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Alpbacher Baukulturgespräche 2014
©: Claudia Gerhäusser

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Bericht
Nur dichter reicht nicht
Forum Alpbach 2014: Ideendiskurs zur Lage der Stadt und des Wohnens

„To be a city, just density is not enough“ sagt Saskia Sassen, Professorin für Soziologie an der Columbia University New York City, auf dem Podium der Baukulturgespräche des Forum Alpbach 2014 und formuliert nichts Neues, aber dafür mit Nachdruck, dass die Qualität unserer Lebensräume nicht mit Zahlen und nicht mit Statistiken zu gestalten sind. Ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn man – und das haben die Gespräche in Alpbach getan – sich mehr um das „Wie“ des Wohnens und Lebens bemüht denn um Quadratmeterpreise und Wohnungsgrößen. „Wir sind alle sehr wohl in der Lage gut auf kleinem Raum zu leben, solange dieser in einem lebenswerten, veränderlichen und vernetzten Kontext zu finden ist“, fügt Ljiljana Blagojevic, Professorin an der Architekturfakultät der Universität Belgrad, hinzu.

At the crossroads
Das Forum Alpbach, Ort des Austauschs, der Wissenspräsentation und -generierung seit 1945, versammelt Denker und Macher ebenso wie Politiker und Financiers, um das Hier und Jetzt zu reflektieren und neue Verbindungen für kommende Umwälzungen in Politik, Technologie, Forschung und Finanzwesen zu suchen. Seit geraumer Zeit wird auch die Baukultur besprochen. Mit dem Leitgedanken at the crossroads wollte man richtungsweisend sein. Für die Baukulturgespräche, ein zweitägiges Symposium mit Think-Tank Charakter, wurde dieser Gedanke thematisch aufgenommen und großzügig erweitert. Man besprach fast alles, was inhaltlich zwischen kosmopolitische Metropole und örtliche Baugesetzgebung passt. Der Titel Nachbarschaft und Ordnung hätte die Gespräche inhaltlich ebenso zusammengefasst wie Stadt und Prozesse. Peter Woodward, Moderator der Gespräche, machte gleich zu Beginn zusammen mit Jörg Wippel, Managing Partner des Forums und Bauträger aus Wien, deutlich, welche Fragen besprochen werden sollten: „Wie schaffen wir lebenswerte Städte? Wie schaffen wir global die Herausforderung der wachsenden Städte?“  Wippel weiter, „Seit jeher verbinden Menschen mit den Städten die Erwartung reicher zu werden, sozial und finanziell, mehr leben und besser wohnen zu können.“ Wie kann man diesen Erwartungen begegnen? Wie Getthobildung und soziale Verdrängung vermeiden? Was heißt es, leistbaren Wohnraum allen zugänglich zu machen?

Rethink Österreich
In Rethink-Sessions hatten sich seit Beginn des Jahres ausgewählte Arbeitsgruppen getroffen, um die österreichische Lage zu erfassen. Mit einer Gebrauchsanleitung für den erschwinglichen Wohnraum konnten grundsätzliche Vorschläge an die Bundespolitik formuliert werden. Hermann Knoflacher, Professor am Institut für Verkehrsplanung an der TU Wien, forderte z.B. auf, die Raumordnungsziele konsequenter umzusetzen, mit Sanktionen wenn notwendig. Widersprüche zwischen Bauordnung und Verfassungsrecht wären aufzulösen. Konkret hieße das, dass die Flächenwidmung in die Hände der Landesregierungen gegeben werden sollte. Jörg Wippel steht für ein bundesweites einheitliches Wohnbaurecht. Und eine Nachverdichtung der Stadtgebiete müsste entsprechend bis in die Quartierplanungsämter kommuniziert werden. Sozialziele sollten mit der Wohnbauförderung verknüpft werden, während immer noch zu wenig in die allgemeine Wohnbauforschung investiert wird, obwohl sich die Wohnbedürfnisse und -verhältnisse eklatant und fortlaufend verändern. Verdichtung soll Vorrang vor dem Bauen auf der grünen Wiese haben, soziale Durchmischung der Stadtquartiere politisch begleitet werden, so die Botschaft an die Politik.

Listen before you act
Während man in Österreich die Sache klar zu benennen sucht, ruft Saskia Sassen zum wiederholten Zuhören auf: „Find the language of the city as it has its own rules, listen before you act“. Jede Stadt habe ihre eigene Sprache. Dichte, aber auch Prozessfähigkeit und das Erlauben ungeplanter Ereignisse und wirklicher Fehler sind für Sassen Wesenszüge einer Stadt unabhängig von lokalen Kontexten. Der Planer als Verantwortlicher allein reicht ihr nicht, sie setzt auf das Know-How der Stadtbewohner für einen Neustart unserer Städte. „De-urbanise the city – smart cities from today are not smart, they are dumb, cause there is no open source opportunity. So imagine that we bring the citizens knowledge back to the development of the city itself.“ Ihre Kritik an den hierzulande reichlich unterstützten Smart-City-Projekten ist deutlich. Wie aber sollte die Anwendung von offenen Entscheidungsprozessen, von Open Source Developments, vor sich gehen? Carlo Ratti vom senseable city lab am MIT in Boston Massachusetts und Daniel Schwartz von Urban-Think-Tank halfen zu verstehen, wie von Stadtbewohnern durch selbstorganisierte Strukturen Impulse gegeben werden könnten, wenn man diese denn zuließe. Der von Schwartz dokumentierte Torre David, eine informelle, vertikale Siedlungsstruktur in einem nicht fertiggestellten Hochhaus in Caracas, Venezuela, wurde 2010 noch durch die Architekturpresse gefeiert. In diesem Jahr vernahm man von dessen offizieller Evakuierung (Auflösung) durch die politischen Entscheidungsträger.

Architectural answers
Was diesmal unbeantwortet bleibt, sind ökonomische Fragestellungen. Stattdessen bot Dietmar Eberle drei architektonische Antworten auf die von ihm auf den Punkt gebrachten Wohnwünsche eines Mitteleuropäers. Den Wunsch nach kurzen Wegen beantwortet er mit der von allen Referenten erwähnten hohen Dichte, dazu sollen differenzierte Atmosphären von Seiten der Architektur vermittelt und durch nutzungsneutrale Gebäude die Balance von Aufwand und Einkommen gehalten werden. Eberle zeigte die Aspekte aus einer planerischen Sicht. In Belgrad, nicht ungeachtet der dort im Vergleich zur Schweiz deutlich anderen Voraussetzungen, setzt sich alternativ die Idee eines schnell agierenden Kollektivs durch. Viele der Wohnungen in Belgrad sind nicht verkauft, nicht bewohnt und nicht am Markt zu haben. Iva Cucik vom Ministry of Space Collective ist mehr als eine Beobachterin informeller Entwicklungen. Das Kollektiv setzt die eigenen Antworten auf Fragen wie „Wo und wie kann man in Belgrad für 80€ im Monat wohnen?“ in die Tat um. Gründe für die angewandten Guerilla-Methoden und den Einzug in ein leerstehendes Fabrikgebäude sind die Wünsche, energieautark und effizienter zu sein. Man wollte sich Quadratmeter erarbeiten können und nicht teuer mieten.

Radical suggestions
Ähnlich unkonventionell agierte das Publikum. Zweimal wurde es von Peter Woodward, der einen echten Topjob machte, in Gruppen dazu aufgefordert, eigene Lösungsansätze radikalen Charakters vorzutragen. Mit einer housing lottery schlug die Gruppe um den ehemaligen Innenminister und Vizepräsidenten des Forum Alpbach, Caspar Einem, vor, die Konkurrenz unter den Städten zu entkräften. Warum sollten Menschen, die nach Wien ziehen wollen, nicht auch in Eisenerz sich einzumischen wissen. Warum lässt man sich nicht mal auf das Szenario der De-Domestification ein, einer nomadischen Lebenshaltung, die keine Besitz- oder Fixpunkte mehr bereitstellt, sondern die eine Stadt aus Motels anbietet, praktisch für alle immer alles „by the way“ und „to go“. Als realistischer lassen sich hohe Steuern auf Leerstände vermitteln oder der Vorschlag, dass Bürgermeister Kollektive sein müssten, um die Stadt repräsentieren zu können. Leise klingt an, dass man sich außerdem Lacaton-Vassal-Gebäude für die Städte wünscht, in denen die Bewohner freier gestalten und agieren können und die ohne penible Bauvorgaben auskommen. Vorerst eine unrealistische Vorstellung, da die politischen Voraussetzung dafür in Österreich fehlen. Aber hängt nun wirklich alles an der Politik?

Don't just blame the politics
Gemeinsam verändern
heißt es zum Abschluss der Baukulturgespräche. „Don't just blame the politics but start to go and form a crowd you are in front of. Blame yourself. By now we know what to do, but we need to start!“ appelliert Hans Jörg Ulreich, Bauträger in Wien, an die Eigenverantwortung von Planern, Architekten, Bürgern und Financiers. Vielleicht sollte man sich auch durch den Kopf gehen lassen, was Saskia Sassen vermittelte: „We cant allow finance to financialize everything, so who owns the city?“ Oder sollten wir akzeptieren, was Christo am Abend noch hinzufügt: „What do humans first in space? They build their habitats. But building houses is a slow process“. Bauen ist langsam und ja, es ist Prozess. Das ist alles nicht so neu, aber noch nicht oft genug gesagt und noch nicht weit genug verbreitet, wie es scheint.

Verfasser / in:

Claudia Gerhäusser

Datum:

Fr. 05/09/2014

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Kommentare

Wohnbaupolitik

Das Forum Alpbach im allgemeinen erwähnt nicht ohne Stolz auf der eigenen Homepage, „4.000 BesucherInnen, darunter 750 StipendiatInnen und zahlreiche Tagesgäste aus insgesamt 64 Nationen prägten das Bild der vergangenen 16 Tage. Insgesamt bot das Europäische Forum Alpbach 779 Stunden Programm, 60 Podiumsdiskussionen und 75 Breakout Sessions.“ Für die Baukulturgespräche wäre in diesem Jahr entsprechend zu lesen: "Von 120 Hörern der Baukulturgespräche kamen um die 90 aus Wien, ca 30 Hörer waren unter 35, bis zu max. 3 Bürgermeister wohnten den Gesprächen bei und ca. 0 Hörer gehörten der aktuellen Bundesregierung an." Oder anders gesagt: Botschaft gesendet, Adressat andernorts bis auf Weiteres beschäftigt. Ist es in Zukunft möglich die Gespräche auch mit den Verantwortlichen aus der Regierung und den Landesregierungen zu intensivieren? Und mehr Stipendiaten aus den Fächern Raumplanung, Architektur etc. die Chance der Teilnahme zu geben? Ebenso die Gespräche den noch nicht etablierten Akteuren leicht zugänglich zu machen?

Infobox

Unter dem Motto at the crossroads wurde in den Baukulturgesprächen 2014 ein Ideendiskurs zur Lage der Stadt und des Wohnens abgehalten. Das zweitägige Symposium fand vom 28. bis 29. August im Tiroler Gebirgsdorf Alpbach mit rund 120 BesucherInnen statt.

Claudia Gerhäusser berichtet für GAT.

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