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Rezension
Sinn und Krise moderner Architektur

Mit „Sinn und Krise moderner Architektur“ legt Jörn Köppler ein ziemlich umfangreiches Grundsatzwerk vor. Der Autor war von 2001 – 2007 Assistent am Institut für Architekturtheorie und Baukunst der TU Graz unter den Vorständen Pierre-Alain Croset und Ullrich Schwarz. Er verfolgt akribisch und fundiert argumentierend einzelne Konzepte aus der frühen Moderne auf ihrem Weg durch die Denkschichten. Ein Beispiel: „Die genuine Perspektive des Geistigen auf die Wirklichkeit, ob also und welche Wahrheit in ihr sei, geht in der späten Moderne in die innere Zerstreuung über, die das Geistige selbst schließlich als Unmögliches erkennt“. Er rastert alles ab, was in der Beschreibung von Architektur oder in der Kritik an ihr, in den Forderungen und Ansprüchen auch, historisch ebenso wie gegenwärtig, vorkommt - Schönheit, Weltbild, Zweifel, Krise, das Erhabene, etc. - und besonders spannend wird es, wenn er zu Wörtern wie Branding, Performance, Networking hinüber baggert. Grob gesagt, sucht der Text nach den Abbildungen des Denkens, der Weltbilder zwischen Natur und Kultur in der Architektur: Wie tut das Etienne-Louis Boullée, wie Schinkel? Und ab wann greift das physisch-technische Denken ein? Von höchster Aktualität ist die klare Beschreibung der Transfers diverser Konzepte; des Weihevollen etwa auf die Wirtschaft, genauer gesagt, die Übertragung der Idee des Tempels auf eine Fabrik, die Köppler anhand der Salinen Chaux, von Claude-Nicolas Ledoux 1774, so beschreibt: „Nach der dem Raumcharakter des Tempelbezirkes entsprechenden langsamen, fast demütigen Annäherung an das Haus des Direktors betritt der Besucher dies durch einen mächtigen Portikus, hinter dem die relativ niedrige Raumschwelle des Einganges liegt (…) Fortgeführt ist der Weg in das innere Zentrum der Anlage dann in der zweiläufigen Treppe, welche vom Vestibül zum Vorraum der Kapelle führt. Mit dem Eintreten in diese dann: Licht, Elevation und der Blick auf eine über dem Betrachter liegende leere Apsis (…).“ Solche Transfers gehen möglicherweise mit Pathetisierungen einher, die dann absichtlich und politisch-opportunistisch Mangel (an Gefühl, an Sinn, an Ornament, an Heimat) einfordern. Über den Ingenieurbau und seinen abstrahierenden Einfluss auf die Architektur, immer im Spannungsfeld der Bau-Kunst, identifiziert der Autor dann die Tools der klassischen Moderne, die zu einer „Architektonisierung des abstrakten Bauens“ führen, wie der Autor es ausdrückt. Wie schlagen diese, durch Futurismus und Postmoderne gebrochen, in die Gegenwart durch? Wenn alle Kapitel anregend sind, so ist der Teil doch der spannendste, weil er direkt in das Hier und Jetzt der „Zweiten Moderne“ herauf gesponnen wird und somt Graz als eine „Strömung“ unter anderen berührt.
Jörn Köppler schließt all jene kurz, die über mangelnde theoretische Grundlagen im Architekturdiskurs jammern. Endlich gibt es ein Update!

Köppler Jörn
Sinn und Krise moderner Architektur. Zeitgenössisches Bauen zwischen Schönheitserfahrung und Rationalitätsglauben. 2010 transcript Verlag, Bielefeld.

Zum Autor:
Jörn Köppler (Architekt Dr. techn.) führt gemeinsam mit seiner Frau Annette Köppler-Türk in Berlin und Potsdam das Architekturbüro „Köppler Türk Architekten“ (www.koeppler-tuerk.de).

HINWEIS:
sonnTAG 340 "Das demolierte Paradies: Von der vergessenen Kunst, eine Stadt zu bauen" - von Jörn Köppler

Verfasser / in:

Maria Nievoll

Datum:

Fr. 08/10/2010

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Infobox

Zum Autor:
Jörn Köppler (Architekt Dr. techn.) führt gemeinsam mit seiner Frau Annette Köppler-Türk in Berlin und Potsdam das Architekturbüro „Köppler Türk Architekten“ (www.koeppler-tuerk.de).

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