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©: Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

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Bericht
OFFENE ARCHITEKTURWETTBEWERBE –
eine Chance für unsere ZUKUNFT ?

Es bedarf nicht nur gesellschaftspolitischen Willen und geeigneter Rahmenbedingungen für den dazu erforderlichen „Kulturwandel“ sondern auch Solidarität, Innovation, Erneuerung und Mut der Architekturschaffenden zur Sicherung eines hohen Standards zukünftiger Architekturschaffender.

Kaum einer der heutigen Auftraggeber scheint ernsthafte Bedenken gegen die derzeit praktizierte baukulturell kontraproduktive und wettbewerbsfeindliche Ausschreibungs- und Vergabepraxis zu hegen, obwohl damit ein Verlust an kreativem Potenzial zur Lösung der Aufgabenstellung einhergeht.
Die Mehrheit der Verfahren werden mit begrenzter Teilnehmerzahl ausgelobt. Nicht offene Architekturwettbewerbe mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren oder Verhandlungsverfahren mit wettbewerbsähnlichen großteils nonymen „Projektfindungen“ mit Eignungs- und Auswahlkriterien über quantitative Aspekte (Mitarbeiterzahl, Bilanzen, Gesamtumsätze und Referenzlisten abgeschlossener vergleichbarer Leistungen mit gering gewichteten Aussagen zur baulichen und entwurfsbezogenen Qualität) und systematischer Aufstellung von Zulassungsbeschränkungen, die den Teilnehmerkreis bereits im Vorfeld einschränken, werden offenen Architekturwettbewerben vorgezogen. Anstelle der Konkurrenz der Ideen, Konzepte und Innovationen tritt die Konkurrenz der Etablierten, von denen selber vor Jahren die Meisten über offene Architekturwettbewerbe in diesem Kreis aufgenommen wurden.

In logischer Konsequenz führt dies zu einem reglementierten Markt, den wenige, eher große Bürostrukturen dominieren. Welches kleine oder gar neu gegründete Büro kann z.B. im Zeitraum von fünf Jahren drei bis sechs vergleichbare Referenzprojekte nachweisen um sich für den Bau eines Kinderhauses zu bewerben? Welches mittelgroße Büro hat gar im Zeitraum von drei Jahren zwei bis drei Schulen gebaut? Fragen, die aus Sicht einer zukunftsorientierten Architekturpolitik keine Berechtigung haben.

Daher ist es fragwürdig, warum viele Kolleginnen und Kollegen noch immer ständig den nicht offenen Architekturwettbewerb mit den problematischen Präqualifikationen und Auswahlkriterien einfordern. Die Mär von Vergeudung volkswirtschaftlichen Vermögens der Architekturbüros bei offenen Architekturwettbewerben schürt zudem noch die Angst der Auslober vor offenen Verfahren, dass die Verfahren zu kompliziert, zu aufwendig und wegen der vielen Teilnehmer nicht durchführbar sind. Wir können aber den Auftraggebern kommunizieren, dass es keinen einzigen Berufstand gibt, der „soviel“ durch die Teilnahme bei offenen Architekturwettbewerben in die Forschung und Entwicklung investiert, wie die Architektenschaft. Und dies auch, wenn am Ende nur einer den Auftrag erhält und bauen wird.

In Zeiten, in denen Antworten auf die großen maßgeblichen Herausforderungen gesucht werden müssen – bezahlbares Wohnen, Ressourcenverknappung,  Leerstand und Mangel an verfügbaren Baulandreserven –, stellt das Angebot unseres Berufstandes, ob jung oder alt, sich an Architekturwettbewerben zu beteiligen einen wichtigen gesellschaftspolitischen Beitrag für die Zukunftsfähigkeit und Attraktivität unserer Regionen dar. Ein Angebot, das offenbar schwer zu vermitteln und von dem viel zu wenig Gebrauch gemacht wird.

Dabei haben viele Auftraggebervertreter, die in den Preisgerichten vertreten waren, erst da erkannt, welch intensive Auseinandersetzungen mit der Bauaufgabe im Architekturwettbewerb stattfinden und einen hohen Respekt vor Architekten und deren reiche Auswahl an vielfältigen Lösungen, die die Auftraggeber für wenig Geld erhalten, gewonnen. Die Teilnehmer stellen dafür ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Kreativität zur Verfügung.

Architekten, ob jung oder alt, erfahren oder unerfahren, gewinnen nicht nur international große Architekturwettbewerbe, sondern sind auch fähig diese Bauaufgaben zu realisieren und führen diese allesamt erfolgreich aus.
Der Bauaufgabe angemessene, aber offene Architekturwettbewerb ist nicht nur traditionell ein einzigartiges Erfolgsmodell. Der faire offene Architekturwettbewerb nutzt nicht nur das kreative Potenzial für eine transparente Vergabe von Architektur und Planungsleistungen, sondern sichert den Teilnehmern ein großes Maß an Aufmerksamkeit, Öffentlichkeit und Aufträgen sowie sorgen durch einen nicht zu vernachlässigbaren Anteil an Forschung und Entwicklung für das Überleben der Büros und deren Qualitätssicherung.
Vor dem Hintergrund anstehender Gesetzesveränderungen ist zu befürchten, dass sich die Lage insgesamt nicht verbessern wird. Es müssen standes- wie architekturpolitisch von uns ArchitektInnen daher alle Anstrengungen unternommen werden, um diesen Einschränkungen entgegen zu treten. Es gilt die uneingeschränkte generationenübergreifende Chancengleichheit als Ausdruck und Merkmal unserer Gesellschaft zu bewahren.

Wenn alle vermehrt offene Architekturwettbewerbe anbieten würden, würde sich alles besser verteilen und die Kollegenschaft nicht alle zu den wenigen offenen Architekturwettbewerben drängen. Eine gelebte Öffnung führt zwar zu mehr Druck und zu mehr Konkurrenz, aber sicher wieder zu eindeutig besseren Arbeiten, weil auch mit der Formulierung der Aufgabenstellung der Auslober sich diesem Wettbewerb stellen wird müssen. Der Berufsstand hat durch die fast ausschließlich beschränkten Verfahren bereits jetzt das Defizit an zu wenig Möglichkeiten für Teilnahmen bei Architekturwettbewerben und dadurch Nachholbedarf in der berufsnotwendigen Weiterbildung durch Forschung und Entwicklungsarbeit durch Bearbeitung von Wettbewerbsaufgaben.

Der Architekturwettbewerb ist mit seinem Standard ein unentbehrliches Transparenzwerkzeug, das wir als Berufsstand nicht weglegen sollten.

Alle anderen Verfahren sind aus unserer Sicht Verhandlungsverfahren, insbesondere diejenigen mit besonderen Ausarbeitungen, die versuchen ein wettbewerbsähnliches Prozedere darzustellen. Für diese Verfahren sind für die besonderen Ausarbeitungen lt. BverG eine angemessene Aufwandsentschädigung (Vorentwurf minus Wagnis und Gewinn) für jede TeilnehmerIn auszuzahlen. Würde sich jede/r ArchitektIn daran halten und orientieren, wäre der Architekturwettbewerb mit seinen Transparenzwerkzeugen in den letzten Jahren nicht dermaßen beschädigt worden.

Für den Berufsstand ist es aber unumgänglich unsere Partner/ AusloberInnen von der erforderlichen Professionalisierung und Qualitätssicherung, einem fairen Prozedere mit unabdingbaren Standards und der damit generierten Transparenz der für unsere Gesellschaft so bedeutenden Architekturwettbewerbe zu überzeugen — dafür tragen alle ArchitektInnen mit einem Maß an Solidarität bei.

Die Berufsvertretung fordert und bewirbt den offenen Architekturwettbewerb, der respektvoll die Sphäre unserer Teilnahme und Arbeiten sicherstellt, als Standard für die erforderliche transparente Vergabe von Architekturleistungen. Der Architekturwettbewerb schafft für öffentliche Auftraggeber Rechtssicherheit wie kein anderes Vergabeverfahren und ist bewährte Grundlage, die für alle vertrauensbildend ist. Nur nach Durchführung eines Architekturwettbewerbs ist nicht nur die beste Lösung für die Bauaufgabe selektioniert, sondern besteht auch im anschließenden Verhandlungsverfahren nur mit einem Bieter, nämlich mit dem Verfasser des besten Projekts, Verhandlungen zur Vergabe von Architekturleistungen zu führen.

Ziel bleibt es, die Anzahl der Wettbewerbe deutlich zu erhöhen und die Zugangsmöglichkeiten unabhängig von Größe und Erfahrung des Büros nicht einzuschränken. Dem hohen Maß an Qualität in unseren Architekturbüros und der wertvollen Kreativität, die erst notwendige Entwicklungen in unserer Gesellschaft ermöglichen, sind wir verpflichtet. Damit leisten Auslober und Teilnehmende zusammen einen wertvollen Beitrag zur Förderung einer lebendigen Baukultur.

Verfasser / in:

Arch. DI Heinz Plöderl

Datum:

Mi. 05/07/2017

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Kommentare

DANKE !!!!

das würde ich mir in der kommentarleiste von all denen erwarten deren einzige chance es ist zu mittelgroßen und größeren bauaufgaben zu kommen und nicht gleichzeit bittsteller bei diversen stellen zu sein damit man all die hier genannten verfahren die kein offener anonymer arch.wettbewerb sind bestreiten und überstehen zu können.
ich mach den anfang, DANKE

Infobox

Dossier
Wettbewerbe & Vergabe
Am 21. Juni 2017 startete GAT eine jeweils mittwochs erscheinende Artikelserie zum Thema Wettbewerbs- und Vergabewesen in der Architektur.

Wir laden alle Architektur- schaffenden und am Bauen Interessierten ein, sich am Kommentieren rund um diese Thematik zu beteiligen.

Arch. DI Heinz Plöderl tritt in seinem Artikel OFFENE ARCHITEKTURWETTBEWERBE – eine Chance für unsere ZUKUNFT? für einen Kulturwandel in der Ausschreibungs- und Vergabepraxis ein.

Arch. Plöderl ist VS der Sektion der Architekten der ZT-Kammer OÖ/SBG und VS des intersektoralen Ausschusses Wettbewerbe und Vergabe

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