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Kolumne
Privatissimum vom Grilj

Wachräume, Übertritte und Ausschnitte

Im Grenzgebiet, in Gamlitz, haben Emil Gruber und Christian Marczik von der Intro-Graz-Spection eine Kunstinstallation gemacht – mit einem jener Wachhäuser, wie sie bis zum Fall des eisernen Vorhangs an der ungarischen Grenze standen. Und ich habe im Weingut Schilhan eine Rede gehalten, die angesichts der Absurdität des sämtlichen Seins nur in einem Witz gipfeln konnte:

„Solche Hütten habe ich an der Grenze gesehen, lange vor jenem inszenierten, aber ergreifenden Moment, als Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn den Stacheldraht durchgeschnitten haben. Ich komme von der Kunst und vom Theater, ich liebe solche Momente und Gesten, spüre ihren Glanz und erkenne ihren Wert. Bei Sopron wird ein Stacheldraht durchgeschnitten, in Warschau geht ein Willy Brandt in die Knie, dann das Hand-in-Hand von Mitterand und Kohl in Verdun. Grenzen und grausame Geschichte – und der Umgang damit. Ich habe vor Ergriffenheit geweint.

Im burgenländischen Kukmirn hat mich damals ein Pilot zum Kunstflug eingeladen. Als wir – die Fallschirme auf dem Rücken – in die Propellermaschine klettern, weist er zu den ungarischen Grenzern in Sichtweite und sagt: „Manchmal, wenns ihnen langweilig ist, schießen´s auf uns. Nimm das aber nicht persönlich.“ Es wurde an jenem Tag nicht geschossen, doch die Grenze meines Daseins war nah. Es gab in der Luft alle raffinierten Manöver und Schikanen – Looping, Trudeln, Rückenflug, Rollenkreis...
Im freien Sturzflug, bei abgeschaltetem Motor, in der Macht der unausweichlichen Schwerkraft, im Rauschen der Luft und im Rausch der Wonneangst, habe ich begriffen, wie schmal mein Grat zwischen Neugier, Wagemut und verantwortungsloser Blödheit sein kann. Ich war da schon Familienvater und wurde daheim gebraucht – und an Bertold Brechts Aussage erinnert: „Wer gebraucht wird, ist nicht frei.“
Sofort fragte ich, im freien Fall und im Bewusstsein des dialektischen Widerspruchs zurück:„Das stimmt, Herr Brecht, aber werden nicht gerade die Freien gebraucht?“
Dann ist knapp vor dem Boden der Propeller doch wieder angesprungen.

Noch etwas Burgenländisches fällt mir ein: Der verkannte pannonische Philosoph Fred Sinowatz. Was wurde er verspottet, als er sagte: „Es ist alles sehr kompliziert.“ Dabei hatte er so recht. Seit Sinowatz tot ist, ist es noch komplizierter.“

Den Witz, den ich in Gamlitz zum Schluss erzählt habe, ließ ich mir zuvor von einem Historiker wissenschaftlich abklopfen und seinen Gehalt bestätigen.
Die Rede lautete:

„Jetzt ein Witz, der illustriert, dass nicht nur Menschen über Grenzen gehen, sondern auch Grenzen über Menschen.
Im transkarpatischen Munkatschewo wird ein alter Mann bei einer erkennungsdientlichen Behandlung nach seiner Identität und Herkunft befragt. „No, ich bin aus der Ukraine, zuvor war ich in der Sowjetunion, noch zuvorer in Ungarn und der Slowakei, und noch zuvorerer in Polen – und wie Mama mich geboren hat, war ich in Galizien, also in Österreich.“
– „Sie sind ja ein hübscher Herumtreiber!“
– „Ich schwöre Ihnen: ich bin mein Lebtag nicht aus Munkacs herausgekommen.“ 

So war das neulich.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 17/10/2017

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Kommentare

Lesegenuss

Danke wieder einmal, Mathias Grilj, wunderschöne Gedanken (Gedankengänge finde ich dafür passender), wunderbar (denk-)anregend. You made my day!

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Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

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