Smart City Quartier - blick schlossberg
Graz. Aber wo? In weniger als vier Jahren lautet die Antwort: Smart City Quartier. In Bildmitte: der Grazer Schlossberg, rechts außen: die Helmut-List-Halle
©: Martin Grabner

_Rubrik: 

Bericht
Smart City – Was, wie und warum?

Der Begriff Smart City ist seit einigen Jahren auch in Graz in aller (interessierter) Munde. Nicht zuletzt durch die erfolgreiche Einreichung des Smart City Project Graz Mitte beim Österreichischen Klima- und Energie Fonds, die mit einer vergleichsweise hohen Förderung von über 4,2 Millionen Euro verbunden ist. Die Zusage der Förderung schaffte es als Erfolgsmeldung bis in die Mainstream-Medien, das Schlagwort Smart City ist im kollektiven Sprachschatz angekommen. Zugleich sprießen weltweit Smart Cities aus dem Boden. Es lohnt sich also, einen Blick auf das zu werfen, was alles unter smart subsumiert wird und das Grazer Projekt in diesem Kontext zu betrachten.

Der Begriff Smart City wurde Ende der 1990er Jahre geprägt und stand zunächst für die Rolle von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in moderner (städtischer) Infrastruktur und Governance. Heute liegt der Fokus auf der nachhaltigen, postfossilen Stadt und mit Smart City werden Konzepte bezeichnet, wie Städte (auch) mithilfe der IKT ihre Ressourcen intelligenter und effizienter einsetzen und nutzen können. Neben smarten Energie-, Mobilitäts- und anderen Infrastruktursystemen spielen die Wettbewerbsfähigkeit, soziale Faktoren, Lebensqualität und partizipative Ansätze in der Stadtplanung eine Rolle. Smart Cities zeichnet nicht zwingender Maßen das eine große Neubau-Projekt aus, sondern ebenso das Vernetzen und Vertiefen von bestehenden Aktivitäten mit dem Ziel einer fortschrittlichen und lebenswerten Stadt. Die Schwerpunkte werden je nach Projekt sehr unterschiedlich gesetzt, auch verschwimmen die Grenzen zu ähnlichen Begriffen wie Green City oder Sustainable City.

Smart Future Graz
In Österreich wurden und werden bisher 34 Projekte durch die 2010 etablierte Smart-Cities-Initiative des Klima- und Energiefonds gefördert. Das Projekt Smart City Graz wurde beim 2. Call eingereicht und als österreichisches Leitprojekt ausgezeichnet (was auch die Chancen auf EU-Förderungen erhöhte). Es baut unter anderem auf dem beim 1. Call durchgeführten Vorgängerprojekt I live Graz auf, das ebenfalls unter der Führung der Stadt Graz / Stadtbaudirektion eingereicht wurde. 13 Partner, neben der Stadt Graz die TU Graz, Energie Steiermark, Energie Graz, Holding Graz und das für die Planung verantwortliche Architekturbüro Pernthaler Architekt ZT GmbH, konzipieren und errichten bis 2017 die Grundlagen für ein energieoptimiertes und funktional durchmischtes Stadtquartier im Grazer Westen.
Im 49 ha umfassenden Smart City Quartier werden Demonstrations-Bauprojekte errichtet, die neue Technologien zur Nutzung und Vernetzung erneuerbarer Energiequellen erproben. Die hier gemachten Erfahrungen sollen sukzessive für andere Stadtteile weiterentwickelt werden. In einem integrativen und partizipativen Planungsprozess entsteht ein ökologisch und sozial nachhaltiges Quartier, das den Kern des insgesamt 160 ha großen Smart City Stadtteils darstellt. Dabei werden neuartige, transluzente Solarmodule, die auch bei schwachem oder diffusem Licht Strom erzeugen (Grätzel-Zelle), Mini-Blockheizkraftwerke und integrierte Fassadentechnologien eingesetzt, um in der Stadt Strom, Heizwärme und Kälte zur Kühlung zu erzeugen.
Neben den Bauten des Demoprojekts – dem Forschungsturm, einem Auftriebskraftwerk, der Energiezentrale und dem lokalen Energienetz – entstehen in der ersten Phase außerdem rund 80 Wohneinheiten und die Helmut-List-Halle wird energetisch in ihr neues Umfeld integriert. Mit der Energieproduktion, dem Smart Heat Grid und einem nachhaltigen Mobilitätskonzept (öffentlicher Verkehr, attraktive Rad- und Fußwegverbindungen und E-Mobility) soll ein CO2-neutrales Stadtquartier Realität werden.
In das Demoprojekt werden rund 25 Mio. Euro investiert, in den Wohnbau weitere 51 Mio. Die Kosten für das gesamte Quartier inklusive Schulcampus (VS und NMS) und Straßenbahnverlängerung werden bis 2025 mit 314 Mio. Euro kalkuliert. Im Rahmen der Architekturtage 2014 gibt es am 17. Mai die Gelegenheit, mit Architekt Markus Pernthaler vor Ort einen Blick auf die zukünftige Entwicklung zu werfen (www.architekturtage.at).

Und was machen die anderen?

Amsterdam
Der Blick soll aber nicht nur in die Zukunft, sondern auch über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus geworfen werden.
Eine der ersten Smart Cities in Europa war Amsterdam, wo 43 Projekte, großteils in drei Stadtteilen, unter dem Label Amsterdam Smart City firmieren. Die vielfältigen Initiativen konzentrieren sich auf die fünf Themenfelder Wohnen, Arbeiten, Mobilität, öffentliche Einrichtungen und Open Data. Interessant für die Grazer Perspektive sind vor allem die Stadtentwicklungs- und Energieversorgungskonzepte für den Stadtteil Nieuw-West, wo ein Smart Grid schon 10.000 der rund 40.000 Haushalte verbindet, und die Climate Street, eine typische Einkaufsstraße, die ökologisch nachhaltig entwickelt wird und auch auf eine Bewusstseinsbildung und Verhaltensänderung bei den BürgerInnen abzielt. Mit dem Schwerpunkt Open Data zeigen die Niederländer ganz offen einen Aspekt, der den meisten smarten Technologien immanent ist, aber oft dezent verschwiegen wird: Um zu funktionieren, brauchen Smart Grids, intelligente Mobilitätslösungen oder auch einfach nur der oft zitierte, mitdenkende Kühlschrank mit Internetanschluss von uns Informationen, die miteinander verknüpft und ausgewertet werden. Privatsphäre und der wirksame Schutz vor Datenmissbrauch sind also ein Thema, das aktiv angegangen werden sollte.

Kopenhagen
Auch Kopenhagen gilt als eine Vorreiterin, was innovative Projekte in den Bereichen Energie und Klimaschutz angeht. Ziel der dänischen Hauptstadt ist es, bis 2025 CO2-neutral zu sein. Wie in Amsterdam, hat der motorisierte Individualverkehr hier einen sehr geringen Anteil am Modal Split, während der Radfahrer-Anteil deutlich höher ist als in österreichischen Städten. Das ist auch das Ergebnis konsequenter Maßnahmen zur Attraktivierung des öffentlichen Verkehrs und des Fahrradfahrens und dem Ende der Bevorzugung des Autoverkehrs, die in ganz Europa über Jahrzehnte die Norm war.
Die Stadt der kurzen Wege ist folgerichtig auch ein Ziel von Skandinaviens größtem Stadtentwicklungsprojekt Nordholmene Urban Delta unter der federführenden Planung der dänischen COBE Architekten. Auf dem, noch teilweise als Hafen genutzten, Inselareal Kopenhagens werden eine hohe Dichte und funktionale und soziale Durchmischung forciert und neue Kanäle und Grünbereiche geschaffen. Bis 2050 sollen Wohnraum für 40.000 Menschen und ebenso viele Arbeitsplätze geschaffen werden. Durch den Einsatz innovativer Technologien – Geothermie, Windkraft, Wärmepumpen und der Biomasse-Energiegewinnung aus Algen – soll Nordholmene sogar CO2-negativ sein. Gebaut wird am 200 ha großen Areal seit 2012.

Helsinki
Das Projekt Smart Energy Kalasatama in Helsinki soll in dem in Entwicklung befindlichen Stadtteil ein Smart Grid etablieren, das neben der umfangreichen Integration von Elektromobilität auch ein hoher Anteil an erneuerbaren Energien auszeichnet. Weitere smarte Netze umfassen das Abfallentsorgungssystem, ein Mobilitätsmanagement und den öffentlichen Raum. Der Entwicklungshorizont des für 20.000 Bewohner und 8.000 Jobs konzipierten, 175 ha großen Stadtteils ist bis etwa 2035 veranschlagt.

Wien
Glaubt man den vielen internationalen Rankings, brauchen sich die österreichischen Städte aber nicht verstecken. Laut dem, vom US-Klimastrategen Boyd Cohen publizierten, aktuellen Smart City Index ist Wien die drittsmarteste Großstadt Europas, nach Kopenhagen und Amsterdam sowie vor Barcelona. Ausschlaggebend waren vor allem die Bürgersolarkraftwerke, E-Mobility und der Innovationsbezirk Neu Marx. Unter dem Dach Smart City Wien fasst die Bundeshauptstadt zahlreiche Projekte aus den Bereichen Verkehr und Stadtentwicklung, Umwelt und Klimaschutz, Wohnen, Bildung und Forschung, Verwaltung und Gesellschaft zusammen. Das Wiener Vorzeige-Stadtentwicklungsprojekt ist die Seestadt Aspern. In das mit 240 ha größte Stadtentwicklungsprojekt Österreichs sollen im Herbst 2014 bereits die ersten Bewohner einziehen, bis 2028 sollen es 20.000 Bewohner und 20.000 Arbeitsplätze sein. Durch die 2013 gegründete Aspern Smart City Research, eine Kooperation von Siemens und Wien Energie, soll die Seestadt zu einem Echtzeitlabor werden. Der Schwerpunkt liegt in der Energieeffizienz und intelligenten Vernetzung von Erzeugung, Speicherung und Verbrauch. Die auch oft kritisierte städtebauliche Qualität des Projekts hier zu analysieren, würde allerdings den Rahmen sprengen.

Österreichweit finden sich unter den vom Klima- und Energiefonds geförderten Projekten weitere Quartiersentwicklungen im Rheintal (u.a. mit Holzhochhäusern in Bregenz), Villach, Salzburg-Gnigl und Hartberg, die sich zumeist um Smart Grids und Mobilitätskonzepte drehen.

Auch wenn sich der Erfolg und die positiven Auswirkungen von Smart Cities nur langfristig messen lassen, kann in Graz zumindest der Start schon bald miterlebt werden: Am 26. März 2014 eröffnet vor Ort der Stadtteiltreff des Vereins StadtLABOR Graz und der Spatenstich für das erste Demonstrations-Bauwerk – den Forschungsturm – erfolgt ebenfalls noch im März.

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Mo. 03/03/2014

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Im Fokus:
ENERGIE BAU KULTUR

Der Erfolg des Projekts Smart City Graz als österreichisches Leitprojekt mit einer Förderung von 4,2 Mio Euro aus dem Klima- und Energiefonds des Bundes hat das Schlagwort Smart City in den Köpfen verankert.

Am 26. März 2014 eröffnet vor Ort der Stadtteiltreff des Vereins StadtLABOR Graz.

Der Spatenstich für das erste Demonstrations-Bauwerk, den Forschungsturm, erfolgt ebenfalls noch im März 2014.

Kontakt:

Kommentar antworten