GAM. 09 – WALLS
GAM.09 – Walls: Spatial Sequences, 2013. Broschiert EUR 19,95. ISBN 978-3-7091-1498-8 / Springer Verlag
©: GAM. Architecture Magazine

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Rezension
Rückkehr und Fortschritt zum Wesentlichen

GAM.09: Walls

Walls. Der Titel mutet puristisch an. Sofort denkt der zeitgenössisch-architektonisch vorkonditionierte Leser an reduzierte monolithische Wände, bevorzugt aus aufwendig veredeltem oder auch brut eingesetztem Sichtbeton. Der Untertitel Spatial Sequences hingegen verweist auf die potenzielle Komplexität, die dem architektonischen Element Wand innewohnen kann und die GAM.09 abzubilden versucht.
Der Hauptteil des, von der Architekturfakultät der TU Graz herausgegebenen, Graz Architecture Magazine widmet sich in Beiträgen von internationalen und Grazer Autoren stets einem aktuellen Schwerpunktthema, konzipiert von einem Gast-Editor. Dieses Jahr luden die Herausgeber Roger Riewe, Architekt und Professor am Institut für Architekturtechnologie, ein, für die neunte Ausgabe nach der Rolle von Wänden in der zeitgenössischen Architektur zu fragen. Außerdem beinhaltet GAM einen ausführlichen Rezensions-Teil, der auf interessante Neuerscheinungen aus der Sphäre der Architekturtheorie eingeht. Den Abschluss bilden die Faculty News, ein Inhalte-bezogenes Jahrbuch der Fakultät. Die Dreiteilung des gut 260 Seiten starken und durchgehend zweisprachigen Bandes spiegelt sich in den – schon charakteristischen – drei Inhaltsverzeichnissen wider. Die umfangreiche Struktur wurde grafisch von MVD Austria überzeugend gebändigt. Unaufdringlich werden Deutsch und Englisch differenziert und doch gleichwertig behandelt, auch auf die Originalsprache der jeweiligen Beiträge weist schon das Layout dezent hin.

„Jede Wand ist zu einem gewissen Grad ein Kommentar über ihre eigene Überflüssigkeit“ (Adrian Forty)

Die Architekten entwerfen heute für eine Welt, in der prinzipiell alles gebaut werden kann. Mit einem entsprechenden Budget sind sinnvollen und auch weniger sinnvollen Ideen keine Grenzen mehr gesetzt. Für Riewe ist das der Zeitpunkt, innezuhalten und über das Grundsätzliche nachzudenken. Er und GAM befinden sich in guter Gesellschaft, hat doch Rem Koolhaas im Jänner Fundamentals als das Thema der diesjährigen Architektur-Biennale in Venedig vorgestellt. Und dabei landet man unweigerlich bei der Wand. Diese zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass, seit sie existiert, „vor allem darüber nachgedacht wird, wie man sie wieder loswerden kann“ (Riewe). Von der gotischen Kathedrale über Mies’ gläserne Türme bis zu Shigeru Bans Curtain Wall House wird versucht, die Wand aufzulösen. Es ist heute möglich, durch einen Klimavorhang in Form eines konditionierten Luftschleiers ganz auf die, bei Semper noch elementare, raumbegrenzende Funktion einer gebauten Wand zu verzichten. Und von ihrer tragenden Funktion ist die Wand ja schon spätestens seit der Moderne entbunden. Die Autoren von GAM 09 fragen in ihren Texten nach dem Bedeutungszuwachs, den die derart zweckbefreite Wand durch ihre theoretische und teilweise auch handfeste Dekonstruktion erfährt.
In den drei Kapiteln Dissolutions (Auflösungen), Transitions (Übergänge) und Correlations (Wechselbeziehungen) lassen sich zwei wesentliche Diskurse beobachten: einerseits die technologische Auseinandersetzung mit der Wand und andererseits eine topologische Neupositionierung des ehemals weitgehend tektonischen Verständnisses von Wand.
Als ursprüngliche Trennung von innen und außen wird die Wand topologisch stärker mit der Verbindung dieser beiden Räume assoziiert: über Öffnungen und Transparenzen, über ihre „Bewohnbarmachung“ und in ihrer Funktion als Medium. So erforscht Bernhard Siegert die Rolle der Wand als Informationskanal anhand der Arbeiten der Fotografin Veronika Kellndorfer, die weniger Repräsentationen von Realität sind, sondern selbst „in die mediale Struktur der Realität eingreifen“, Sabine Zierold thematisiert die Medienwand als poröses Interface, das die Eindeutigkeit der Differenz von innen und außen aufhebt, und bei Joost Meuwissens Analyse zweier Gefängnisentwürfe in Hinblick auf Focaults Überwachen und Strafen ist die Überwindung der Wand (zur Flucht aus dem Gefängnis) ein immanenter Aspekt ihrer Bedeutung. Neben den sorgfältig ausgewählten Illustrationen der Textbeiträge werden in den Fotostrecken von Hélène Binet und Paolo Rosselli sowohl unterschiedliche fotografische Zugänge als auch verschiedene Sichtweisen von Wänden in der Architektur vertreten.

Besonders was den Umgang mit der Wand als bauphysikalischer Grenze angeht, wird die Offenheit des Diskurses deutlich: So versteht Laurent Stadler die heutige Wand als umhüllende Schicht aus einem interagierenden System von Apparaturen, als Teil eines technischen Ensembles von Apparat, Bauwerk und Benutzer. Auf der anderen Seite steht ein Plädoyer Tim Lükings für monolithische, einschichtige Außenwände aus (Leicht-)Beton. Auch Ferdinand Oswalds Analyse einer Neuinterpretation der traditionellen chinesischen Tulou-Typologie in Guangzhou vom chinesischen Büro Urbanus spricht für eine Rückbesinnung auf den, auch ohne großen technologischen Aufwand realisierbaren, Einsatz von verschiedenartigen Wänden, durchdachten Öffnungen und Gebäudekonfigurationen zur Klimatisierung ohne energiefressende Klimaanlagen und deren zahlreiche unangenehme Nebeneffekte.
Neben theoretischen Texten werden einzelne Bauten, in denen die Wand nicht nur konstruktiv eine tragende Rolle spielt, analysiert, wie etwa Pezo von Ellrichshausens Poli House in Chile als Beispiel für die bewohnte Wand oder die raumbildende Rolle von anwesenden und abwesenden Wänden in einem Haus auf Paros von Silvia Gmür und Livio Vacchini. Völlig konträre Wandcharaktere finden sich in den Analysen zweier Sakralbauten: diaphane Wände in der St. Pius Kirche in Meggen von Franz Füeg, errichtet in den 60er Jahren, und archaischer, wie eine geologische Formation anmutender Sichtbeton bei der Iglesia de Santisimo Redentor auf Teneriffa von Fernando Menis.

Das weite Spektrum der Beiträge, die Zweisprachigkeit und die Tatsache, dass GAM peer reviewed ist – für Architekturmagazine nicht selbstverständlich – lassen GAM.09 über die oft engen Grenzen des Grazer Architekturdiskurses blicken und auch wahrgenommen werden, bildlich gesprochen Mauern überwinden.

Verfasser / in:

Martin Grabner
TU Graz - Fakultät für Architektur

Datum:

Fr. 03/05/2013
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