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Rezension
Retten, was zu retten ist – z.B. die Welt

Sofern man sich darauf einlässt, sich, über die „schönen Bilder“ hinaus, mit Strömungen der Gegenwartskunst auseinander zu setzen, die seit einigen Jahren schon unter dem Titel Artbased Research firmieren, so wäre immerhin der Eindruck zu diskutieren, dass die Künstlerische Forschung vielleicht weniger mit der Lösung von Problemen, als mit deren (Er-)Findung befasst sein könnte. Den Finger auf die Wunden der Welt zu legen, die damit noch nicht geheilt werden, ist immerhin erster Ansatz und kann sich als weit mehr denn Attitüde erweisen wie Beispiele der dOCUMENTA 13 zeigten, wie es sich die Ars Electronica zur Aufgabe gemacht hat, wie es etwa der steirische Künstler Klaus Schafler mit seinen Experimenten um den Albedo-Effekt 2011 in Pischelsdorf und mit seinem Kühllabor (Krakautal) während der letzten (!) regionale XII demonstrierte.

Im Grunde sind diese, wie die rezenten Versuche und Demonstrationen des center for contemporary art, wie sich der Grazer Verein < rotor > inzwischen nennt, Maßnahmen zur Rettung der Welt – entsprechend dem programmatischen Titel der aktuellen Ausstellung.
Margarethe Makovec und Anton Lederer haben nach einem konzentrierten Programm Arbeiten von fünf Künstler/Innen bzw. Künstlergruppen ausgewählt, die zumindest Anstoß sein können, sich zu verschiedensten, die Welt bedrohende Szenarien Gedanken zu machen.

Wenn nicht gar von Zynismus, zeugen einige der künstlerischen Statements dabei von großer Ironie, mit der sich etwa die Gruppe ekw14,90 in Vorschlägen aufmacht, die Welt zu retten. In naiv anmutenden Zeichnungen dokumentieren sie die Plots aus US-Katastrophenfilmen der vergangenen 15 Jahre. In einer Skizze wird so gezeigt, wie man ein Krankenhaus vor einem sich nähernden Lavastrom schützt. Ganz einfach nämlich, indem man ein Gebäude vor dem Krankenhaus sprengt damit die Überreste einen Schutzwall bilden. Ein Hörstück dagegen basiert auf der Voyager Golden Record, jener Schallplatte, die 1977 mittels zweier Satelliten ins Weltall geschickt wurde, um dort draußen intelligenten Wesen das Leben auf der Erde näher zu bringen. Sofern sich ein Adressat für diese Botschaften finden sollte, dürften jedenfalls Dekodierungsprobleme auftreten, die ekw14,90 mit ihrer Nachbearbeitung der Audiobotschaften nun behoben haben wollen. Fehlt nur noch die Nachsendung …

Der ressourceaufwändige, weltweite Anbau von Baumwolle ist das Thema, dem sich Lucia Dellefant mit Face the Fact and Act widmet. Rund 3000 Liter Wasser werden zur Herstellung eines T-Shirts aus Baumwolle benötigt. In Texten, die auf T-Shirts gedruckt sind, macht die Künstlerin auf diesen Umstand aufmerksam. Die Leiberln stehen zur freien Entnahme bereit und sollen über ihre Träger die Botschaft verbreiten.

Gewissermaßen überengagiert zeigt sich Michael Heindl in mehreren Videos. Nach dem Motto Jeden Tag eine gute Tat demonstriert Heindl, wie man in der Öffentlichkeit selbst Hand anlegt, um erkannte Missstände durch kleine Eingriffe zu beheben. Über mehrere Monate restauriert er beispielsweise eine schadhafte Ziegelmauer in Dublin, indem er, immer wenn er vorbeikommt, durch Aufkleben eines weiteren Kaugummis schließlich den Schaden behebt. Ähnlich pragmatisch hat er den Videoraum abgedunkelt. Der Fensterkasten wurde mit abgekratztem Putz des Raumes aufgefüllt.

Den Eingangsraum bei < rotor > nimmt das Modell eines Bürogebäudes ein, das der aus Dublin stammende Nevan Lahart erstmals für diese Ausstellung errichtet hat. An dem Modell scheint etwas geschehen zu sein, dass wiederum wie die modellhaften Schäden nach einer Explosion aussieht. Was es damit auf sich hat wird klarer, wenn Lahart im Beitext erklärt, dass es sich hier um die Nachbildung des Monsanto-Hauptquartiers in St. Louis, Missouri handelt, wobei die Schäden am Gebäude von ihm erfundene sind. Das Werk trägt jedenfalls den Titel Voodoo Skulptur – Monsanto Hauptquartier.
Und schließlich nähert sich das slowenische Duo Aleksandra Vajd und Hynek Alt dem Thema auf einer grundlegenden Ebene. Zwei einander gegenüber gestellte großformatige Fotografien zeigen den Blick aus einer Höhle in die davor liegende Waldlandschaft, während ein Augenpaar auf dem anderen Foto diesen Blick scheinbar vorgibt. Zu interpretieren steht nun natürlich jedem frei. Es könnte sich aber um die Umkehrung respektive die Lösung des platonischen Höhlengleichnisses handeln. Während nach Platon eine Gruppe Gefangener die sich bewegenden Schatten an der Höhlenrückwand für die primäre Wirklichkeit der Welt halten, bedürfte es eigentlich nur eines Perspektivenwechsels infolge aufkommender Skepsis, um mit Blick auf die gegenüber liegende Seite, durch den Höhlenausgang, eine, den Schatten verursachende Wirklichkeit wahrzunehmen.

Die künstlerischen Maßnahmen zur Rettung der Welt werden im Jahresverlauf von < rotor > durch weitere Ausstellungen fortgesetzt.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Fr. 26/04/2013

Terminempfehlungen

Infobox

Ausstellung
Maßnahmen zur Rettung der Welt

Teil 1, bis 25. Mai 2013
im < rotor >
center of contemporary art

Beginnend mit März 2013 wird < rotor > künstlerische Positionen aus diesem Themenfeld vorstellen

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