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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Alles ist  geheimnisvoll und schlicht...
Alles atmet Geheimnis und Bedrohung.
(Isaak Babel)

Plätze und Gedächtnis
Das Literaturhaus brachte jüngst unter dem Titel Graz ein Buch heraus: 60 Leute – von Elfriede Jelinek über Elke Schwitters bis Friederike Mayröcker – beschreiben darin in kurzen Texten verschiedenste Orte, Plätze, Straßenkreuzungen, Lokale, Räume, Aussichten... Mein Beitrag geht so:

Parkbank: Hier im Stadtpark begann ich eines mittags, Kafkas Schloss zu lesen und war gefangen. Es wird Abend und Nacht. Ich stieg auf die Bank, stand aufrecht und hielt das Buch in das Licht der Laterne und ins Geflacker von Zeichen und Mücken.

Sporgasse: Wir Rettungsfahrer schleppen einen Alten die Stiege hinab. Es geht vom zweiten Stock zur Amputation des Raucherbeins. „Endlich kommt er weg, der Oasch, was so weh tuat“. Als ich anmerke, dies sei anatomisch ein bisschen daneben, haben wir ihn vor lauter Lachen fast von der Trage geschmissen.

Grieskai: Ich kam nachts aus dem Augartenkino, als ein Kerl mit dem Messer vor mir fuchtelte. „I stich di o!“ Ich öffnete das Sakko. “Na, endlich einer.” Er fühlte sich irgendwie missverstanden, klappte den Feitel zu und trollte sich dann.

Taxi: „Wooo bist daham, G`soffener?“ – „Weltweit.“

Schauspielhaus: Hier, am Pissoir neben den billigen Plätzen ganz oben, stand ich, damals noch Schüler, und tat, was man am Pissoir tut, und sah – das glaubt mir keiner, wenn ich es erzähle  – neben mir sage und schreibe den kleinen Nobelpreisträger Elias Canetti dasselbe tun. Hat mir eh keiner geglaubt.

Wickenburggasse: Hier an dieser Ampel hab ich erstmals die Liebste geküsst. Rundum die Welt mag untergehn, von mir aus, aber von diesem Fleck muss jedermann die Finger lassen. Er ist heilig.

Tramway: In der Extrakurve von der Sackstraße zur Murgasse hinüber brummelt der Fahrer mit quasi gestopfter Trompete: Blue moon... Ich als Ohrenzeuge hinterher: ...I saw her standing alone. So schaukeln wir hin.

Geschäft: Ich halte einem tätowierten Kerl beiläufig die Tür auf und überfordere ihn damit. Nach einem Schlagringschlag ins Gebiss wüsste er, was tun. Nun druckst er herum wie ein angeludeltes Dornröschen. Da kann ich ihm auch nicht helfen.

Herrengasse: Die Fee schwebt vorüber, so schön, dass ich frage: “Schön, schön zu sein, ah?” Ihr sanftes Wispern. „Was´n sonst, du Trottel?“

Türkenbeisl: Ein Mann bringt den 14-jährigen Sohn erstmals in die Runde der Männer mit. Jetzt gehört er dazu. Wie er sich über den Kaffee beugt, wird er gleich platzen, platzen im Sinn von Weinen wie auch vor Stolz explodieren. Er entscheidet sich nicht und nimmt halt ein männliches Schlückchen.

Schloßberg: “Da kuck´ma bis nach Tunis?” – „Nur, wenn´s ehrlich schön ist.“

Schanigarten: Ein steinalter Mann fragt in kariösem Deutsch, ob ich ihm da in die Gasse helfen wolle. Da sei er geboren und seit 1938 weg. Es geht um Nazi-Graz und Australien und Heute-Graz. Wir wackeln hinüber, er weint vor einer Fassade herum, er erinnert sich an nichts. Nachher trinken wir wieder, er lacht und er steckt damit alle an.
So geht Leben.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 17/04/2018

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GAT veröffentlicht in der Kolumne Privatissimum vom Grilj jeden dritten Dienstag im Monat Texte zum Nachdenken.

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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