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Eugen Hauber, "Nebelhafte Geschichte", Graz, Herrengasse, undatiert
©: UMJ/MMS

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Rezension
Land bei Nacht

Die Finsternis hasst Finsternis,
weil’s da immer finster is
und weil ma ohne Licht
aber scho gar nix siecht.
Drum glaub ma’s doch, mei Bua, sei gscheit,
du siechst net weit,
in der Dunkelheit. (1)

Dann wird es heller (2)
zur Ausstellung Land bei Nacht im Haus der Geschichte Graz

Die Multimedialen Sammlungen des Universalmuseums Joanneum sind eine Schatzinsel für jeden historisch Zugeneigten. Im Archiv befinden sich über zweieinhalb Millionen Filme, Tonaufnahmen, Fotografien als Negative und Positivabzüge. Leider ist der Status für einen Großteil der Objekte des eines vergrabenen Schatzes, von dem man zwar weiß, dass es ihn gibt, wo er liegt, aber kein Geld für die Bergung vorhanden ist. Denn der vom Gesamtmuseum zur Verfügung gestellte Budgetanteil fürs MMS ermöglicht Suchen, Heben, Polieren und Zeigen nur sehr fragmentarisch.

Die neueste Ausstellung im Haus der Geschichte ist wieder einer der Momente des Hoffens, dass nun endlich das Potenzial der MMS nicht nur erkannt, sondern auch mit entsprechenden Mitteln ausgestattet wird. Wenn schon über die Finanzierung der Institution eine ganze Garderobe des Schweigens zu legen ist, dann ist umso mehr der Hut für dessen Akteure, hier vor den beiden Kuratoren Max Wegscheidler und Christoph Pietrucha, zu ziehen, die ein ansehnliches Material aus dem Fundus hervorgeholt und aufbereitet haben.

Aber die Finsternis is eigentlich,
doch net unabänderlich,
ma macht si afoch söba Licht und siecht
und alles wird ganz anders sein als heit,
wias is zur Zeit,
in der Dunkelheit. (3)

Die purste Basis aller Ingredienzien für eine ausdrucksstarke Bildkomposition in der Fotografie – ob digital oder analog – lautet noch immer: Dunkel = Schwarz und Licht = Weiß. Wer mit dem vorhandenen natürlichen oder künstlichen Licht nicht zufrieden ist, sorgt noch zusätzlich eigenständig für Helligkeit mittels Birne. Die Verwendung von Blitzlicht ist fast so alt wie die Fotografie selbst, sorgt aber genauso lange für Grundsatzdiskussion zu Einsatz und zur Ästhetik.

Elektrifizierung war der Urknall, der für immer schneller voranschreitende Auflösung der Tag- und Nachtgrenzen in Innen- wie auch Außenräumen im beginnenden 20. Jahrhundert sorgte. Lichtwerbung erzeugte einen künstlichen Flächenbrand in den größeren Städten. Schaufenster blieben vierundzwanzig Stunden hell, Neonschriften wuchsen an Fassaden und Wände empor und entlang. Nachtarbeit stieg deutlich an. Die Unterhaltungsindustrie elektrisierte ein neues Publikum – mit programmatisch bedingten Dunkelphasen dazwischen.

Im Nationalsozialismus bohrten sich anfangs Lichtsäulen wie Elmsfeuer des Größenwahns in den Nachthimmel. Als die Allmachtsfantasien im Bombenhagel der Alliierten wegbröckelten, wurden diese Scheinwerfer zum verzweifelten Orientierungsmittel für Flugabwehrgeschütze.

Paris de Nuit, ein Buch mit Aufnahmen vom facettenreichen, nächtlichen Leben in der französischen Hauptstadt machte den Ungarn Brassaï schlagartig („über Nacht“, wäre hier ein Kalauer, Anm.) zu einem Star. Bis heute zählt der fragile Spiralband zu den wichtigsten und einflussreichsten Werken der Fotogeschichte.

Land bei Nacht versammelt 100 Fotografien aus der Steiermark. Viele davon würden jeden interantionalen Vergleich in der Zeit ohne Mühe bestehen. Bis auf wenige Ausnahmen stammt der Großteil der Auswahl aus eigenen Beständen. Alle zeigen Nachtaktives von den 1920ern bis in die 1990er.

Egon Blaschka, manchen noch als der erste Ombudsmann der Kleinen Zeitung bekannt, war in seinen jungen Jahren ab den späten 1940ern für lange Jahre intensiver Dokumentarist nächtlicher Arbeit. Der vergessene Eugen Hauber spielte noch früher virtuos und immer wieder voller Poesie mit den Anfängen vom künstlichen „Fiat Lux“ in Graz. Alfred Steffen wieder hält in der Blütezeit der analogen Fotografie das nächtliche Brauchtum im Winter am Land genauso fest wie Vergnügungen in der Stadt.

Die grelle Inszenierung der Macht in der „Stadt der Volkserhebung“ wird im dunkelsten Kapitel gezeigt. Bunt dafür endet der Gesamtlichtbogen mit Szenen aus der frühen, steirischen Rockgeschichte. Hier mischt sich Schwarz-Weiß mit Farbmaterial. Heute seriöse, alte Herrn werden noch einmal in herzhafter Rotzbubenhaftigkeit als Performer, Punker und Flower-Erbauer gezeigt. 

Einen ständigen Platz haben die Multimedialen Sammlungen ab sofort auch in der Erweiterung des Schaudepots im Museum für Geschichte erhalten. Es gibt einen Raum mit Hörproben und Monitorwände für Filmausschnitte. Zum Zeitpunkt der Presseführung war man hier aber noch intensiv am arbeiten und damit war Hören und Sehen noch vergangen. Fertig war die Fotografiepräsentation: Viele auf drehbaren Metallträgern dicht an dicht montierten Aufnahmen zeigen einen Querschnitt aus rund 150 Jahren Steiermark: Privates, Politisches, Unterhaltsames, Spektakuläres. Man erfährt den Zusammenhang von alten Säcken und politischen Kundgebungen; erfährt, welches Ambulatorium am LKH Graz in der frühen Nachkriegszeit immer offen blieb; ist beim Auffalten eines Fesselballons um 1880 dabei und möchte dagegen 1925 als Arbeiter beim Aufstellen eines Starkstrommastes in Mürzzuschlag nicht in unmittelbare Nähe beteiligt gewesen sein.

Auch wenn die weit nach unten gezogenen Bildreihen nicht gerade rückenfreundlich zum Publikum sind – Licht ins Dunkel der MMS zu bringen, ist ein neuer Morgen für den hauseigenen Schatz.  

(1) und (3) Die Finsternis, 1981: Ambros / Tauchen / Prokopetz ( LP Augustin)

(2) Der Titel hat mit dem gleichnamigen Titel auf der EAV-LP Spitalo Fatalo von 1983 nur den Titel gemeinsam.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 07/12/2017

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Infobox

Land bei Nacht
Fotoexpedition in die nächtliche Steiermark

Kuratiert von
Max Wegscheidler und Christoph Pietrucha

bis 25. Februar 2018
Museum für Geschichte
Sackstraße 16
8010 Graz
Mi – So, 10:00 – 17:00

 

 

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