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Die Straßenfassade, gesehen vom gegenüberliegenden Gebäude.
©: Peter Eder

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Bericht
Schmetterling, geschlüpft aus dem Strehly-Haus

Die Baustelle ist weg. Das ist für die meisten Passanten wohl das Augenfälligste daran, dass der Umbau des "Strehly-Hauses" in der Sporgasse abgeschlossen ist. Es gehört zum Schicksal solch sensibler Eingriffe in ein bestehendes Ensemble, so gut wie unsichtbar zu bleiben. Nur der elegant beleuchtete Durchgang in den Innenhof deutet darauf hin, dass hinter der restaurierten Fassade doch um einiges mehr passiert ist. Im Rahmen einer umfassenden Sanierung wurden vom Grazer Architekten Christian Andexer im denkmalgeschützten, 1596 erstmals erwähnten Haus Sporgasse 12 und dem, etwas später entstandenen Haus Nr. 14 mit seinen zwei Hinterhäusern Geschäftsflächen und 21 Wohnungen geschaffen.

Gerade in einer baukulturell wertvollen Altstadt wie der von Graz ist es unbedingt notwendig, neuen, zeitgemäßen Wohnraum zu entwickeln, um ein lebendiges städtisches Leben zu erhalten und zu forcieren. Im historischen Kern von Graz wurde über Jahrhunderte hinweg immer gewohnt, Handel betrieben und gearbeitet. Eine Politik der ausschließlichen Konservierung würde diese Qualitäten gefährden. Den kontinuierlichen Veränderungen von Nutzung, Sozialstruktur und wirtschaftlicher Entwicklung muss auch räumlich Rechnung getragen werden, die baulichen Strukturen müssen – mit Respekt vor dem historischen Bauerbe – den heutigen Anforderungen angepasst werden. Andexer, der sich intensiv mit dem Bauen in sensiblem Bestand beschäftigt und derzeit an der Überarbeitung des Masterplans des Grazer UNESCO-Weltkulturerbes arbeitet, betont, dass die Erhaltung der Authentizität und Integrität der Altstadt auf keinem Fall kompromittiert werden dürfe. Ebenso wenig dürfe bei Interventionen aber der Mut fehlen, das Neue hin und wieder aus dem Alten herausschauen zu lassen. Die Integration hochwertiger zeitgenössischer Architektur in das historisch gewachsene Ensemble ist eine spezifische Qualität von Graz. Darauf weist auch die Begründung für die Ernennung der Grazer Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe explizit hin. Dieses Potenzial sollte sowohl aus kulturellen als auch aus wirtschaftlichen Gründen (als Alleinstellungsmerkmal im Städtewettbewerb) forciert werden.

Andexers Projekt in der Sporgasse richtet sich mit Wohnungsgrößen zwischen 30 und 90 m² vor allem an junge Menschen und "Rückkehrer" in die Stadt. Dass nach Wohnungen im unmittelbaren Zentrum eine große Nachfrage besteht, bestätigte sich für die Wesiak GmbH., die das Projekt als Anlegerobjekt realisierte: Innerhalb eines Tages waren alle Wohnungen vermietet. Obwohl auf dem Papier "nur" den Standards des sozialen Wohnbaus entsprechend, bieten die Wohnungen atmosphärische Qualitäten, die in einem Neubau nie erreicht werden können. Die Räume beinhalten die Struktur und damit alle Eigenheiten des Bestandes. Individuelle Lösungen lassen abwechslungsreiche und spannende Innenräume entstehen: Stark variierende Raumhöhen, teilweise ziemlich schräge Holzriemendecken aus der Renaissance und schiefwinkelige Verschneidungen geben jedem Raum einen einzigartigen Charakter. Raffinierte Details wie die schrägen Unter- und Oberkanten der Gaube, die sich am Gefälle der Sporgasse orientieren, fügen sich wie von selbst in dieses Umfeld.

Die Grundrisse sind über die volle Tiefe von 20 Metern durchgesteckt und ermöglichen so eine Belichtung von beiden Seiten. Dafür wurde zusätzlich zum renovierten Arkadenhof, in dem historische Säulen freigelegt wurden, ein neuer Lichthof herausgebrochen. Der ursprünglich mittelalterliche Bestand hielt auch für die Statiker eine Überraschung bereit: Während der Bauarbeiten wurde entdeckt, dass sich die Häuser der Sporgasse gegenseitig abstützen und damit auch konstruktiv nicht völlig isoliert von ihren Nachbarn betrachtet werden können. Die Erschließung geschieht über ein offenes Stiegenhaus und Laubengänge, der Hof auf dem Niveau des ersten Obergeschoßes bietet sich als Kommunikationsraum für die Bewohner an. Der hohe Dachraum wurde, dem (im Sinne einer lebendigen Altstadt ausgesprochen erfreulichen) Bedarf an zusätzlichem innerstädtischem Wohnraum folgend, ausgebaut und beherbergt nun Maisonette-Wohnungen.

Eine außergewöhnliche Dachauffaltung bringt Licht auf beide Ebenen des Dachausbaus und präsentiert sich vom Schloßberg aus gesehen als geschlossenes Ziegeldach. Die ASVK beschreibt diese Schmetterlingsgaube in ihrer ersten Stellungnahme als "originelle Idee einer Aufklappung des Daches", die "auch im Sinne der Intentionen der Altstadtkommission für zukünftige Projekte eine Reihe von neuen Möglichkeiten für den Schutz des Erscheinungsbildes von Dachflächen bietet".* Einen Absatz später lehnt sie den Vorschlag für den "gegenständlichen Fall" jedoch mit der Begründung ab, dass "eben diese Stelle der Sporgasse von ganz besonderer Bedeutung für die Identität des äußeren Erscheinungsbildes und der Dachflächen-'Landschaft' für die Innenstadt von Graz"* sei. Außerdem gäbe es noch keine Vergleichsmöglichkeiten und die "innovatorische Lösung"* könne von anderen Bauwerbern als Präzedenzfall herangezogen werden. Dass die Schmetterlingsgaube in etwas kleinerer Ausführung zwei Einreichungen später trotz dieses nicht unbedingt nachvollziehbaren Urteils realisiert werden konnte, ist unter anderem dem guten Einvernehmen mit dem Altstadtanwalt zu verdanken.

Die Dachlandschaft von Graz wird am besten erhalten, indem sie genutzt wird. Dass eine zeitgemäße Nutzung kein Widerspruch zur Erhaltung ihres Charakters sein muss, zeigen Großprojekte wie der Dachausbau von Kaster & Öhler ebenso wie kleinere Eingriffe. Wie eben Andexers Umbau des Strehly-Hauses. Das zentrale Kriterium ist das geschlossene Gesamterscheinungsbild der Dachlandschaft, insbesondere vom Schloßberg aus gesehen, dem mit kreativen Ansätzen jedoch sehr gut entsprochen werden kann. Da Institutionen wie die ASVK bisher oftmals konservatorischen Ansätzen den Vorzug gegeben haben, bedarf es neben großer Ausdauer und privatem Engagement oft auch einer gewissen Leidensfähigkeit seitens der Architekten und Bauherren, wollen sie neue Wege beschreiten. Allerdings auch dann, wenn der Architekt selbst der ASVK angehört, wie der lange Verfahrensweg Andexers in diesem Fall zeigt. Das Projekt wurde übrigens noch von der "alten" ASVK begutachtet – der neue Vorsitzende Wolfdieter Dreibholz hat angekündigt, gegenüber zeitgenössischer Architektur auf hohem Niveau offener sein zu wollen. Hoffentlich nicht nur für internationale Stararchitekten, sondern auch bei lokalen, budgetär enger bemessenen Projekten.

*) Zitate aus der Stellungnahme der Grazer Altstadt-Sachverständigenkommission vom 15. Juni 2009.

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Do. 28/07/2011

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