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Graz, Winter 2020. Blick von Lendkai über die Mur zum Schloßberg. Alle Grafiken von Bettina Landl
©: Bettina Landl

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Bericht
Natürliche Ordnungen im Vordergrund

Aktuell ist keine Planungssicherheit gegeben, das Grazer Kulturjahr 2020 pausiert bis nach der allgemeinen Sommerpause und wird bis ins Jahr 2021 hinein ausgeweitet. Davon sind auch alle Projektverläufe betroffen. Während einige Forschungsarbeiten und Vorbereitungen unbeeinträchtigt bleiben, sind doch partizipative Formate zur Gänze unmöglich (geworden). Damit ist ein Zeitraum verfügbar geworden, der uns gemeinsam neu ein- und ausrichten lässt. „It seems that the earth is searching to keep its balance, activating its immune system through an epidemic that destabilizes the anthropocentric capitalistic system. This could be associated to a homeostatic process, it will take a certain time to find balance again, hopefully in new terms“, befindet die Künstlerin Daniela Brasil, Teil des Projekts Homeostasis - between Borders and Flows, das sich wie kaum ein anderes der ausgewählten Beiträge auf gleichsam poetische Weise mit den sich ereignenden Veränderungsprozessen in Beziehung setzen lässt.

Fluide Formen
Ein transversales vegetatives Selbst, welches wir sind, ist Hybrid, biomorphe Masse. Nichts ist fest, alles ist flüssig. Dabei liegt es nahe, das sogenannte „Kinship“ (Verwandtschafts)-Verhältnis als Grundlage politisch-aktivistischer Strategien zu bestimmen: "Making kin and making kind (as category, care, relatives without ties by birth, lateral relatives, lots of other echoes) stretch the imagination and can change the story.“ (1) Es geht um die Entwicklung solcher Strategien und Netzwerke zur Veränderung menschlicher, kapitalistischer, planetenumspannender Auswirkungen der Globalisierung und dessen Erfordernis neuer Begrifflichkeiten.
„Wir bereiten uns auf die Homöostase vor“, kommentiert die Künstlerin Nayarí Castillo den derzeitigen Richtungswechsel und verweist unter anderem auf Vogelnester als Inspirationsquelle bzw. Referenz für (neue) humanistische Perspektiven im Zusammenhang mit Stadtentwicklungskonzepten, denn „homeostasis is the mechanism by which organisms or systems sustain balance, or return to balance when needed. This natural regulation engine aims in maintaining a dynamic equilibrium, while evidencing the interrelatedness of all the parts that constitute the natural machine.“

Natürliche Entgrenzungen
„This project proposes the phenomenon of Homeostasis as a metaphor to address the actual need to restore balance within our complex living environments – or the entanglements of individual and collective bodies and actions, human and other-than-human, borders and flows, on the local and global levels“, erklären Daniela Brasil und Nayarí Castillo (Daily Rhythms Collective), die im Rahmen ihres Projekts Homeostasis - between Borders and Flows unter anderem mit dem ArchitektInnen-Kollektiv Studio Magic und dem Afro-Asiatischen Institut (AAI) zusammenarbeiten, um Theorie (Forschung) und Praxis (u.a. Ausstellung unter dem Titel Verflechtungen) zum einen im Innenraum (AAI) wie auch im Außenraum (Installation auf der Grünfläche Eustacchio-Gründe) zu verorten. "Homeostasis focus on spaces on the edges of Graz — micro-forests and green areas circumscribed by highways roundabouts, located near to the borders of the city; using them as physical exploration devices to inquire around systemic change, and indispensable alterations to the ways we see, behave and act within nature. On those spaces, life-flows do not follow the standardly imposed administrative borders. These artificial lines have been historically a topic of conflict within political, urbanistic and ecological discourses, as they do not follow the coherent mechanism of regulation of ecosystems. Concepts as “making kin” and “urban metabolism”, essential references for the research, debate and artistic outputs, will be formulated and speculated upon, expanding our senses of (inter)connection in a post-human world.“

Reagieren und neu se­man­ti­sie­ren
Politische Grenzen und Strukturen werden von natürlichen Ordnungen unterwandert.“, erklärt Castillo. „Was fließt und was wird abgebrochen? Es geht um politische Grenzen und die Ausbreitung eines Naturraums über ebendiese hinweg.“, ergänzt Brasil. „Wir erforschen, warum derlei Grenzen entstanden sind und wie sich beispielsweise Entwicklungslinien hinsichtlich Verkehr im Vergleich zu einer natürlichen Geografie und Natur ausgestalten.“ Es geht darum, die Grenze(n) zwischen Mensch und Natur abzuschaffen, Alternativen zu denken und ebendiese Grenzen auch als Schwelle(n) zu betrachten, um damit arbeiten und diese weiterentwickeln zu können. „In dem Projekt konzentrieren wir uns auf Koexistenzen und mögliche Balancen, offene und geschlossene Formen zum Publikum, die für unsere partizipative Praxis wesentlich sind.“, beschreibt Castillo. „Unsere Feldforschung machen wir gemeinsam mit den eingeladenen KünstlerInnen wie unter anderem Andrea Acosta, Catherine Grau oder Julio Loaiza am Knoten Südautobahn/St. Peter-Gürtel, Abfahrt Graz Ost/Raaba, da dieser eine der schönsten Oberflächen in diesem Kontext darstellt. Diese Grünanlage wird beispielsweise mit indigenen Bautraditionen aus dem Amazonasgebiet und deren Lebensweise verglichen.“, schildert Brasil. „So wird eine Forschungsstation im AAI eingerichtet und Handwerkstraditionen wie das Flechten von Fischernetzen, sogenannten Reusen, nachgegangen, alten Strukturen also, die als Referenzquellen dienen.“ Im AAI werden bewegliche Objekte gebaut, die dann in die Eustacchio-Gründe migrieren, um im Wald installiert zu werden. „Das ist ein kleines Biotop entlang der Straßenbahnlinie 6 in St. Peter und wir möchten dort unsere zweite temporäre Station implementieren, um den öffentlichen Raum zu nutzen und vor Ort weiter zu arbeiten und öffentlich zu diskutieren. Was uns interessiert, sind sich transformierende Felder und wie sich Orte verändern – performative Handlungsweisen in Zusammenhang von Raum und Körper und dieser Umweltdiskurs.“, schildert Castillo ihr Projektvorhaben, das am Ende eine Publikation mit einschließt. Brasil ergänzt: „Es geht dabei insbesondere um verflochtene Beziehungen und die Idee der Homöostase – dass Systeme wieder ins Gleichgewicht kommen. How can we reconnect with ourselves as humans and non-human beings in other levels and creating new relations, that we got away from? How can we not go back, but reconstruct other forms of relations inspired by other ways of living, that are not the ones we are used to in modernity and in Europe?“

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(1) Vgl. Donna Haraway, „Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin“, in: Environmental Humanities, vol. 6, 2015, S. 159-165 // siehe: https://read.dukeupress.edu/environmental-humanities/article/6/1/159/811...

 

Verfasser / in:

Bettina Landl

Datum:

Mon 30/03/2020

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Natürliche Ordnungen im Vordergrund

Graz Kulturjahr 2020 hat Pause.

Im Rahmen der Serie Graz Kulturjahr 2020 und seine AkteurInnen stellt Bettina Landl hier noch ein Projekt vor:

  • Homeostasis – between Borders and Flows
    Nichts ist fest, alles ist flüssig. Das Projekt verwendet das Phänomen der Homöostase (Aufrechterhaltung bzw. Wiederherstellung eines Gleichgewichts von Organismen) als Metapher, um die Notwendigkeit der Wiederherstellung des Gleichgewichts unserer komplexen Lebensumgebungen anzudiskutieren und setzt sich damit auf poetische Weise mit den aktuellen Ereignissen in Beziehung.

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