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Wohnbau Ragnitzstraße in Graz, Detail Balkone Süd-Ost
Architektur: LOVE architecture and urbanism, ©: Jasmin Schuller

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Bericht
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Virtueller Architekturführer Steiermark

Wohnbau Ragnitzstraße

Architektur: LOVE architecture and urbanism, Graz, 2013

Der vom Graz-Berliner Büro LOVE architecture and urbanism realisierte und mit dem Best Architects 15 Award ausgezeichnete Geschoßwohnbau befindet sich am östlichen Stadtrand von Graz in der Ragnitzstraße. Das Grundstück liegt südlich an die Straße angrenzend und fällt von dieser leicht ab. Auf die topografischen Gegebenheiten wurde mit einer straßenseitigen Laubengangerschließung im Norden und der Ausrichtung der Wohnungen nach Süden reagiert. Die halb in den Hang eingeschobene, von Süden erschlossene Tiefgarage bildet gartenseitig einen Sockel aus, der als Terrasse für die untersten, auf Straßenniveau liegenden Wohneinheiten dient.

Die Streckmetallverkleidung des Laubengangs wirkt als Filter für die Bewohner gegenüber der Straße. Städtebaulich nutzen die Architekten die vom Blickwinkel abhängige Transparenz des Materials – von stadteinwärts betrachtet, wird die dahinterliegende Erschließung ersichtlich und die Erscheinung gegliedert, während aus Richtung des Umlands kommend der Durchblick verwährt wird und der Baukörper monolithisch geschlossen wirkt. Das Gebäude kann durch diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen als Scharnier zwischen der dicht bebauten Stadt und dem lockerer bebauten Umland gelesen werden.

Das Gebäude bietet auf vier Geschoßen Platz für 16 Wohnungen zwischen 40 und 50 qm sowie ein Penthouse im obersten Geschoß. Eine soziale Durchmischung bei der Belegung ist aufgrund der vielen gleichartigen kleinen Wohnungen nicht zu erwarten.
Die Zweizimmerwohnungen zeichnen sich durch funktionale Grundrisse, offene querlüftbare Wohnküchen sowie großzügige Verglasungen von Wohn- und Schlafzimmern auf die südseitigen Balkone aus. Jene Balkone erstrecken sich jeweils über die gesamte Breite der Wohnung und sind durch ihre Zick-Zack-Form ein wesentliches Gestaltungselement des Bauwerks. Durch die geschoßweise Versetzung dieser Form ergeben sich in verschiedenen Graden überdachte und verschattete Bereiche auf den Balkonen, die der Witterung entsprechend flexibel und als Erweiterung des Wohnraums genutzt werden können.
Die Geländer der Balkone sind Teilflächen der hyperbolischen Paraboloide (s. Link 1), die sich aus der Verschränkung der Kragplattenkanten ergeben. Sie bestehen aus Lärchenholzlatten, die alle verschieden geneigt sind und dementsprechend unterschiedlich stark verwittern – es entsteht somit für jedes einzelne Balkongeländer ein Verwitterungs- und Farbverlauf.
Im obersten Stockwerk finden sich nicht nur die südseitigen Balkone, sondern am ost- und westseitigen Ende auch jeweils eine Terrasse. Diese sind mit Rahmen in die skulpturale Gestaltung der Südfassade eingebunden, allerdings brechen sie aus dem System der zick-zack-förmigen Balkone aus, indem sie jeweils nach innen geneigt sind. Dadurch ergibt sich für das oberste südwestseitige Geländerfeld eine ebene Fläche anstatt der sonst doppelt gekrümmten (die Verwitterung schreitet deshalb auf dieser Fläche konstant voran) und beide oberen Randfelder werden von einer schrägen Wandscheibe begrenzt. Die Lattung reagiert hier in der südseitigen Ansicht durch eine Auffächerung und weicht vom Grundsystem der Fassade ab.

Das Gebäude präsentiert sich trotz seiner simplen Grundstruktur sehr differenziert und überlegt. Es bietet erstaunliche Wandlungsfähigkeit aus verschiedenen Perspektiven und speziell die Südfassade zeigt, wie mit vergleichsweise einfachen geometrischen Operationen spannende und dynamische Effekte erzielt werden können.

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

Datum:

Mo. 03/11/2014

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