beispiel haben Energieversorgungsunternehmen die Pflicht, alle Gebäude mit Strom und Gas zu versorgen. Das widerspricht natürlich den Anforderungen einer energieeffizienten Stadt.“
Oft besteht bei derartigen Projekten die Gefahr, dass neben einer Fülle an innovativen Vorhaben die architektonische Qualität auf der Strecke bleibt. Das sei laut Hoffer bei der Grazer Smart City nicht der Fall. Der Projektleiter vertraut auf ein entsprechendes Wettbewerbsverfahren, das auch durch die TU Graz unterstützt werden soll.

Am Ende steht ein smartes Graz
Bewusstseinsänderung, Überwindung rechtlicher Schranken und gleichzeitig die Errichtung eines neuen Stadtteils – es steht noch einiges auf dem Programm. Um die 4,2 Millionen Euro Bundesförderung aus dem Klima- und Energiefonds zu bekommen, muss das Projekt bis 2016 fertig sein. Eine Laufzeitverlängerung bis 2017 wird jedoch nach Hoffer wahrscheinlich in Anspruch genommen werden. Bei der Entstehung der ersten österreichischen Smart City handle es sich schließlich um einen Prozess, der Veränderungen zulasse. „Vielleicht merken wir auch währenddessen, dass sich etwas nicht in der geplanten Form umsetzten lässt. Dann müssen wir in Verhandlungen beschließen, den ein oder anderen Teil anders zu machen oder wegzulassen.“

Sollte sich das Graz-Mitte-Quartier bewähren, wird das Prinzip auch auf weitere Teile von Graz ausgeweitet werden. „Das neue Stadtentwicklungskonzept sieht vor: Graz wird zu einer Smart City“, weiß Hoffer. Graz-Mitte also als insgesamt 25-Millionen-schweres Versuchskaninchen? Hoffer sieht das positiv. Das Vorgängerprojekt I LIVE GRAZ der Initiative smart energy – fit4set habe bereits gezeigt, dass sich Energieeffizienz auszahlt. Und das vor allem für Benutzer und Bewohner.

Verfasser / in:

Astrid Radner
Stadtbaudirektion Graz

Datum:

Mi. 08/05/2013

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Wohnungen

Vielleicht schafft man es hier einmal größere Wohnungen (ab 4-5 Zimmer) für Familien zu leistbaren Preisen zu bauen. Alles was am Grazer Markt zu haben ist sind derzeit entweder teure Eigentumswohnungen oder Häuser, günstigere (auch Miet-) Wohnungen gibt es nur (und da auch selten) im Altstadtbereich (Innere Stadt, Leonhard, Geidorf).

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Von der Industriebrache bis zu einer Smart-City in Graz steht noch ein längerer Weg bevor.

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