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Smart City Graz – Waagner-Biro, Modell
Foto: Martin Grabner, ©: Stadt Graz

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Bericht
Smart Future Graz

Graz beginnt sich der 300.000-Einwohner-Marke zu nähern. Knapp 280.000 sind es aktuell, 5.000 neue BewohnerInnen kommen jährlich dazu. Die Stadtbaudirektion ortet daraus einen Bedarf von rund 2.500 neuen Wohnungen im Jahr. Verdichtung nach innen ist die Richtung, die im neuen Leitbild und dem Flächenwidmungsplan im Zentrum aller Maßnahmen steht.

Im Rahmen der URBAN FUTURE Global Conference und der Smart Cities Days 2016 Anfang März dieses Jahres in der Grazer Messe lud der Klima- und Energiefonds zu einer Presserundfahrt. Vertreter der Stadtbaudirektion und verantwortliche Architekten vor Ort präsentierten aktuelle Situation und Perspektiven bei den beiden Prestigeobjekten der Stadt Graz rund um das ehemalige Waagner-Biro-Gelände sowie der Reininghaus-Umgebung.

Laut Bertram Werle, dem Stadtbaudirektor von Graz, wird das Investitionsvolumen im Waagner-Biro-Areal rund um den Science Tower ca. 330 Millionen Euro betragen. Auf einer Fläche von knapp 50 Ha sollen bis 2020 Wohnungen für 7.000 Menschen geschaffen werden. Um eine Durchmischung der Bevölkerung zu erzielen werden die neuen Wohnungen in den verschiedensten Varianten angeboten. Ein Verhältnis der Start-, Miet- und Eigentumswohnungen wurde noch nicht festgelegt.
Ergänzt werden die Wohnbauten von Schulgebäuden, einem öffentlichen Park sowie Infrastrukturmaßnahmen, die ein funktionierendes Stadtteilzentrum mit kurzen Wegen gewährleisten sollen.

Für sämtliche Investoren gilt, dass 50 Prozent der Umwidmungsgewinne wiederum in Nachhaltigkeit investiert werden müssen, zum Beispiel werden so die Kosten des öffentlichen Parks von 5 Millionen Euro aus privater Hand finanziert. Eine Mobilitätsvereinbarung sieht Parkplatzdeckelungen vor (nur jede 2. bis 3. Wohnung wird über einen Autoabstellplatz verfügen können). Tiefgaragenbauten sind nicht im Konzept vorgesehen. Das gesamte Areal ist seit Jahrzehnten Industrieareal und Emissionen von Schadstoffen im Erdreich nicht auszuschließen. Die realisierten Abstellplätze werden eine oberirdische Lösung finden müssen. Die seit Jahren diskutierten Straßenbahnverlängerungen sowie Autosharingmodelle und Fahrradwegnetze haben vorrangige Prioritäten.

Als Idealzustand begleiten Bürgerbeteiligungsmodelle den Entwicklungsprozess durchgehend. Schon seit Beginn des Waagner-Biro-Projekts versucht ein Stadtteilmanagement die Bevölkerung vor Ort zur aktiven Teilnahme am Entwicklungsprozess zu gewinnen. Hier liegt, wie aus den Ausführungen zu entnehmen war, noch viel Überzeugungsarbeit.

Für die Gesamtlösung eines lokalen, autarken Energienetzes ist der „Leuchtturm“ dieser neuen Smart-City-Insel, der Science Tower, der Vorreiter. Das Ziel ist Strom, Wärme und Kälte völlig CO2-frei zu erzeugen. Hier herrscht derzeit Hochzeit für Experimentelles. Markus Pernthaler, der planende Architekt, sieht noch großen Entwicklungsbedarf, um die gewünschten Ziele erreichen zu können. Wie bekannt, wird Photovoltaik das äußere Energieherz des Turms sein. Weitere Forschungsschwerpunkte tüfteln an Stromspeicherungslösungen, intelligente Lüftungssysteme und dem beabsichtigten Urban Gardening auf den letzten Stockwerken des 60 Meter hohen Bauwerks.

Die Aktiv-Klimahaus-Wohnanlage in der Peter-Rosegger-Straße, den ersten Schritt in Richtung Smart City Graz – Reininghaus, stellte Architekt Werner Nussmüller vor. Auch hier wurde ein Mix aus Wohnung, Büros inklusive Infrastruktur versucht.
Die Siedlung mit 169 Wohnungen ist verkehrsfrei. Als  erste Siedlung mit reduziertem Parkplatzangebot – in einer Tiefgarage – in Graz ist auch hier eine Straßenbahnanbindung für eine Verkehrsentlastung in Planung. Das ursprüngliche Energiekonzept sah auch Autarkie vor. Teile der Bauten stehen auf einer ehemaligen Schottergrube. Schlauchsysteme im Boden sorgen für eine Nutzung von Erdwärme. Jeweilige Energieüberschüsse sollten zwischen Büros und Wohnungen wechselseitig Verwendung finden. Durch Leerstände im Bürobereich ist dieses Konzept noch nicht vollständig umgesetzt. Energie für Heizung und Warmwasseraufbereitung wird  teilweise durch die Erdwärme generiert, aber ein Fernwärmeanschluss ist nun auch vorhanden.
Nicht restlos glücklich ist Nussmüller mit der Umsetzung des Passivhausprinzips, für ihn ein eher auslaufender Trend. Teilweise schwanken die Verbrauchswerte in einzelnen Wohnungen bis zu 200 Prozent. Eine Ursache wird im Verbraucherverhalten gesehen. „Man lüftet halt gerne“, führte der Planer lakonisch als ein Beispiel an.
Zufrieden ist man mit der Auslastung der Siedlung. Wohnungen konnten gemietet werden, viele der Immobilien sind auch an Anleger verkauft worden. Der aktuelle Leerstand auf der Homepage ist mit zehn Wohnungen ausgewiesen.

Das größte Publikumsinteresse bei der URBAN FUTURE Global Conference galt – nicht wirklich überraschend – dem Stand von Thomas Pucher und dem Investor Wolfgang Erber. Im Zentrum des Ausstellerbereichs war ein aufwändiges Modell der zukünftigen Bebauung des Kerns der ursprünglichen Reininghausgründe aufgestellt.
In einem aufgelegten üppigen Magazin – Pucher Aspects – kommen auch der Grazer Bürgermeister und die anderen Investoren zu Wort. Laut Bürgermeister Siegfried Nagl werden rund 1,4 Milliarden Euro in den neuen Stadtteil investiert werden.
Nicht unähnlich den beiden vorgenannten Projekten werden auch hier geballte bauliche Innovationen, neuartige Energie-, Müll- und Verkehrkonzepte für die gut 100 Ha vorhandener Fläche vorgestellt.

In den letzten Monaten ist ein Großteil des Altbestands der ehemaligen Brauerei abgerissen worden. Thomas Puchers Green Tower wird heuer seinen Spatenstich als „Großstadtdschungel der anderen Art“ (Zitat Pucher) erleben. Reininghaus ist eine der fünf wieder für Hochhausbau freigegebenen Zonen von Graz. Mit über 60 Metern wird der Green Tower die erlaubten Vorgaben auch vollständig ausnutzen.
Die denkmalgeschützte Tennenmälzerei soll bis 2017 zu einem Kulturzentrum adaptiert werden. Als offener Ort mit internationaler Vernetzung soll sie nach Vorstellung der Planer die Entwicklung des neuen Stadtteils in unterschiedlichsten Programmfeldern sozial und kulturell begleiten.
Für die Finanzierung des „Reiningherzes“ erhofft man sich neben Gelder von Stadt und Investoren auch Mittel aus Crowdfunding-Kampagnen.

Zusammengefasst
Graz wird, wenn es nach seinen Innovatoren geht, sehr smart. Um eine energieeffiziente, ressourcenschonende und emissionsarme Stadt mit höchster Lebensqualität zu erschaffen, wird sehr viel Geld gebraucht.
Die Renderings zu den beabsichtigten Bauvorhaben sind beeindruckend, der Innovationen und guter Ideen viele.
Ob alles so wie präsentiert, umgesetzt werden kann und/oder wird, alle Abläufe und Systeme funktionieren werden, Interaktionen angenommen werden, wird die Zukunft zeigen.
Der Atem der Architekten wird lang sein müssen, Stadt, Behörden und Investoren redlich.
Noch bleiben viele der Kritikpunkte und damit möglicher zukünftiger Konfliktherde offen.
So heißt es noch warten auf Lösungen bei Lärm und Emissionen durch die Verschubzone im Güterbahnhofsbereich der ehemaligen Waagner-Biro-Gründe und der Schwerindustrie, die in unmittelbarer Nähe der Reinighausgründe bestehen bleibt.
Auch das wird um das Jahr 2020 für die Lebensqualität von erwarteten 20.000 bis 30.000 neuen BewohnerInnen der Smart City im Grazer Westen eine Rolle spielen.

Verfasser / in:

Emil Gruber
Stadtentwicklung Graz

Datum:

Di. 29/03/2016

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Kommentare

Reininghausgründe sind Verdichtung nach innen?

Irgendwie verstehe ich an diesem Artikel etwas nicht ganz:

"Verdichtung nach innen ist die Richtung, die im neuen Leitbild und dem Flächenwidmungsplan im Zentrum aller Maßnahmen steht.", heißt es in dem Bericht von Emil Gruber über das auf der Smart City Konferenz vorgestellte Stadtentwicklungsleitbild und dann wird im gleichen Atemzug das GREENFIELD (!) Projekt Reininghausgründe als Beispiel dafür angeführt?

Ein Areal wo man

- den öffentlichen Verkehr, Kanal-, Strom-, Wasser-, Fernwärme-, Telekommunikationsinfrastruktur erst hinführen muss
- ein öffentliches Wegenetz erst bauen und dann erhalten muss.
- soziale Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten, Kultureinrichtungen erst neu aus dem Boden stampfen muss
- einen geeigneten Mix aus Nahversorgung, Ärzteinfrastruktur, persönlichen Dienstleistungen etc. erst künstlich hochziehen muss (wenn es denn gelingt).
etc.

Während all diese Dinge in den zentraleren Stadtbezirken (ohne nennenserte Neuinvestitionskosten!) bereits vorhanden sind und wo man wohl um einen Bruchteil an öffentlichen Investitionen, einfach in dem man Nachverdichtungs- und Sanierungsanreize schafft und dort den öffentlichen Raum aufwertet, wohl ähnlich viel zusätzlichen Wohnraum schaffen könnte. Wenn Wohnraum tatsächlich das Argument sein sollte.

Infobox

Im Rahmen der der URBAN FUTURE Global Conference und der Smart Cities Days Anfang März 2016 wurden Status Quo und Perspektiven der beiden Prestigeprojekte der Stadt Graz am ehemaligen Waagner-Biro-Gelände und am Reininghaus-Areal durch Vertreter der Stadtbaudirektion und verantwortliche Architekten vor Ort präsentiert.

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