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Wohnbebauung Hausmannstätten, Croce & Klug, 2002.
Architektur: Architekten Croce-Klug, ©: Martin Grabner

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Bericht
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Wohnbebauung Hausmannstätten

Architektur: Croce-Klug, Graz, 2002

Fährt man von Graz in Richtung Süden, bestätigen sich schnell viele Vorurteile und Statistiken zum Thema Zersiedelung. Der Raum zwischen den ursprünglichen Ortskernen hat sich in den letzten Jahrzehnten auf nicht gerade vorteilhafte Weise mit Einfamilienhäusern – meist von der Stange – und kontextlosen Doppel- und Reihenhäusern vom Typ Kohlbacher und Co. gefüllt. Ein Gesamtbild, wie es formloser und ungestalteter nicht sein könnte. Die Jahrhunderte alte Differenzierung zwischen Ort und Landschaft, Kultur und Natur, Dichte und Weite ist dabei verloren zu gehen, sich in eine gleichförmig verbaute Masse zu verwandeln.

Dieser räumlichen und damit auch sozialen Nivellierung entgegenzuwirken ist (auch) Aufgabe der Architekten. Das Grazer Büro Croce - Klug hat sich dieser Herausforderung gestellt. Über einen Zeitraum von fast 20 Jahren entstanden nahe dem Ortskern von Hausmannstätten 80 Wohnungen im verdichteten Flachbau. Die Wohnbebauung schuf nicht nur Wohnraum in einer räumlich geordneten Struktur, sondern die Architekten versuchten auch, die Siedlung sozial in das Umfeld zu integrieren und einen Bezug zum Ort herzustellen. Ausgangspunkt war eine Modell-Steiermark-Wettbewerb im Jahr 1985 für den ersten verdichteten Flachbau dieser Region, ausgeschrieben vom Wohnungsunternehmen "Die Frohnleitner", den Helmut Croce und Ingo Klug für sich entscheiden konnten. Basierend auf dem Wettbewerbsentwurf entstanden zwischen 1986 und 2002 nach und nach sechs Bauabschnitte, die ein Ganzes bilden, in ihrer Ausformung aber auch die Entwicklung des steirischen Wohnbaus und die Änderungen in der Förderungspolitik ablesbar machen.

Die Grundstruktur bilden eine Randbebauung und kleinere Punkthäuser um einen großen, für alle Bewohner offenstehenden, begrünten Innenhof. Die von außen nach innen lockerer werdende Bebauung erzeugt eine Zentralität, die eine starke soziale Integration der Bewohner, ähnlich einem Dorfleben, zum Ziel hat. Die damit Hand in Hand gehende Abstufung der Freiräume von privat über halböffentlich zu öffentlich orientiert sich am Aufwachsen der Kinder, die zunächst im eigenen Garten spielen, dann mit den Kindern der direkten Nachbarn und schließlich in der größeren Gruppe am Spielplatz im Zentrum der Anlage. Die differenzierten Baukörper rund um den Hof kultivieren das soziale Zusammenleben der Gemeinschaft mit einer einem Einfamilienhaus entsprechenden Wohnqualität, jedoch bei weitaus besserer Grundstücksausnutzung. Die geringe Fluktuation unter den Bewohnern und deren hohe Zufriedenheit zeigen, dass verdichteter Wohnbau auch außerhalb der Stadt angenommen wird und daher weiter forciert werden sollte.

Viele verschiedene Gebäudetypen beherbergen je zwischen drei und 13 Wohnungen, wobei bei jedem Bauabschnitt die zu dem Zeitpunkt erlaubte Dichte ausgenutzt wurde. Die Größe der Wohnungen, die meist über zwei Geschoße reichen, liegt zwischen 60 und 130 m2. Während die ersten beiden Abschnitte aus einer relativ geschlossenen Randbebauung bestehen, bieten die Abschnitte III, IIIa und IV zusätzlich kleinere Baukörper, die die Heterogenität der Baumassen erhöhen. Aufgrund der sich verändernden Förderrichtlinien musste dann jedoch sukzessive ein immer größerer Teil der Wohnungen in größere Volumen zusammengefasst werden, was die Vielfalt der Frei-, Außen- und Zwischenräume reduzierte. Der Abschnitt V besteht schließlich nur mehr aus einer Zeile mit eingeschoßigen Wohnungen und die zwei Gebäude des Abschnitts VI stehen als Solitäre eigentlich schon außerhalb der "Dorfgemeinschaft". Die Identifikation der Bewohner mit der Gemeinschaft variiert auch dadurch, dass die Wohnungen in den früheren Bauabschnitten als Eigentum vergeben wurden, während die späteren – ebenfalls als Folge von Gesetzesänderungen – als Mietkaufwohnungen auf den Markt kamen. Das äußert sich vor allem in der geringeren sozialen Integration: Die Bewohner des ersten Bauabschnitts entschieden sich noch in Gruppen für die Anlage von kollektiv bewirtschafteten Gemüsegärten, Spielplätzen oder einfachen Wiesen, was später nicht mehr funktionierte. Bei den kleinvolumigeren Gebäuden, die mit ihren variantenreichen Außenräumen besonders interessant sind, konnten die Bewohner die Wohnfläche durch zusätzliche, eigenfinanzierte Ausbauten am Dach erweitern und etwa kleine Büros unterbringen. Außerdem wurde so die bauliche Vielfalt weiter gesteigert. Nicht zuletzt durch den langen Errichtungszeitraum hat die Siedlung kein einheitliches Alter: Es gibt Kinder aller Altersgruppen, was die Lebendigkeit aufrechterhält.

Formal stellen die Dächer, die der Siedlung ihren inoffiziellen Namen "Grüne-Dächer-Siedlung" gegeben haben, mit den deutlich ausgebildeten Dachüberständen eine Referenz an die ländliche Umgebung dar und fügen sich harmonisch in das Landschaftsbild ein. Um nicht nur die Gemeinschaft unter den Siedlungsbewohnern zu stärken, sondern auch eine Durchmischung mit der Bevölkerung der umliegenden Dorfteile entstehen zu lassen, sah der Wettbewerb eine größere Durchlässigkeit der Siedlung vor als schlussendlich realisiert werden konnte. Die zu 50% durchbrochenen Erdgeschoße der Reihenhäuser der nördlichen Zeile, die einen ungehinderten Blick in das Innere der Siedlung erlauben, zeugen von dieser Intention der Architekten. Eine stärkere Ausbildung der Durchgänge im Inneren und eine Fortführung der Hauptachsen außerhalb der Siedlung als fußläufige Verbindung bis hin zur Kirche von Hausmannstätten, wie von Croce - Klug im Wettbewerb vorgeschlagen, scheiterte am Widerstand der ersten Bewohner und am überschaubaren Interesse der Gemeinde. Die Jugend ist in diesem Punkt den Erwachsenen einen Schritt voraus: Die Kinder der Bewohner bringen ihre Freunde von außerhalb einfach zum gemeinsamen Spielen in die Siedlung mit.
(Text: Martin Grabner)

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

Datum:

Mo. 12/11/2012

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