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ReuseReduceRecycle – ENTWERFEN statt WEGWERFEN: Milorad Milic bei der Einführung „Was macht ein Architekt?“
©: Sonja Hohengasser

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Bericht
Lehrveranstaltung Architekturvermittlung

Sensible Landschaften, historische Bausubstanz in alten Ortskernen und anonyme landwirtschaftliche Nutzbauten prägen das Erscheinungsbild Kärntens – eine qualitativ hochwertige Lebensumgebung, die jedoch durch schlechte, spekulative Bautätigkeit konterkariert wird wie fast überall, wo unreflektierte Entwicklungen Platz greifen. Aber werden diese Qualitäten auch so wahrgenommen oder eben diese Störungen als solche erkannt?

Architekturstudierende „vermitteln“ im Studium aktiv ihre geplanten Architekturvorstellungen an Lehrende, an ihre Mitstudierenden und bei externen Projektpräsentationen auch an Laien, ohne sich dessen vielleicht so sehr bewusst zu sein. Aber auch verschiedene Partizipationsprozesse und gemeinsame Projektentwicklungen haben mit Vermittlungs- und Überzeugungsarbeit zu tun. Gleichzeitig werden die Studierenden durch Vermittlung von baukulturellen Inhalten anhand von Vorträgen, Ausstellungen, Büchern und in unzähligen Diskussionen geprägt. Auch beim Aufenthalt im Gebäude der FH Kärnten – einem wunderschönen  Renaissancegebäude mit einem neu überdachten Innenhof – kommen sie mit den Begriffen Raumatmosphäre, räumliche Beziehung, Proportion, Lichtführung und dem Zusammenwirken von Alt und Neu in Kontakt. Ein Gebäude, das von sich aus schon einiges an Vermittlungsarbeit übernimmt, ist sowohl für die Ausbildung, als auch für die Erforschung in Richtung Architektur der richtige Rahmen. 

Architekturanschauung im Sinne eines bewussten Prozesses

Architekturvermittlung ist seit dem WS 2011/2012 ein fixer Bestandteil des Masterstudiums Architektur an der FH Kärnten in Spittal/ Drau. In der Lehrveranstaltung Architekturvermittlung – österreichweit derzeit einzigartig – werden, wie auch bei den anderen Architekturvermittlungsinitiativen in Österreich, verschiedene Fragen der Kommunikation in Zusammenhang mit Architektur und Baukultur behandelt. Beispiele: Welche Möglichkeiten der Vermittlung von Architektur haben wir? Welche Hilfsmittel und Werkzeuge können uns dabei unterstützen? Wie kann man das Fachvokabular der Architektur an Laien weitergeben, wie zu einem Verständnis der unterschiedlichen Sichtweisen kommen und vor allem kann man den Bauherrinnen und Bauherren der Zukunft (aller Altersklassen) bewusst machen, dass sie eine gestalterische Verantwortung gegenüber ihren Mitmenschen haben? 
Diese Fragen werden in der LV in Kleingruppen anhand unterschiedlicher praktisch orientierter Themenstellungen erarbeitet. Themen und didaktische Konzepte sind an aktuelle Semesterinhalte angelehnt und behandeln Werte wie Nachhaltigkeit (Beispiele: Recycling Entwerfen statt Wegwerfen oder Billiges Bauen), atmosphärisch- und materialbedingtes Bauen oder Projekte, bei denen besonders auf Beteiligung gesetzt wird (Beispiel: der interkulturelle Vergleich des Projektes schattenraum afrika versus schattenraum österreich). 
Die unterschiedlichen methodischen Konzepte, wie geführte Sehübungen, basisorientierte Grundlagen-Vorlesungen, Erklärungen anhand zerlegbarer Modelle (Beispiel: Projekt Räumliche Umsetzung neuer pädagogischer Konzepte) bis zum eigenen Gestalten im Modell oder im Maßstab 1:1, werden in einer praktischen Umsetzung mit einer Schulklasse erprobt. Sehr wichtig bei allen Projekten ist die Wahl der zu vermittelnden Inhalte und die pädagogisch/didaktische Aufbereitung des jeweiligen Workshops und die Adaptierfähigkeit für unterschiedliche Altersstufen. 

Das Präsentieren und Dokumentieren der Projekte zu den unterschiedlichen Vermittlungsthemen erzeugt eine eigene Haltung zum gebauten Umfeld. Gut funktionierende Vermittlungswerkzeuge werden modulartig ausgearbeitet und bei Verwendung in diversen Veranstaltungen altersadäquat angepasst und immer wieder verbessert. In der Architekturvermittlung entwickelte Konzepte wie der Hofhausbausatz werden beispielsweise im Architektur-Unterricht als spielerischer Semestereinstieg verwendet und im Unterricht entwickelte Konzepte und Abgabemodelle,  wie z.B. zum Projekt Die räumliche Umsetzung neuer pädagogischer Konzepte, werden in Ausstellungen und Führungen zur Präsentation und Erläuterung von Erwachsenen und SchülerInnen verwendet.
Reflektiert werden die Erkenntnisse aus dem Quervergleich der sehr naheliegenden eigenen Erfahrungen im Verständnis von Architektur gegenüber den beobachteten Reaktionen dieses Prozesses bei Kindern, Jugendlichen und Studierenden und den unmittelbaren Rückmeldungen der TeilnehmerInnen, GastkritikerInnen und BetreuerInnen und vor allem der LehrerInnen. Sehr aufschlussreich sind auch die filmischen Dokumentationen, die nach einem Projekt im Team analysiert werden.

Architektur kann nur einen Beitrag zur Verbesserung der heutigen Lebensformen und den zahlreichen Problemen in unserer Gesellschaft (Pensionssystem, Sozialsystem, Bildungsproblem, u.v.m. …) liefern, wenn es gelingt, ein größeres und tieferes Bewusstsein bei „Architekturfremden“ zu schaffen, da sie ebenfalls ein wichtiger Bestandteil unseres Landschafts- und Kulturraumes sind. Der Architekturspielraum bzw. die Architekturvermittlung ist Teil dieser Bemühung – genauso wie die Ausbildung an der FH selbst – und leistet daher einen essentiellen Beitrag, der extrem wichtig ist, den Stellenwert und das Bewusstsein der Architektur zu heben und dabei auch die Position des Architekten zu verbessern… 
(Thomas Harlander, Absolvent der Architektur an der FH Kärnten)

Reges Interesse und die große Unterstützungsbereitschaft der Studierenden bei zahlreichen Projekten und Workshops bestätigten Arch. DI. Dr. Peter Nigst, Studiengangsleiter Architektur an der FH Kärnten, darin, Architektur- bzw. Baukulturvermittlung im WS 2011/2012 als Wahlfach in das Masterstudium zu integrieren. Ziel ist es, den Studierenden die Wichtigkeit der Architekturvermittlung bewusst zu machen, sie dazu zu bringen, sich zumindest einmal im Studium mit einem derartigen Projekt aktiv zu befassen, und damit auf ihre engagierten Beiträge zur Verbreitung zählen zu können. 
Die Studierenden leisten in diesem Sinn einen großen Beitrag zur Basisarbeit der Architektur- und Baukulturvermittlung. Die Wechselbeziehungen zwischen Ausbildung, Praxis und Forschung können sehr gut genutzt werden, das Verstehen baukultureller Zusammenhänge zu fördern. Dies soll in Zukunft weiter verstärkt werden. Momentan entsteht gerade die erste Diplomarbeit im Bereich Architekturvermittlung, die sich auch intensiver mit offenen Fragen, auch der Evaluierung auseinandersetzt.

Projekte

ReuseReduceRecycle – ENTWERFEN statt WEGWERFEN
Projekt der FH Kärnten, Studiengang Architektur, 2013

Projektleitung: DI Sonja Hohengasser, Arch DI Dr Peter Nigst
Projektteam: Florian Anzenberger, Thomas Harlander, Nevena Marjanovic, Karin Menzel, Milorad Milic
Schule: 1c, BG Porcia
Lehrerin: Mag. art. Michaela Gansger

Jugendliche untersuchten den ökologischen Kreislauf eines täglich verwendeten Objektes – des Joghurtbechers. Im Anschluss wurden experimentelle Räume aus Joghurtbechern gebaut.

schattenraum afrika versus schattenraum österreich
Projekt der FH Kärnten, Studiengang Architektur, 2013
Magagula Heights, Südafrika | Wernberg, Österreich

Projektleitung: DI Sonja Hohengasser, Arch Di Dr Peter Nigst 
Projektteam: Armin Grossegger, Daniela Fössleitner, Marco Gaggl
Unterstützung: Anita Kramer, Marlene Wagner, Lisa von Hilgers

Der Versuch zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Jugendlichen mit völlig unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen und Zugängen hinsichtlich Verständnis, Herangehensweise, Arbeitsweise, Motivation und dem Aneignen von RAUM (vergl. "placemaking"- kollektiver Prozess zur Verbesserung der Nutzungsqualität eines öffentlichen Raumes) auf, die sich aus den Erfahrungen mit den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen von zwei verschiedene Kontinenten mit zwei unterschiedlichen Kulturen mit völlig anderen klimatischen Voraussetzungen und empirischen Erfahrungen, die mit demselben Material und derselben Aufgabenstellung konfrontiert werden.

schatten.raum – ein räumlicher Witterungsschutz oder eine spielerische Auseinandersetzung mit Licht und Schatten?

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Projekt der FH Kärnten, Studiengang Architektur, 2014

Projektleitung: DI Sonja Hohengasser
Projektteam: Vanja Sikman, Tijana Guzijan
GastkritikerInnen: Arch DI Dr Peter Nigst, DI Christine Aldrian-Schneebacher
Schule: 2c BG Porcia
Lehrerin: Friederike Schmölzer-Jäger



Seit 2006 beschäftigt sich die baukulturelle Bildungsinitiative ARCHITEKTUR_SPIEL_RAUM_KÄRNTEN intensiv mit unterschiedlichen Themen zu ganz einfachen aber wesentlichen Fragen der Baukultur. Hemmschwellen an Architektinnen oder Architekten heranzutreten sollen damit abgebaut werden, interessante Gespräche zu den verschiedensten Fragen in unserem Lebensumfeld ermöglicht werden, die anregen sollen, selber aktiv in die Gestaltungsprozesse unserer Gesellschaft einzugreifen.
Der Großteil der Lehrenden im Bereich Architektur an der FH Kärnten sind Mitglieder dieser Initiative. 

Zusammensetzung ARCHITEKTUR_SPIEL_RAUM_KÄRNTEN:
Vorstand: Christine Aldrian-Schneebacher, Sonja Hohengasser (FH Kärnten), Lena Uedl-Kerschbaumer
Weitere Mitglieder: Jasmin Kindler (Studentische Mitarbeit an der FH Kärnten), Gerhard Kopeinig, Raffaela Lackner, Guntram Müller (Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FH Kärnten), Peter Nigst (Studiengangsleiter Architektur FH Kärnten), Helga Rauter, Anna Rubin. Viele andere engagierte Personen aus dem Bereich Architektur, Kunst, Baukultur und Lehre ergänzen das Kernteam bei einzelnen Projekten. 

Verfasser / in:

Sonja Hohengasser

Datum:

Mi. 18/03/2015

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Infobox

Aufgrund des regen Interesses von Seiten der Studierenden wurde die Architektur- und Baukulturvermittlung im WS 2011/2012 als Wahlfach in das Masterstudium Architektur an der FH Kärnten integriert. 

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des GAT-Fokus Architektur- und Baukulturvermittlung.

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