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Pädagogische Akademie der Diözese Graz-Seckau in Graz-Eggenberg, erbaut 1969
Architektur: Günther Domenig, Eilfried Huth, ©: Martin Grabner

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Bericht
New Heritage: Ein Generationenvertrag?

Nach österreichischem Recht sind Denkmale von Menschen geschaffene unbewegliche und bewegliche Gegenstände von geschichtlicher, künstlerischer oder sonstiger kultureller Bedeutung, wenn ihre Erhaltung dieser Bedeutung wegen im öffentlichen Interesse gelegen ist.

Wie jedoch dokumentiert sich öffentliches Interesse? Gerade der Blick auf die Baukunst der jüngeren und jüngsten Geschichte wirft dazu Fragen auf, die Gegenstand des ISG Symposiums 2018 sein werden. Denkmalkultur baut auf den Vorgang der Bewertung – und sie ist politisch, religiös, wissenschaftlich, bürger-gesellschaftlich, oder auf sonstige Weise  geprägt. Dem Grunde nach beinhalten Denkmäler – und vor allem Baudenkmäler – eine Art Generationenvertrag, indem sie Nachfolgende dazu anhalten, etwas in Wert zu halten, das Vorausgegangene geschaffen haben. Wie weit Zeugnisse aus Vergangenheit und Gegenwart, die uns besonders wertvoll erscheinen, die gleiche Aussagekraft auch für die Zukunft behalten, wird auch davon abhängen, wie gut wir unser Wertsystem der nachfolgenden Jugend vermitteln können. Die Thematik der Denkmalpflege erfordert ideelles und materielles Engagement und kann stürmischem Erneuerungsdrang durchaus im Wege stehen. Der Anspruch des European Year of Cultural Heritage 2018 ist daher nichts geringeres, als ein Aufruf, das Wissen um die Kontinuität und Bedeutung der europäischen Kultur und deren Wertschätzung an die Jugend weiterzugeben.

In der touristischen Lesart von Denkmälern spielen die näheren Umstände der Denkmalerschaffung oft eine untergeordnete Rolle. Je größer die zeitliche Distanz zur Entstehung, desto weniger treten spezifische gesellschaftliche oder politische Absichten in der Rezeption in den Vordergrund. Der absolute politische Machtanspruch, der beispielsweise zur Realisierung der Apadana-Reliefs in Persepolis geführt hat, die ausschließlich der Verherrlichung der Macht des Perserkönigs über die von ihm eroberten Länder dienten und deshalb auch prompt von Alexander dem Großen zerstört wurden, schmälert nicht ihren  Kunstwert in der heutigen Betrachtung. Die Ausblendung der dahinter liegenden Geschichte würde jedoch eine grobe Einschränkung des Verständnisses bedeuten.

Vielleicht stolpern wir also bis heute so unsicher und ambivalent in den Umgang mit baulichen Zeugnissen der Nazi-Diktatur, weil wir die gezielten politischen Aussagen nicht oder zu wenig als integralen Teil der Architektur wahrnehmen wollen. Aber es geht einfach nicht, das Haus der Kunst in München aus der Position von l’art pour l’art zu betrachten. Oder das aus dem 17. Jahrhundert wegen seiner Bausubstanz unter Denkmalschutz gestellte Bürgerhaus in Braunau am Inn – zugleich Hitlers Geburtshaus – als bloße touristische Attraktion stehen zu lassen. Die unter der Jugend neuerlich auflebende Diskussion zum Umgang mit den Bauten dieser Zeit ist ein Hoffnungszeichen, die Auseinandersetzung damit natürlich kontroversiell. Sie zeigt, dass der Diskurs über die Hintergrundinformation von Denkmälern – der implizite Aufruf „denk mal“ – bisher wenig geführt bzw. auch gerne vermieden wird. Er wird z.B. im österreichischen Denkmalschutzgesetz weder angesprochen und schon gar nicht gefordert. 
Die Beschäftigung mit „Jungen Denkmälern“, deren politische Konnotation bedeutsam ist, führt uns rasch zu Zeugnissen der Erinnerungen an den Balkankrieg in Bosnien. Hier ist die Denkmalkultur noch ein Akt heftiger gesellschaftspolitischer Verhandlungen. Der Diskurs rührt in Wunden, die auch das soziokulturelle Gleichgewicht leicht destabilisieren. Umso mutiger ist die Auseinandersetzung mit Bau-Denkmälern dieser jungen europäischen Geschichte. Der Blick nach Bosnien entstammt einer jungen Generation, die verstreut in Europa aufgewachsen und ausgebildet wurde, aber ihre Wurzeln kennt und thematisiert.

Nicht weniger von Interesse ist auch jene Baukultur Europas, die eingezwängt zwischen den genannten Polen - als Gegenbewegung diktatorischer Gesellschaftssysteme und im Rückblick auf eine internationale Moderne – in den 1960er und 1970er Jahren entstanden ist. Experimentelle Architektur, rationalisierter Städtebau, neue Materialitäten wie béton brut-Bauten oder Leichtbauweisen, auch die Vorgänger einer ökologischer Architektur haben bedeutsame und aussagekräftige Bauwerke hinterlassen, die von den klassischen Denkmalbegriffen der Kunstgeschichte – noch – nicht erfasst werden. Wie verhandelt man in der seriellen Architekturproduktion des Strukturalismus den Begriff der Originalität? Soll man ein herausragendes Bauwerk, dessen Materialität bewusst auf ein Ablaufdatum konzipiert war, als Denkmal für lange Zeit erhalten? Können, sollen, wollen wir überhaupt die Fülle an spektakulären Baudenkmälern des 20. Jahrhunderts erhalten? Solche Aspekte schneiden Fragestellungen einer „jungen Denkmalpflege“ an: Den Zugang junger Menschen zur Thematik und den Umgang mit Baukultur einer noch jungen Vergangenheit. (Text von Hansjörg Luser und Gertraud Strempfl-Ledl aus dem ISG.Magazin 1/2018, Europäisches Kulturerbejahr 2018, Seite 28)

Verfasser / in:

Hansjörg Luser / Gertraud Strempfl-Ledl

Datum:

Fr. 18/05/2018

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