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Bericht
OFFENER BRIEF – Suburbia

An
Herrn Bürgermeister Mag. Siegfried Nagl
Hauptplatz 1, Rathaus, 8010 Graz

05. Oktober 2017

OFFENER BRIEF
3.Teil:
 Suburbia: Der Verlust des öffentlichen Raums, der unerträgliche Bodenverbrauch

Sehr geehrter Herr Bürgermeister!

Der Lebensraum, in dem die Mehrheit der Grazer lebt, ist „Suburbia“. Viele der Bewohner haben sich angepasst, empfindsamere Gemüter sprechen von „Hässlichkeit“, „Unwirtlichkeit“ und „Albtraum“. Sie spüren den Verlust von öffentlichem Raum, von Straßen und von Plätzen.

Aber auch eine rationale Betrachtung von „Suburbia“ nach ökologischen und ökonomischen Kriterien ergibt eine unerfreuliche Bilanz. Dramatische Entwicklungen bei Energiebedarf, Emissionen und Bodenverbrauch begleiten Politik, Experten und die Öffentlichkeit bereits seit Jahrzehnten und haben ein Maß erreicht, das die natürlichen Lebensgrundlagen gefährdet.

Das Ende der Stadt – „Suburbia“ und der Verlust des öffentlichen Raums
Die weiße, strahlende Stadt („cite radieuse“) war die moderne Antwort auf die Enge der historischen Städte, die „Superblocks“ in der Kasernstraße und die „Trabantenstadt“ Berlinerring in Graz sind Beispiele dieser modernen Konzepte. Ebenezer Howard wollte mit der „garden city“ die Vorzüge des Landlebens in die Stadt bringen, die „Teppiche“ von Einfamilienhäusern von St. Peter bis Strassgang sind ein trauriges Erbe dieser Haltung. Beide Visionen waren technokratische Elaborate, „Suburbia“ ist zum bestimmenden Element heutiger Agglomerationen geworden. Die größte urbane Katastrophe war aber der Verlust des öffentlichen Raums, der Verlust von lebendigen Straßen und Plätzen. Die Qualität sozialer Gemeinsamkeit wurde dem „Fortschritt“ „ geopfert“.
Öffentliche Straßen zu beleben, kann nicht geplant werden. In unserer Zeit ist die Gestaltung von neuen urbanen Lebensräumen das Ergebnis von „Masterplänen“, und „Bebauungsplänen“, welche technischen Anforderungen folgen, im selben Moment aber die vielfältigen informellen sozialen Beziehungen der Bewohner ignorieren. Vitalität in öffentlichen Räumen ist als notwendig erkannt und gewünscht, hat aber nur dann eine Chance, wenn innere, soziale Lebensfunktionen Berücksichtigung finden. Dass diese Lebensfunktionen sich in historischen Städten wiederfinden, ist immanent:
In erster Linie sind Verflechtungen von Nutzungen zu nennen, in sämtlichen „smart cities“ ist die Stadt der kurzen Wege als Folge des Nutzungsmix Programm. Die überholte Trennung von Wohnen, Arbeiten und Verkehr wird in unserer Raumplanung leider immer noch praktiziert (siehe Teil 1 des OFFENEN BRIEFS, das Gewerbegebiet an der Mur). Der Nutzungsmix hat aber für das Straßenleben und damit für den öffentlichen Raum eine entscheidende Bedeutung, weil eine Vielfalt von sozialen Gruppen die Straßen zu unterschiedlichen Tageszeiten bevölkert. Dass in einem Stadtquartier eine ausreichende Anzahl von Menschen wohnt, um Straßenleben zu generieren, ist die zweite, unabdingbare Kategorie für soziale Urbanität. Städte brauchen eine Mindestanzahl von Menschen, um den öffentlichen Raum kontinuierlich mit Leben zu füllen. Zu geringe Bewohner- und Bebauungsdichten sind ein Hauptmerkmal von „Suburbia“. Drittens sind Straßen und Plätze mit definierten Rändern notwendig. Grünflächen gelingen nur dann, wenn sie als öffentlicher Park bewusst in einen Bebauungskontext gesetzt werden.
Die komplexe Verknüpfung von Nutzungsmix, Dichte und Straßenräumen stellt jenes Substrat her, in dem sich ein vitales urbanes Straßenleben herausbildet. Wenn nur ein Teil fehlt, kann sich ein funktionierender öffentlicher Raum nur schwer entwickeln. Es gibt aber noch eine Vielzahl zusätzlicher Faktoren, die die Vitalität eines Stadtquartiers beeinflussen: Die Größe der gesamten Stadt, Randlagen zu Infrastruktur- und Industriegebieten, die Beziehungen zur gesamten Stadt, die ökonomische Segregation von sozialen Gruppen, ein monofunktionaler Gebäudebestand, die Einbindung des MIV in die Straßenräume, fehlende architektonische Zeichen und vieles andere mehr, auf das hier nicht eingegangen werden kann.

Der unerträgliche Bodenverbrauch in „Suburbia“
Der dramatische Verlust des öffentlichen Raums wird von einem unfassbaren Bodenverbrauch begleitet. Täglich werden in Österreich 20 Hektar Grünland bebaut, zugleich gibt es laut Schätzungen des Umweltbundesamtes derzeit 50 000 Hektar an leeren Flächen in verfallenden Gebäuden.
Für den größten Katastrophenversicherer „hat der Bodenverbrauch so zugenommen, das der Risikoausgleich zu klein wäre, mehr als die Hälfte der versicherten Fläche kommt deshalb aus Osteuropa“. Mit anderen Worten: Die Prämienleistungen der Osteuropäer decken Schäden ab, die durch den Bodenverbrauch (Versiegelung) in Österreich verursacht werden...
Seit Jahrzehnten beteuert die Politik, diesen Zustand verbessern zu wollen. In diversen Masterplänen und Strategiepapieren hat sich die Politik zu einer Reduktion auf 2,5 Hektar täglich geeinigt, die „baukulturellen Leitlinien des Bundes“ unterstützen Prozesse zu einer verstärkten Siedlungsentwicklung hochrangiger Erschließungsachsen und in bestehenden Orts- und Stadtkernen (Leitlinie 2). Trotzdem sind in unseren Widmungsplänen immer noch großflächige Wohngebiete ohne Chance auf Verdichtung („reine Wohngebiete“) ausgewiesen, und auf der anderen Seite sind wertvolle, zentrumsnahe Stadtregionen als Industriegebiete „degradiert“ (siehe Teil 1 des OFFENEN BRIEFS, das Gewerbegebiet an der Mur). In manchen Gründerzeitquartieren, die für ein vitales Stadtleben ausreichend hohe Dichten verfügen, wird stellenweise übermäßig nachverdichtet, statt die Belebung der Wohnstraßen mit sekundären Nutzungen (Nutzungsmix) zu fördern.
Die digitale Logistik über Onlinekäufe wird zunehmen, die zu erwartende Zustelllogistik wird sich aber im realen Stadtraum abbilden, „spekulativ errichtete Logistikparks“ in „Suburbia“ mit dem daraus resultierenden Logistikverkehr werden folgen. Offen bleibt, ob unsere Widmungs- und Bebauungspläne den Herausforderungen gegenüber Entwicklern von Logistikimmobilien und der erforderlichen Verteilerzentren standhalten. Wie vereinzelt bei Immobilienprojekten modellhaft vorgestellt, sind Kombinationen mit einem gestapelten Nutzungsmix aus ruhendem Verkehr, Logistik, Gewerbe, Büro, Wohnen etc. ein zukünftiger Lösungsansatz.

Ein Investment in Baukultur ist nachhaltig
Der überstrapazierte Begriff „nachhaltig“ ist in unzähligen Regelwerken erfasst und derart selbst zu einem technischen Schlagwort mutiert. Der mit Abstand wertvollste Faktor städtebaulicher „Nachhaltigkeit“ ist ein Investment in Baukultur. So ist die baukünstlerische Substanz historischer Städte derart nachhaltig, dass die Tourismuswirtschaft heute von kulturellen Investments lebt, die vor Jahrhunderten erbracht wurden. Nicht zuletzt deshalb muss die Politik auch heute diesen kulturellen Einsatz einfordern, sonst bleiben wir billige Profiteure vergangener Qualitäten. Ein Beginn wäre die Übernahme der „baukulturellen Leitlinien des Bundes“ in die kommunalen Vorgaben von Graz. Private InvestorInnen sind durchaus bereit, Regeln zu akzeptieren, sie müssen nur transparent vermittelt werden und für alle gelten.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Steinegger

Bisher:
OFFENER BRIEF
 1.Teil: Widmungsgewinne um die neue Staustufe an der Mur

OFFENER BRIEF 
2.Teil: Die Tiefgarage in der Altstadt, antiquierte Verkehrspolitik und Feinstaub

Ergeht an

Mag. Siegfried Nagl, Bürgermeister Stadt Graz
Elke Kahr, Stadträtin Stadt Graz
Mag. DI Bertram Werle, Baudirektor Stadt Graz
DI Bernhard Inninger, Leiter der Stadtplanung Graz
Alexander van der Bellen, Bundespräsident der Republik Österreich
Peter Pilz, Liste Pilz
Werner Kogler, die Grünen
Ao. Univ.-Prof. Dr. Christian Kühn, Vorsitzender des Beirats Baukultur Österreich
Dr. Reinhard Seiß, Mitglied des Beirats Baukultur Österreich
Dr. Gertrude Brinek, Volksanwältin
DI Christof Schremmer, Öst. Institut für Raumplanung
Dr. Doris Wilhelmer, AIT Austrian Institute of Technology
Dr. Kurt Weinberger, Österreichische Hagelversicherung
Univ.-Prof. Architekt DI Andreas Lichtblau, Institut für Wohnbau, TU Graz
Arch. Univ.-Prof. Aglaee Degros, Institut für Städtebau, TU Graz
Arch. DI Wolfgang Schmied, Studiengangleiter Architektur der FH Joanneum
AIK Kammer der ZiviltechnikerInnen Steiermark und Kärmten
HDA Haus der Architektur Graz
ZV Zentralvereinigung der ArchitektInnen Österreichs
ASVK Altstadtsachverständigenkommission
IG Architektur, Wien
GAT – Architektur Steiermark
Walter Müller, der Standard
Karin Tschavgova, Korrespondentin die Presse
Hubert Patterer, Chefredakteur Kleine Zeitung
Martin Dopler, Radio Helsinki Graz

Verfasser / in:

Architekt DI Wolfgang Steinegger

Datum:

Do. 19/10/2017

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Kommentare

danke für die engagierten Beiträge

....an Arch. Steinegger.

Baukulturelle Leitlinien sind gut, aber sie sind eben nur sehr grobe Leitlinien und nicht bindend. Ich denke nicht, dass sich mit der Übernahme dieser in Graz wirklich etwas zum Besseren änderen würde. Graz hat viele Bestimmungen, die baulich räumliche Qualität der Stadt schützen und fördern sollen.

Das bis vor kurzem geltende räumliches Leitbild als Ergänzung zum STEK 3.0, an dem man sich bei der Neuentwicklung, Beplanung von Grundstücken orientieren sollte, war leider nicht bindend und oft hat auch die Stadtplanung gegen ihr räumliches Leitbild entschieden und gehandelt.
Das neue Leitbild, das nun mehr Gewicht haben soll, ist noch immer nicht beschlossen, es gibt viele Einwendungen dagegen u.a. auch deshalb, weil es zu schwammig sei.
Es gibt das Instrument der Bebauungsplanung, das richtig angewandt wie beispielsweise in Wien mit verbindlichen nachgeschalteten Architekturwettberweben, Quartiersentwicklungen positiv und im Interesse der Allgemeinheit gut lenken kann. Bauplatzübergreifende, grobe Bebauungspläne von der Stadtplanung beauftragt bevor Investoren mit Projektwünschen kommen, sind für eine positive bauliche aber auch soziale Entwicklung von Stadtteilen unbedingt erforderlich. Wenn dieses effektive Gestaltungs- und Planungsinstrument in Graz aber meist nur dann angewendet wird, wenn Investoren mit bereits ausgreiften Projekten einen Antrag auf Bebauungsplanung stellen, ist es eben kein effektives Gestaltungsinstrument mehr, sondern kann nur mehr korrigierend einwirken. Die Stadtplanung ist am Reagieren und nicht am Agieren und kann konfrontiert mit den Rentabilitätsargumenten der Investoren und Anlangenfonds nur mehr sehr wenig für Baukultur, öffentlichen Raum, Straßenräume mit Aufenthaltsqualität und letztendlich für gedeihliche Quartiersentwicklung tun.

Leitlinien für die Baukultur sind gut, aber ein viel zu weiches Instrument im neoliberalen Kampf um Stadtraum(aus)nutzung.

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