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Volksschule Hausmannstätten von .tmp architekten, Graz, 2012
Architektur: .tmp architekten | tischler mechs projekte, ©: Paul Ott

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Bericht
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Volksschule Hausmannstätten

Architektur: .tmp architekten, Graz, 2012
Wettbewerb: 2009

Der Raum als dritter Pädagoge

Eine Schule ist eine der Bauaufgaben, bei denen der Zusammenhang von Architektur und Gesellschaft, von Raum und menschlichem Verhalten am deutlichsten wird. Der Raum, in dem junge Menschen einen großen Teil ihres Tages verbringen, hat eine ebenso prägende Wirkung auf ihr späteres Leben wie ihr soziales Umfeld.

Nicht selten passiert es, dass nur eine der beiden Komponenten stimmt: sich entweder engagierte Pädagogen in vorgestrigen Räumlichkeiten abmühen müssen oder Architekten innovative Raumkonzepte entwickeln (und manchmal gleich ein pädagogisches Konzept mitliefern), dieses Potenzial dann aber nicht genutzt wird. Die neue Volksschule in Hausmannstätten von .tmp Architekten entspricht keinem dieser Fälle. Die Architekten arbeiteten von Anfang an eng mit der Schulleitung zusammen, um das pädagogische Konzept in konkreten Raum umsetzen.

Die neue Schule liegt direkt am Grünraum des Hausmannstättener Generationenparks, in unmittelbarer Nachbarschaft des Hauptschulgebäudes, wodurch die bestehende Turnhalle und die Sportanlagen gemeinsam genutzt werden können. Der Zugangsweg führt die Kinder entlang des Ferbersbachs, fern der Gefahren an der Durchzugsstraße. Der dreigeschoßige, kubische Baukörper mit einer strukturierten Lärchenholzfassade sitzt an einer Geländekante, wodurch das Gebäude auf zwei Ebenen betreten werden kann. Im südwestlichen Eck liegen, geschützt von den weit auskragenden Obergeschoßen, der Haupteingang und ein, von Speisesaal und Werkraum aus zugänglicher Außenbereich. Auf der gegenüberliegenden Seite wird zwischen den Schulen ein Hofbereich mit den erneuerten Sportanlagen definiert, zu dem ein Ausgang vom mittleren Geschoß führt.

Keine langen, eintönigen Gänge

Bemerkenswert sind vor allem die großzügig bemessenen Bewegungsflächen, die sich über alle drei Ebenen ziehen. Diesem Raum, der mit vielen Nischen und schrägen Winkeln sehr bewusst aus dem orthogonalen, die Klassenräume fassenden Konstruktionsraster ausbricht, kommt im pädagogischen Konzept eine wesentliche Bedeutung zu. Hier findet klassenübergreifender Unterricht statt, wird gespielt und bei Schlechtwetter ersetzen die Flächen den Außenraum. Die Funktionsüberlagerung von Erschließungs-, Pausen- und Unterrichtsflächen unterstützt dabei die informelle Kommunikation der Kinder untereinander, aber auch mit den LehrerInnen. Neben den Lehrenden und den MitschülerInnen wird der Raum zum „dritten Pädagogen". Die Treppe zwischen den beiden unteren Ebenen mit Theaterstufen und einer offenen, der Schulbibliothek zugeordneten Lesegalerie versinnbildlicht die soziale Multifunktionalität. Eine abgeschrägte Fläche am Zwischenpodest wird von den Kindern schon mal als Steilkurve interpretiert, wie die Fußabdrücke schon nach den ersten drei Schulwochen belegen. „Aber das ist ja eine Schule, kein steriles Krankenhaus", versteht Direktorin Foller die Aneignung durch die Kinder eher als Bestätigung denn als Ärgernis.

Die insgesamt zwölf, annähernd quadratischen und unterschiedlich orientierten Klassen befinden sich in den beiden oberen Geschoßen und ergänzen mit teils raumhohen Verglasungen und ihren meist zwei Eingängen, einige davon als Glastüren ausgeführt, die variantenreichen Blickbeziehungen zwischen den Pausenbereichen, den Klassenräumen und nach draußen. Mit einer Freiklasse und Loggien in unterschiedlichen Größen verfügt ein Großteil der Klassen über einen Zugang ins Freie. 
Zwei Klassen werden als Schulversuch mit jahrgangsübergreifendem Unterricht (und wie viele der anderen Klassen als Integrationsklassen) geführt. Sie teilen sich einen Gruppenraum, der variabel als Ganzes oder geteilt den Klassen zugeschaltet werden kann.

Im Erdgeschoß flankieren Speisesaal, Werkraum und die Garderoben, in die man vom darüberliegenden Pausenbereich durch glasgedeckte Sitzzylinder hinunterblicken kann, den Eingang. Ein Geschoß höher befindet sich neben Bibliotheks- und Medienraum auch die Administration mit einem Lehrerzimmer, in dem die Pädagogen in ihrer Vorbereitungszeit auch wirklich arbeiten können. Im Zentrum des Gebäudes, umspielt von den Pausenflächen, sorgt ein Lift für Barrierefreiheit.

Die schon fast überstrapazierte Nachhaltigkeit wird bei diesem Projekt nicht plakativ in den Vordergrund gestellt, sondern liegt im Verborgenen: Über eine, per Tiefenbohrung gespeiste, konditionierte Be- und Entlüftung wird das Schulhaus in Kombination mit einer Fußbodenheizung temperiert. Eine Tageslichtsteuerung regelt Beleuchtung und Beschattung. Der Außenraum fungiert durch die Höhendifferenzierung, unterschiedliche Bodenbeläge und den alten Baumbestand am Bachufer selbst als Lernlandschaft.

Die neue Volksschule von Hausmannstätten ermöglicht nicht nur einen innovativen Unterricht, fernab von unzeitgemäßem Frontalunterricht, sondern sie erzwingt ihn förmlich. Die Kinder werden es ihr danken.
(Text: Martin Grabner)

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

Datum:

Mo. 12/01/2015

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