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Im Durchgang zum Hinterhof dominiert rohes Trapezblech
©: Thomas Raggam

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Interview
To share or not to share

In einer Woche bekommt das kulturaffine Graz wieder seinen alljährlichen temporären Treffpunkt: das Festivalzentrum des steirischen herbst und die dazugehörige herbstbar. Dieses Jahr stammen Konzept und Gestaltung von den Grazer Architektenteams Supersterz und .tmp architekten. In der ehemaligen Polizeidienststelle in der Paulustorgasse wird noch bis zur Eröffnung am Samstag, dem 27. September an einer Werkstattatmosphäre samt namensgebendem Hinterhof gearbeitet, die zu Aneignung aller Art anregen soll. Die Vereine Fahrradküche und Druckzeug helfen beim Aktivwerden in der „Fortress of Backyards“. GAT hat mit Martin Mechs (.tmp architekten) und Johannes Paar (Supersterz) über das Konzept, Abgründe und Potenziale von Hinterhöfen und das Teilen gesprochen.

Das Leitmotiv des steirischen herbst ist dieses Jahr ambivalent und vielschichtig. „I prefer not to ... share!“ thematisiert Teilen und die Frage, ob man das überhaupt möchte, im weiten Spektrum von der Flüchtlingspolitik Europas über die Sharing Economy bis hin zum Teilen von Inhalten auf Facebook.Wie drücken sich das Teilen und das Nicht-Teilen in der „Fortress of Backyards“ aus?

Martin Mechs: Das diesjährige Festivalzentrum ist eigentlich eine paradoxe Intervention. Einerseits die klare räumliche Abgrenzung zur Nutzung durch die Polizei, die mit Teilen erst mal nichts zu tun hat. Und dann ermöglicht der entstehende Hof diese ganz andere Form der Nutzung, in deren Zentrum das Teilen steht.

Johannes Paar: Bespielt wird der Hinterhof von den Vereinen Fahrradküche und Druckzeug, die sich das Teilen zum Leitthema gemacht haben. Sie teilen Wissen und Möglichkeiten, Handwerk und Werkzeug. Die gebaute Geste ist aber in erster Linie die räumliche Abgrenzung.

Der Ort ist in eurem Konzept offensichtlich ein wichtiger Faktor. Die Polizei markierte einen Ort der Ordnung und durch das Kunstfestival wird dieser in sein Gegenteil verkehrt.

Johannes Paar: Es ist fast schon ein Widerspruch, in so einem Rahmen ein Kunstfestival abzuhalten. Die ehemalige Funktion als Polizeidienststelle ist noch unheimlich präsent und ein starker Kontrast zu dem Programm, das der steirische herbst in das Gebäude bringt.

Das zentrale Motiv des Festivalzentrums ist der Hinterhof. Was macht die Charakteristik dieses Raumtyps aus, was sind seine Qualitäten?

Johannes Paar: Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Hinterhöfen, vom gemeinschaftlichen, städtischen bis zum eher privaten am Stadtrand. Gemeinsam ist ihnen, dass sie überschaubare Räume sind.

Martin Mechs: Im Grunde ist der Hinterhof ein introvertierter Raum, wo man frei schalten und walten kann, wo man seine Obsessionen ausleben kann.

Johannes Paar: Im Hinterhof eines Einfamilienhauses mit seiner hohen Thujenhecke, kann sich das spießige Kleinbürgertum ausbreiten. Da geschieht Positives wie Negatives, Produktives wie Reaktionäres.

In der vormodernen Stadt waren die Hinterhöfe und -gassen eine zweite Welt im Halbdunkel, bevölkert von ebensolchen Gestalten. Ein romantisches Motiv einer informellen Gemeinschaft?

Martin Mechs: Weniger Romantik als Härte. Die dunklen Gestalten sind ja auch eine romantische Verklärung einer gewissen Brutalität.

Johannes Paar: Das leicht Bizarre, Abstoßende, das man aus Filmen wie Hundstage kennt, wo das Kleinbürgertum mit dem adrett gemähten Rasen auf die Spitze getrieben wird. Wir versuchen den Hinterhof aber vor allem positiv zu belegen, als Werkstatt und als Raum für Kommunikation und Austausch.

Das Konzept nimmt darauf mit seiner Kleinteiligkeit Bezug…

Martin Mechs: ... und mit der Materialität. Mit den Materialien erzeugen wir eine Werkstattatmosphäre. Es ist alles roh, keine edlen Teile, sondern „as found“.

Johannes Paar: Der Charakter vom Hof sowie der Bar und dem Café im Inneren wird von einem Pool aus Readymades bestimmt, die Bastleratmosphäre verbreiten: Stühle, Bierkisten, Traktorreifen. Wir setzen viele Dinge ein, die man wieder trennen und recyceln kann, und einige Gegenstände leihen wir uns auch nur aus.

Hier, im Eingangsbereich, stehen wir zwischen neu hochgezogenen Wänden aus Trapezblech. Die Wand ist ein wichtiges Element der „Fortress of Backyards“. Welche Rollen nimmt sie ein?

Martin Mechs: Sie grenzt ab und verbindet, leitet den Blick und fasst Räume.

Johannes Paar: Als Band zieht sie sich wie eine Klammer vom Straßenraum über den Durchgang in den Hinterhof. Außen ist sie ein Leitsystem, im Durchgang erzeugt sie durch die Homogenisierung einen Sog, der den Blick in den Innenhof lenkt. Dort wird sie dann zur abgrenzenden Wand.

Martin Mechs: Sie ist die Projektionsfläche für den Werkstattcharakter. Und außen ist die Blechverkleidung, die im Kontrast zur denkmalgeschützten Fassade steht, eine Kulisse, die Inszenierung eines Kulturevents.

Das Festivalzentrum liegt dieses Jahr wieder im Zentrum der Stadt, was sicher die Intention der aktiven und aneignenden Benutzung durch das Publikum unterstützt.

Martin Mechs: Ja. Ebenso wie die einfache, rohe Materialität. Das Palais Wildenstein ist neben dem Palais Attems das wertvollste Barockpalais der Stadt und wir versuchen einen Ort zu inszenieren, der zur Aneignung animiert. Mit dem Hinterhof wollen wir einen Nukleus für spontane Aktionen schaffen.

Johannes Paar: Ohne jetzt direkt einen Aufruf zu formulieren! (lacht)

Im Festivalprogramm wird auf das Teilen und Posten in sozialen Medien verwiesen. Kann Architektur als realer Chatroom noch mit den sozialen Medien konkurrieren?

Martin Mechs: Die Herbstbar ist für das Grazer Publikum traditionell ein wichtiger Ort der Kommunikation. Es ist einfach schön gemeinsam etwas zu feiern oder zu erleben, das hat eine ganz andere Wertigkeit als ein selbstdarstellerisches Statusupdate auf Facebook oder Twitter.

Der Hinterhof zählt zur schwammig definierten Kategorie der halböffentlichen Räume.

Martin Mechs: Was dieser spezielle Ort bisher überhaupt nicht war. Wollte man hinein, musste der Portier einem die schusssichere Türe öffnen.

Ist der Raum des Hinterhofs, der sich durch Multifunktionalität und seine heterogenen Nutzer auszeichnet, genau das, was wir uns von Urbanität erwarten? Lassen sich seine Qualitäten skalieren und in den öffentlichen urbanen Raum transferieren?

Martin Mechs: Es ist keine Frage, dass die Nutzungsmischung durch das Kleingewerbe, wie es etwa der Innenhof von Druckwerk in der Annenstraße bietet, eine enorme Bereicherung für die Stadt ist. Im Gegenteil zu vielen anderen Bereichen der Stadt werden hier die Potenziale der Erdgeschoßzone ausgenützt.

Da wir über Teilen reden. Ihr – also .tmp architekten und Supersterz – teilt euch ja auch dieses Projekt. Zufall, Absicht, Zwang?

Johannes Paar: Das war schon Absicht! (lacht) Der steirische herbst hat zu einem Wettbewerb geladen, an dem wir gemeinsam teilgenommen haben.

Martin Mechs: Ich glaube, es ist sowohl für die Projekte ein Gewinn, wenn sich zwei Büros mit unterschiedlichen Stärken zusammentun, als auch für die Partner. Als Einzelperson oder kleines Büro kann man den immer komplexer werdenden Anforderungen an Projekte fast nicht mehr gerecht werden. Wie die Protagonisten im Hinterhof des Festivalzentrums teilen auch wir Know-how und Fähigkeiten.

Und ich freue mich auf die Eröffnung! Vielen Dank für das Gespräch.

Verfasser / in:

Martin Grabner
steirischer herbst

Datum:

Mo. 22/09/2014

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Infobox

Am 27.09.2014 wird das Festivalzentrum des steirischen herbst 2014 und die dazugehörige legendäre herbstbar in der ehemaligen Polizeidienststelle in der Paulustorgasse eröffnet. Im Fokus: der Hinterhof. Gestaltung: Supersterz & .tmp architekten.

Fortress of Backyards
Festivalzentrum steirischer herbst 2014
Palais Wildenstein
27.9.–19.10.2014
Di–Do 12-01
Fr–Sa 12–03
So 12–22

Supersterz & .tmp architekten
Tobias Brown, Bernhard Luthringshausen, Martin Mechs, Johannes Paar, Uli Tischler

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