vorarlberg.jpg
Blick auf das Einfamilienhausgebiet von Andelsbuch, Vorarlberg
©: Theresa Reisenhofer

_Rubrik: 

Bericht
Learning from Vorarlberg

Beim Thema Architektur am Land kommt man nicht um Vorarlberg herum. Vorarlberg hat sich in den letzten Jahrzehnten zum Hot-Spot für zeitgenössische Architektur in Österreich entwickelt. Im kleinstes Bundesland (nach Wien) und deutlich ländlich geprägt hat das Phänomen der Vorarlberger Bauschule und Baukünstler eine regionale Architekturentwicklung und Baukultur begründet. Wie auch die Grazer Schule entstand sie in der Aufbruchstimmung der 60er Jahre. Steiermark und Vorarlberg – zwei Szenarien mit jeweils anderen Folgewirkungen.

  • „Es ist eine Arbeit, die sich in Vorarlberg zwischenzeitlich über 50 Jahre aufgebaut und entwickelt hat. […] Damals waren es Architekten, deren Programmatik verträglicher waren für das Bauen im ländlichen Raum. Vielfach ausgebildet bei Roland Rainer, dessen Position inhaltlicher war, weniger formal und individualistischer orientiert als an der Grazer Schule. Niemand hatte in Vorarlberg das Selbstverständnis oder Berufsverständnis des Genies oder des Stars, der über den Dingen schwebt und auf die Baustelle allen sagt, wo es langgeht. In Vorarlberg war die Zusammenarbeit mit Handwerkern kooperativ. Handwerker wurden befragt, ernst genommen, in den Entwicklungsprozess einbezogen. Daneben wurden Orte und Bedingungen in hohem Maße respektiert. So haben sich die Architekten über die Jahre hinweg Vertrauen aufgebaut.“ (Auszug aus dem Interview mit Roland Gnaiger)

In Vorarlberg ist es für viele private BauherrInnen „normal“ einen Architekten oder eine Architektin für ein Bauvorhaben zu beauftragen. In den ländlichen Gebieten der Steiermark ist diese Situation genau umgekehrt. Da bilden Gebäude von ArchitektInnen die Ausnahme und der Hauptteil der Entwurfs - und Planungsleistungen werden von BaumeisterInnen oder Baufirmen durchgeführt. Die nachstehende Frage wurde den InterviewpartnerInnen zur folgenden Einschätzung gestellt:

In Vorarlberg werden für Bauprojekte am Land, ob öffentlich oder privat, öfter ArchitektInnen herangezogen als in der Steiermark. In den ländlichen Regionen der Steiermark erfolgen ca. 95% der Entwurfs- und Planungsleistungen durch BaumeisterInnen und nur ca. 5% durch ArchitektInnen. Was könnten die Gründe dafür sein?

  • „Die Gründe sind in der Vorarlberger Mentalität zu sehen. Die wollen alles gut machen und die Vorarlberger haben ein Wissen, dass es für alles einen Spezialisten gibt und die Architekten haben es geschafft, dort die Spezialisten für Architektur zu sein.“ (Auszug aus dem Interview mit einem Architekten)
  • „In Vorarlberg ist es so, dass jede Gemeinde einen Gestaltungsbeirat hat und die schauen einfach auf Qualität und die fordern diese Qualität auch ein. […] In Vorarlberg ist da einfach von der Politik der Wille da, da wird das mehr im Kontext gesehen, als bei uns. […] Da sind die Bürgermeister auch froh, dass sie auch diese Verantwortung auf die Gestaltungsbeiräte abgeben können. Also da wäre ein dringender Bedarf, das in der Steiermark nachzuziehen. Das ist ein absolutes Qualitätssicherungswerkzeug.“  (Auszug aus dem Interview mit einer Architektin)
  • „Wir waren im Rahmen der Projektübung in Vorarlberg und haben mit den Leuten geredet […] Der Impuls ist aus der Politik gekommen, aber auch schon vor 20 Jahren und über das aktive Präsentsein von Architektur hat sich da einfach die Wahrnehmung geändert. Die Leute beschäftigen sich damit und inzwischen wird das auch sogar von der Bevölkerung eingefordert, dass man was „Gescheites" baut.“ (Auszug aus dem Interview mit einer Studentin)

Diese „Normalität“ von Architektur in ländlichen Gebieten hat mich bei meinem ersten Besuch in Vorarlberg sehr beeindruckt. Der Beruf der ArchitektInnen wird als ein wichtiger Teil ihrer Kultur und Gesellschaft wahrgenommen. Die Architektur ist nicht unnahbar und abgehoben. Sie erreicht auch die „normale“ Bevölkerung. Sie wirkt nicht als etwas so Besonderes was der „normale“ Mensch nicht braucht. In Vorarlberg haben ArchitektInnen Tradition im ländlichen Raum. 

  • „Ich glaube, dass die Projekte in Vorarlberg als Vorzeigeprojekte funktioniert haben. […] Dieses Vorbildsein ist in der Steiermark sehr schwer. Bei uns ist das halt so im ländlichen Raum: der Baumeister macht das eh, wofür einen Architekten… Dass wir das vielleicht besser machen als der Baumeister, das musst du halt sehen und wissen, dass wir nur 5% an Beispielhäusern haben…“ (Auszug aus dem Interview mit einem Studenten)
  • „Ja, das ist durchaus ein Mangel unserer Kammer. […] Dieses Miteinander, der Prozess mit dem Bauherrn, das auf der Seite des Bauherrn stehen, mit ihm einen Mehrwert zu entwickeln, das wird überhaupt nicht transportiert. Das Bild am Land ist: der Architekt kostet viel, wenn du Pech hast, drückt er dir noch was aufs Aug'. Das haben die Vorarlberger über Projekte und Öffentlichkeitsarbeit schon lange geschafft, aber da waren sie selber ein schlagkräftiges Team, die wollten das.“ (Auszug aus dem Interview mit einem Architekten)

Die Aufgabenstellungen im ländlichen Raum sind komplex und anspruchsvoll. Sie stellen uns vor die Herausforderung auch für Alltagsgebäude architektonisch wirksam zu sein. Doch wie wir an Vorarlberg erkennen können, gelingt dies nicht nur durch einzelne Entwurfsaufgaben und Beispiele. Erst eine kollektive Zusammenarbeit innerhalb der ArchitektInnen kann die gesellschaftliche Relevanz der Architektur auch bis ins letzte Dorf tragen. Vielleicht können wir das von Vorarlberg lernen.

Verfasser / in:

Theresa Reisenhofer

Datum:

Mi. 28/03/2018

Artikelempfehlungen der Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Infobox

Learning from Vorarlberg

Vorarlberg. Steiermark.
Zwei unterschiedliche Bundesländer

Der Artikel von Theresa Reisenhofer erscheint im Rahmen der fünfteiligen Serie ArchitektInnen und das Land.

Die Reihe präsentiert Details und Ergebnisse von Interviews, die Theresa Reisenhofer, Absoventin des Masterstudiums Architektur am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz, 2017, mit verschiedenen Architekturschaffenden geführt hat.

Kontakt:

Kommentar antworten