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Bericht
Nachruf auf eine Kämpferin für Qualität

Liebe Charlotte,

für meinen Nachruf auf dich wähle ich die Du-Form, die direkte Anrede, die ich öfter mit gemischten Gefühlen begonnen habe, wenn wir uns trafen, immer in der Angst, dass sich dieses Gespräch ausdehnt in eine zeitliche Dimension, die ich als alleinerziehende Mutter in meinem durchgeplanten Alltag einfach nicht hatte. Ich erinnere mich an eine zufällige Begegnung spätabends nah an meiner Haustüre, die trotz meiner zaghaften Versuche, das begonnene Gespräch auch bald wieder zu beenden, bis spätnachts dauerte, so lang, dass mein Babysitter, wie er mir erbost sagte, schon ernsthaft erwogen hatte, die Wohnung einfach zu verlassen. Eins ergab das andere, wenn man mit dir ins Gespräch kam. Du wusstest so viel über aktuelle Tendenzen in der Kunst, konntest Kunsttheorien präzise wiedergeben, kanntest Künstler und deren Arbeit, auch wenn sie nicht in aller Munde waren, du hast dich für Tanz und für Neue Musik interessiert und dich mit Philosophie auseinandergesetzt. Nie waren Gespräche mit dir Tratsch und selbst, wenn man mit dir Urlaub machte wie damals in den frühen 1980ern in Amalfi, oder mit dir in Paris im Hotel "La Louisiane" zusammentraf, konnte man kaum Persönliches von dir erfahren.

Deine Befindlichkeit war Hintergrund, wurde bewusst verschlossen gehalten, vielleicht auch aus einer Scheu heraus, Schwäche zu zeigen und wurde wenn, dann nur im Kontext zu deinem Wollen mit-geteilt. Das war immer präsent. Deine Vorhaben, deine Pläne und Ziele waren das Thema unserer Gespräche, in denen du sehr genau zugehört und alles aufgenommen hast, denn über Zuspruch, Einspruch, ja, und Widerspruch hast du deine eigenen Überlegungen präzisiert und deine Konzepte stringenter werden lassen. In dieser Phase war die Diskussion, war sogar das Streiten produktiv – für uns beide. Deine Ansprüche an dich selbst waren immer sehr hoch, deine Projekte hast du an internationalen Standards gemessen – eine Kleinkleckserin, die sich aus der Provinz speist, wolltest du nie sein.

Deine Projekte hatten einen Umfang, der zur Realisierung ein Team braucht - ein gut eingespieltes, in dem jeder seine Aufgabe und seinen Platz hat. Du aber konntest kein Teamspieler sein, weil du in deinem hohen Anspruch alles perfekt machen wolltest und weil du auch sehr ehrgeizig warst. Jemand wie du tut sich schwer, zu delegieren und hat Schwierigkeiten damit, Erfolg zu teilen. Und so wurden dein hoher Anspruch auf Qualität, auf inhaltliche Tiefe (oberflächliche Events haben dich nicht interessiert) und die Größe deiner Vorhaben auch manchmal zu deinem Verhängnis. Bei der von dir mit Gerhild Illmaier 1993 ins Leben gerufenen film+arc biennale, einem Forum, in dem sich Film, neue Medien und Architektur begegnen sollten, konntest du Medientheoretiker und Größen der Film- und Architekturszene dazu gewinnen, nach Graz zu kommen, aber es konnte passieren, dass hierorts kaum jemand davon Kenntnis hatte, weil du es nicht geschafft hattest, dies rechtzeitig medial zu verbreiten. Manches verpuffte dabei, ohne wirklich wahrgenommen worden zu sein. Dein Anspruch blieb unbeirrbar, war superlativ, und so entstanden Programme, die „über 100 Medienkunstarbeiten aus 24 Ländern und rund 60 Vorträge, Präsentationen und Roundtables“ versprachen und selbst den Aficionados des Genres die Schweißperlen auf die Stirn trieben.

Diese Fülle an Qualität, die du immer angestrebt hast, und dieses unbedingte Wollen hat dich auch in gefährliche Nähe zur Fahrlässigkeit gebracht, denn all dies kostete Geld, viel Geld. Manches blieb daher auch Teilstück eines noch größeren Vorhabens. Als Kämpferin mit einem Engagement für eine Sache, das beeindruckend war, konntest du aber auch überzeugen und hast immer wieder Mittel für deine Visionen erhalten. Andere haben sie dir geneidet. Ihnen sei ins Stammbuch geschrieben, dass niemand sich in den letzten Jahren so sehr darum bemüht hat, der Architektur aus der Steiermark einen internationalen Stellenwert zu schaffen wie du mit „Sense of Architecture“. Wer hierorts so etwas anstrebt, abseits von Seilschaften, die er ablehnt, um unabhängig bleiben zu können, und ohne persönliche Präferenzen, der hat es schwer. Dass du Widerspruch zu deiner Arbeit kaum akzeptieren konntest, machte alles noch schwieriger, hat Arbeitsgemeinschaften und Freundschaften zerbrechen lassen und dich vermutlich auch einsam gemacht. Gesprochen hast du darüber nicht, es vielleicht nur angedeutet. In den zuletzt immer ausführlicheren Erzählungen über deine kleine Katze und die erfüllende Kommunikation mit ihr, als du schon von dieser tödlichen Krankheit befallen warst, kam eine andere Charlotte zum Vorschein, weich und fürsorglich. Und dennoch: In Erinnerung behalten werde ich dich als unermüdlich hartnäckige Kämpferin für Qualität, als eine, die vom höchsten Anspruch ausging und diesem treu bleiben wollte. Dass du dein Sterben nicht akzeptieren konntest und es daher, wie man hört, nicht angesprochen hast, kann ich verstehen. Du wolltest leben. Adieu, Kämpferin!"

Verfasser / in:

Karin Tschavgova
ARTIMAGE CONTEMPORARY informe

Datum:

Fr. 29/06/2012

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VERABSCHIEDUNG von Charlotte Pöchhacker

Die Familie, Kollegen und Freunde verabschieden sich von Charlotte Pöchhacker am Freitag, dem 29. Juni 2012, um 15.15 Uhr in der Feuerhalle, Alte Poststraße 343-345, 8020 Graz.

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