_Rubrik: 

Kolumne
Privatissimum vom Grilj

FOTOGRAFIE, EIN BISSCHEN ANGESCHAUT

   Fotografie ist Erschaffung der Welt. Das hat nichts zu tun mit dem, worauf man sein Objektiv gerichtet hatte. Was übrigens war zuerst da: Der Blick, der zur Erfindung der Kamera führt oder die Kamera, die den Blick führt? Henne oder Ei?
   Fotografie ist Beute machen. In Schachteln sammeln, gelegentlich durchwühlen, sortieren, gelegentlich ist man verblüfft über die Qualität, aber die Unzufriedenheit ist häufiger. Und keine Ahnung, was mit dem Zeug geschehen soll. Wer bitte kauft drei Dutzend Sonnenuntergänge? Ach, sollen sich die Erben damit plagen. Die schmeißen schließlich einen Kosmos in den Müll.
   Fotografie ist: Ja, so waren die Kinder damals. Nur sind vor dem Bild ihre Stimmen nicht mehr präsent, nicht der Duft ihres Haars und nicht, wie ihre Haut sich einstmals angefühlt hat. Ab wann erinnert man sich nur noch an Fotos, nicht mehr an die Fotografierten?
   Fotografie ist umso besser, je weniger man ihr die Absicht ansieht. Irrtum erzeugt Qualität? Fehler machen Bilder spannend. Die unbeabsichtigte Doppelbelichtung, der verrutschter Filmtransport, etwas ungewollt ins Bild Geratenes, etwas im Hintergrund, das man beim Abdrücken nicht sah. Oder das Verschwitzte des Films, aus dem Kühlschrank geholt und verschossen, bevor er sich noch akklimatisieren konnte. Der Fehler ist mehr als Effekt, er scheint plötzlich das eigentlich Wahre. Und manchmal gibt es Vollkommenheit nur um den Preis des Verkehrten: Leder, das weiß jeder, muss ganz falsch belichtet werden, damit die Farben nachher richtig kommen.
   Fotografie: In Venedig, dem meistfotografierten Fleck der Welt, ist sie auch Erfindung von Fotografie. Und für jene, die nicht fotografieren, scheint sie die simpelste Sache der Welt: Abdrücken halt. Auch in diesem Gewerbe gilt: je besser der Fotograf, desto schwerer macht er sich das Ganze.
    Fotografie zeigt, wie das Gedächtnis sich etwas vormacht. Fotografie ist Dokument. Dokument der Zeit - nämlich einer Hundertfünfundzwanzigstel-Sekunde. Dokument der Manipulation. Dokument des Versagens. Dokument des Umstands, dass es keine Dokumente gibt, auf die du bauen kannst.
   Fotografie ist, wie das Schauen, Selektion. Das macht sie zur Lüge - also menschlich?
   Fotografie: Bei den besten Motiven ist die Kamera gerade nicht zur Hand. Ferner das Wissen, wann etwas Gesehenes im Bild so nicht kommt. Manchmal trotzdem abdrücken, um dann zu sehn, dass man es hätte bleiben lassen sollen. Andererseits nicht zu häufig fragen, ob du den Auslöser wirklich anrühren sollst. Sonst landest du zu früh beim Ende der Fotografie und beim Ende jedweden Tuns. Und das halten wir nicht aus und sind dankbar für die Simplizität der Technik. Sie führt dazu, dass mehr fotografiert wird als gesehen und noch mehr als geschaut. Daneben gilt: Die besten Fotos sind die nicht gemachten.
   Fotografie ist Korrektur: die Farben satter machen mit falschem Einstellen der Din-Zahl oder mit Filtern. Das Spiel mit den Stürzenden Linien. Die Sicht mit Objektiven, die eine Allee zusammenziehen, ein Gesicht verflachen. Die Linse anhauchen oder mit Vaseline einschmieren... Effekte, die nur im Auge sind, aber nicht vor der Kamera. Dass dieses Ding da vorn am Gehäuse Objektiv heißt, ist objektiv falsch.
    Fotografie ist, was der Bildtext sagt. Manchmal ist er daneben. Manchmal ist alles daneben und gerade dadurch wahr. Ein schrecklich leuchtendes Beispiel: Dieses gemütliche Gesicht, diese verschmitzen Augen, dieser buschige Schnauzbart, dieser gütige Onkel. Ein Portrait des berüchtigten Lager-Kommandanten von Omarska.
   Fotografie ist, wenn ohne Zusammenhang, sinnlos, frei und herrlich. Sobald sie Betrachter hat, gibt es Zusammenhänge, die das Auge herstellt. Es kann nichts dafür. Kann sie was dafür?
   Fotografie ist besser als gar nichts. Das gilt nicht immer. Was aber gilt: Je mehr Fotos, desto lückenhafter das Leben.
   Fotografie ist, womit man den Blick schärft. Womit man lernt, sich in einem Raum zu orientieren und einen Standpunkt zu finden. Aber bald sollte man ohne Kamera durch die Orte und die Tage. Mit der Kamera in der Hand schaust du anders, auch wenn du nicht abdrückst.
   Fotografie ist eine Frage des Formats. Hoch, quer. Etwas anderes gibt es nicht. Bis – natürlich - auf das Format des Fotografen.
   Fotografie ist Arrangement, Zweck und Nutzung: Das Foto aus der Küche macht Hunger oder attackiert den Hedonismus, das Foto aus dem Krieg macht Kotzen oder Helden, das Foto einer Nackten macht geil oder stößt ab, das Foto aus dem Industriegebiet macht Atemnot oder Schulterzucken. Der Fotografie gelingt, bei aller technischen Vollkommenheit, nicht immer, was sie will. Es geht ihr stets etwas ins Auge. Das ist schlimmer noch als: Aus dem Auge, aus dem Sinn.
   Fotografie ist Geduld. Na komm schon, Wolke! Eine Frage des richtigen Moments. Hast du nur einen Augenblick gezögert, war es schon daneben und zu spät. Die Folge davon ist die Hysterie beim Wechseln des Objektivs, beim Einlegen des Films, beim Drehen am Stativ.
    Fotografie ist, was man will. Was man fürchtet. Was man liebt, was einen überwältigt und stumm macht und stumpf. Manchmal das Kopfschütteln: was wollte ich bei diesem Foto überhaupt?
   Fotografie ist: Begründungen, warum etwas ganz anders geworden ist. Erklärungen, wie es just zu diesem Bild kam. Sind also Geschichten von Stolz, vom Erreichen des Ziels, Geschichten von Missgeschicken. Oder von Zufällen. Der Zufall kommt so oft und ist so bedeutsam, dass man verführt ist, nicht an ihn zu glauben.
   Fotografie: blaue Flecken an der Hüfte, von der Kamera geschlagen. Der schiefe Gang von der schweren Tasche. Der typische Fotografengang. Sobald sie zum Beruf wird, ist sie Hass auf die Kamera: Was hast du Drecksstück nur aus mir gemacht! Das gilt ja für viele Arbeitsgeräte. Andrerseits die Rührung vor der alten Practica, mit der man angefangen hat, damals. Man versteht, dass jemand alte Kameras sammelt und die Markennamen hersagt, als wären es Beschwörungen.
   Fotografie ist Demut. Entschuldigen Sie, verehrte Tomate, darf ich Sie fotografieren?
   Fotografie: Jedes Bild strotzt vor Einmaligkeit und ist wie alle. Wie wir alle.
   Etc.

Verfasser / in:

Mathias Grilj

Datum:

Di. 21/07/2015

Artikelempfehlungen der Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Infobox

Privatissimum vom Grilj


Jeden 3. Dienstag im Monat

Zur Person
Mathias Grilj (* Kamnik, SLO) lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Graz.

Kontakt:

Kommentar antworten