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Bild 1: Das Hilmteichschlössl mit den beiden Anbauten und dem Pavillon (ganz rechts)
©: Peter Laukhardt

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Kolumne
Schau doch! 05

Eigentlich sollte jetzt schon der südliche Teil des Hilmteichstraße zur Sprache kommen. Aber bei den Vorbereitungen dazu kam ich zur Erkenntnis, dass wir uns darauf mit einer „Schnaufpause“ vorbereiten sollten. Auch wenn die Entstehung des ältesten Grazer Erholungsareals – des Hilmteichs mit dem Leechwald – schon besprochen wurde, wollen wir uns mit seiner Entwicklung in den letzten Jahrzehnten beschäftigen. In der aktuellen Situation der Corona-Pandemie ist ja eine grandiose Wiederauferstehung der Naherholungsgebiete zu bemerken.

Dass der Leechwald nicht verbaut wurde, ist auch der damaligen Gemeindesparkasse zu verdanken, die 1907 das 9 Hektar große, damals bereits von einem Wiener Bauunternehmer parzellierte Wald-Gelände oberhalb des Hilmteichs für 400.000 Kronen erwarb und für eine symbolische Pacht der Obhut der Stadt übergab; noch heute ist die Steiermärkische Sparkasse als Rechtsnachfolgerin im Besitz dieses wichtigen Erholungsraums – wie übrigens auch des Augartens.

Wir haben hier ein Gebiet vor uns, das vom Denkmalschutz geprägt ist. Das Wartehäuschen der Straßenbahn (Bild 2), das Hilmteich-Schlössl (Hilmteichstraße 70, Bild 1) mit dem ehemaligen Kassenhäuschen, das Schweizerhaus (Nr. 110, Bild 3),  und die zwei Gebäude des ehemaliges Forsthauses, heute Waldschule (108, Bild 4), bilden ein Ensemble von sechs geschützten Objekten. Gleich darüber sind zwischen dem Roseggerweg und der Krankenhaus-Einfahrt zwei Hügelgräber-Gruppen aus der Römerzeit zu sehen (Bild 5). Noch etwas höher und abgelegener ist die Villa Attems bzw. Leechwald-Villa (Nr. 104). Und ganz im Nordosten sind die Hilmwarte und ihr Pförtnerhaus (Roseggerweg 31) im öffentlichen Interesse geschützte  Bauwerke. „Natürlich“ gibt es hier auch Naturdenkmäler, wie etwa die Hemlocktanne vor der Villa Attems (Bild 6).

Sehen wir uns nun die einzelnen Bauten in ihrer heutigen Gestalt näher an. Das mit zwei Türmchen 1859 fertiggestellte Restaurantgebäude, deshalb auch als „Hilmteich-Schlössl“ bezeichnet (Bild 1), wurde nach jahrelangem Stillstand 2006 durch die Firma Lederleitner als Geschäftsladen mit angeschlossenem Restaurant wieder zum Leben erweckt. Dabei wurde u. a. die mittlere Halle von der Zwischendecke befreit und damit die ehemalige Musikempore wieder zu schöner Wirkung gebracht. Zwei würfelförmige, verglaste Anbauten an den beiden Seiten haben das Erscheinungsbild keinesfalls nachteilig beeinflusst, so dass man von einer gelungenen Revitalisierung eines Denkmals sprechen kann.
Dass der Neugestaltung des Umraumes die Kastanienbäume im Gastgarten weichen mussten und man nicht mehr direkt am Ufer sitzen kann, ist allerdings bedauerlich. Kurz nach der Eröffnung musste ja erst nach heftigen Protesten durch einen über das Teichufer geklappten Steg für Fußgänger der notwendige Platz geschaffen werden. Auch das frühere Kassenhäuschen – ein kleiner Pavillon, der ab 1894 der Mariatroster Tramway als Haltestelle Mariagrün diente, wurde erst 1998 nach Restaurierung hierher verlegt – steht jetzt eher funktionslos da.

Am südlichen Ende des Hilmteiches wurden als „Pier“ für die Bootsfahrer vor Kurzem ein schwimmender Holzbau errichtet, der hier etwas befremdlich wirkt und der schräg gegenüber liegenden nüchternen Toilettenanlage auch keinen ästhetischen Widerspruch entgegensetzt.

Das Schweizerhaus (Bild 3), ebenfalls 1859 als Bierlokal mit Eiskeller errichtet, beherbergte zwischen 1950 und 2011 die beliebte Tanzschule von Julius Kummer und seiner charmanten Frau Erika, die zwischenzeitlich zur größten Tanzschule Österreichs aufstieg und auch noch von der Tochter Daniela weitergeführt wurde. Die spektakulären Vollgas- „Einritte“ des späteren Automobil-Weltmeisters Jochen Rindt zu den Übungsabenden, die dem Leechwald-Unterholz schwere Verluste brachten, werden aber unvergesslicher bleiben als seine Tanzkünste.

Leider veränderten Um- und Anbauten zwischen 1972 und 2006 den Gesamteindruck ziemlich einschneidend, der heute nicht mehr als harmonisch zu betrachten ist. Die Fassade des Mittelrisalits hat nach Restaurierung aber die Form des Altbaus gewahrt: der Balkon und das von geschnitzten Holzträgern gestützte, weit vorspringende flache Satteldach sind eine Augenweide. Im Innern ist allerdings noch immer die schöne Kassettendecke aus der Bauzeit erhalten. Schade ist es auch um das ehemalige Parapluie am Rand des Abhangs zum Hilmteich, in dem eine Tanzkapelle aufspielte. Das sind Details, die ebenso wie das verkommene Geländer um den Teich, von den schönen, gepflegten Parkanlagen ringsum wieder aufgewogen werden. Der in unmittelbarer Nähe im Jahre 2008 zwischen den Bäumen des Leechwalds angelegte Hochseilgarten gehört zur bedeutenden sportlichen Dimension des Areals, von dem ja wie ehedem Spaziergänger wie Läufer zu langen Routen über Mariatrost hinaus aufbrechen.

Das von Heinrich Graf Attems-Petzenstein 1883 errichtete Forsthaus, im Adressbuch 1900 als „Bauernhof der Gemeindesparkasse“ eingetragen ist, ist seit einigen Jahren von einem Stützpunkt des Stadtgartenamtes zur „Waldschule“ aufgestiegen. Von vielen Generationen als vermeintliches „Hexenhaus“ eher gemieden, wird es heute von Schulkindern begeistert betreten.

Steigt man von der Waldschule etwas höher und überquert die Forststraße, so stößt man auf eine Gruppe von Grabhügeln der Römerzeit. Leider hat Vandalismus die Erklärungstafeln zerstört – und für Ersatz fühlt sich wohl niemand zuständig – sodass es leicht geschehen kann, dass Spaziergänger gar nicht bemerken, wenn sie über Grabstätten unserer Vorfahren stolpern. Es waren wohl vom Römischen Reich „inkorporierte“, keltische Noriker, die sich nahe ihrer Siedlung bei St. Leonhard bestatten ließen. Das 1818 aus der dortigen Kirche entnommene, im Archäologie-Museum in Eggenberg zu bestaunende schönste antike Grabmal der Steiermark mit der Grabinschrift des L. Cantius Secundus für sich, seine Gattin Cantia Bonia, Tochter des Iunius, und seine Tochter Cantia Boniata (die beide die charakteristische norische Haube tragen) stammt aus der Zeit um 100 n. Chr.

Nur noch eine kurze Strecke am weichen Waldboden und wir stehen vor der „Leechwald-Villa“. In diese 1869 erbaute Villa kam als Kleinkind Carl August, Graf von Attems-Petzenstein (1868, Graz - 1952, Wien). Er studierte Jus und Zoologie (Entomologe = Insektenforscher) und wurde Experte in Sachen „Tausendfüßler“. Sein Vater, Heinrich, Reichsgraf von Attems-Petzenstein – er hatte in Italien 1859 in den Schlachten von Magenta und Solferino gekämpft, war 1864 als Hauptmann im Infanterieregiment Nr. 6 in Oeversee (Dänemark) und 1866 in der Schlacht bei Königgrätz – hatte die Gründe von einem bäuerlichen Föhrenwald zu einer mondänen Parkanlage umgestalten lassen. Die Pflanzen, darunter vor allem Koniferen, bezog Attems vornehmlich aus dem berühmten Fürst-Pückler-Park in Muskau (südöstlich Cottbus), der heute zum Welterbe zählt. Die Kanadische Helmlocktanne (Bild 6) gibt noch Zeugnis von unzähligen, damals gepflanzten Arten.

Ein im Flächenwidmungsplan noch eingezeichnetes Naturdenkmal ist schon verloren, die riesige Blutbuche in der Biegung der Zufahrtsstraße, neben der sich jetzt die Gedenkstätte der von der NS-Diktatur ermordeten, behinderten Menschen befindet.

Des Denkmalschutzes für nicht würdig erachtete man bisher den nach seinem Tod 1909 errichteten Gedenkstein von Vinzenz Ritter von Wiser, Gründer der Vogelschutzstation im Leechwald, gestaltet von Bildhauer Karl Stemolak (1875, Graz – 1954, Wien), der im selben Jahr auch das Grabmal der Familie Dettelbach am Zentralfriedhof schuf. Die Schrift ist inzwischen teilweise schon verblasst, die Signatur des Bildhauers scheint wegrasiert (absichtlich?). Vermeintliche Reste von Vogelvolieren gehören allerdings zu einer Stiegenanlage des ehemaligen Gartens.

Verfasser / in:

Peter Laukhardt

Datum:

Di. 16/03/2021

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Kommentare

Nachträge

Aus mir zugeschickten Anmerkungen darf ich ergänzen: 1) Auch die schmiedeeiserne „Werbetafel“ zwischen Schlössl und Schweizerhaus unter Denkmalschutz steht. Derzeit wird sie als Radlständer missbraucht, vielleicht wird sie wieder einmal mit besseren Inhalten gefüllt? 2) Dass neben dem Schweizerhaus vor vielen Jahrzehnten auch ein Kasperltheater zu bewundern war, ist meiner Erinnerung entgangen. 3) Die mir gestellte Frage, ob die Grabhügel römischen oder keltischen Einheimischen als letzte Ruhestätte dienen, kann ich nicht beantworten, weil diese Grabstätten zwar längst geplündert, aber nicht ausreichend erforscht sind - und auch keine Inschriften gefunden wurden. Man spricht so einfach von „provinzialrömischen“ Bestattungen. 4) Die kaum bekannte „Burg Petzenstein“ war ein von Andreas Attems (1527-97) um 1580 erbauter Ansitz; seine Überreste liegen auf einer kleinen Anhöhe im heutige italienischen Ort Peci (italienisch) bzw. Peč (slowenisch), südlich von Görz (Gorizia) nahe der Mündung der Vipava (Wippach) in den Isonzo. Erzherzog Karl II. verlieh Andreas den Titel von Attems-Petzenstein. Die Burg ist heute ebenso Ruine wie der Sitz des anderen Zweiges, der Attems-Heiligenkreuz, im heute wunderbar restaurierten Bergdorf Vipavski Križ im slowenischen Wippachtal.

Lieber Peter, herzlichen Dank

Lieber Peter, herzlichen Dank für diese ausführliche Beschreibung der Umgebung des Hilmteichs. Meine Großeltern wohnten in der Liebiggasse und ich bin als Kind mit meiner Gr0ßmutter sehr oft bis zum Hilmteich spaziert. auch "Schinakl" fahren sind wir gewesen und selbstverständlich Eislaufen, später habe ich die Tanzschule Kummer besucht, lang, lang ist alles her. Es hängen viele Erinnerungen daran.
Durch diesen Bericht habe dazugelernt, die Grabstätte war mir völlig unbekannt und ich werde bei meinem nächsten Spaziergang in dieser Gegend versuchen sie zu finden.
Liebe Grüße
Gerhild.

Freizeitdenkmal Hilmteich vom Di. 16.02.21

Wie immer, von Mag. Laukhardt nicht anders zu erwarten, ist es wieder ein wunderbarer Artikel mit viel Geschichte im Detail geworden. Vielen Dank. Einiges war mir bekannt, ich habe aber auch dazulernen können.
Zur Kritik am Umbau des "Schweizer Hauses" durch den Stadtwanderer, möchte ich auch noch meine Meinung hinzufügen. Ich finde die Lösung auch nicht gut, aber, ohne das Erklärungsvideo von Arch. Wallnöfer zu kennen, sind oft bessere Lösungen durch mangelnde Finanzkraft des Auftraggebers oder ..., verhindert worden, der planende Architekt hat dann die schlechte Nachrede. Wenn ich Zeit einmal habe, werde ich mir dieses Video anhören. R. Neu

Zoologisches vom Petzenstein

Wo erhebt sich eigentlich der Petzenstein´uns/oder wo liegt das Dorf, nach welchem diese attems benannt sind?

Aer Name ATTEMS als zoologischer Erstbeschreiber von neuen Arten taucht übrigens nicht nur bei Insekten auf, sondern auch öfters bei afrikanischen Tausendfüßlern, die manchem Terrarianer wohlbekannt sind.

Minus für Planung

Die beiden seitlichen Anbauten an das Schweizerhaus würden sich auch für ein "Minus" eignen. Sie sind grauenhaft. Wer macht solche unsensiblen, weniger als mittelmäßigen Planungen? Wer genehmigt so etwas? Wer als Bauherr lässt sich so eine Scheußlichkeit einreden und gibt dafür noch Geld aus?

Die Revitalisierung des

Die Revitalisierung des "Schweizerhauses" stammt von Architektin Ulrike Wallnöfer, Graz, einer für ihren sensiblen Umgang mit wertvoller Bausubstanz bekannten Kollegin, die im Dezember 2020 von uns gegangen ist.
Anbei ein Link zu einem Video, in dem sie über diese Arbeit und denkmalgeschützte Gebäude im Allgemeinen spricht: https://www.youtube.com/watch?v=wj02HGBUpqA
Schauen Sie sich das an, ehe Sie beurteilen.
Karin Wallmüller

Infobox

Schau doch! 05
Kolumne von Peter Laukhardt

Freizeit-Denkmal Hilmteich. Die Hilmteichstraße in Graz
Teil 2

Mit der Kolumne Schau doch! zeigt der Autor auf, dass es im Grazer Stadtraum auch abseits des Weltkulturerbes unersetz- liches Bauerbe zu entdecken und zu schützen gibt.

Schau doch! erscheint jeden dritten Dienstag im Monat auf GAT.

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