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Markus Wilfling: Modell Schattenobjekt Uhrturm
©: Lena Prehal

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Kommentar
Kulturhauptstädte – Graz und die anderen

Graz zählt zum Unesco-Weltkulturerbe, Graz ist City of Design, Graz ist Stadt der Menschenrechte – ein vor Jahren nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag, das schon bestehende Image und den Bekanntheitsgrad zu nützen und sich auch noch um den Titel City of New Orleans zu bewerben (vgl. Steve Goodmans Song um einen Zug dieses Namens, The Big Easy etc.) fand nur wenige Befürworter – und Graz war mit einem Soloauftritt Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2003.
Seit 9. Juni 2017 hat nun das Bundeskanzleramt die Ausschreibung um den Bewerb der österreichischen Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2024 veröffentlicht. Wie Die Presse berichtet, haben sich auch schon potenzielle Bewerber präsentiert, nämlich Bregenz, Bad Ischl, Judenburg und Murau, Wels, Baden und St. Pölten. Vom Linzer Tourismusdirektor Georg Steiner ist zu lesen, dass er immerhin überlegt, ob sich Linz, nach 2009, nochmals um den Titel bewerben sollte. Infolge 09 seien die jährlichen Nächtigungszahlen um 100.000 gestiegen und heuer gehe die Tendenz in Richtung 800.000 gegenüber 674.000 im Jahr 2008. Die Kulturszene beschreibt Steiner in diesem Zusammenhang allerdings als wenig motiviert, was der aktuellen Linzer Sparpolitik geschuldet sein mag.
Glücklicherweise (vielleicht) spielt das Thema in Graz keine Rolle mehr. In einer nach der Gemeinderatswahl veröffentlichten Agenda Graz 22 wird Graz zwar nach wie vor als Kulturhauptstadt bezeichnet, allerdings dürfte sich das Vorhaben und die Ausrichtung gegenüber 2003 – im Sinn eines zeitgemäßen und international relevanten Kulturgeschehens – doch merklich verschoben haben, wenn es schon in der Präambel heißt: „Graz als Kulturhauptstadt 2003 soll auch weiterhin ein Zentrum des kulturellen Geschehens sein. Dieses Bekenntnis umfasst jedenfalls auch die Pflege unserer Traditionen und der Volkskultur.“ Im Kapitel Starker Wirtschaftsstandort wird eine „noch stärkere Vernetzung mit den regionalen Wirtschaftstreibenden“ avisiert und „die Themen Kultur, Kongress, Kulinarik, Kreativität und Advent“ sollen „international stärker bekannt“ gemacht werden. In diesem Abschnitt findet die Murinsel und deren Sanierung Erwähnung. Die Insel befindet sich im Besitz der Graz-Kulturhauptstadt 2003 GmbH, die nun in eine City of Design – Murinsel Graz GmbH umbenannt werden soll. Die neue Gesellschaft, so das Vorhaben laut Agenda 22, soll „ihre umfassende Tätigkeit im Sinne der Stadtbelebung durch das Design-Thema aufnehmen“.

Was hat’s gebracht?
In einem nicht datierten Papier (naheliegend, dass es im Jahr 2004 veröffentlicht wurde) resümiert der Grazer Kulturamtsleiter Peter Grabensberger die Nachhaltigkeit des europäischen Kulturhauptstadtjahres in Graz. Wesentliche Akzente zu einer „verstärkten Legitimation und Transparenz der Förderungsabwicklung“ seien nach 2003 durch die Installation eines Beiratssystems gesetzt worden und durch die Veröffentlichung der Kunst- und Kulturberichte. In diesem Zusammenhang – und schon damals – erwähnt der Kulturamtsleiter „stagnierende und reduzierte Kulturbudgets“. Rückblickend, so Grabensberger, wäre freilich eine stärkere Einbindung heimischer Kunst- und Kulturschaffender „von Vorteil“ gewesen, aber Nachhaltigkeit sei allein schon durch die „Schaffung kultureller Infrastrukturen, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht möglich waren“ gegeben.
Infrastrukturprojekte in unmittelbarem Zusammenhang mit Graz 2003 führt eine ebenfalls 2004 von Joanneum Research erstellte Analyse mit Investitionen in der Höhe von rund 56 Mio. Euro an: Kunsthaus, Helmut-List-Halle (hier nur 50% der Errichtungskosten von Graz 2003), Umbau des Teatro für das Project Pop Culture, Kindermuseum, Umbau des Kulturhauses zum Literaturhaus, Fassadenerneuerungen aus einer Sonderdotation des Altstadterhaltungsfonds und Adaptierung der Hauptbrücke. Die Studie endet in allgemein gehaltenen Empfehlungen, etwa dass kulturpolitische Maßnahmen „Vielfalt, Offenheit und Partizipation widerspiegeln“ sollten, ein „systemisches cultural planning“ wird empfohlen, nach dem Kultur als „Ressource für menschliche Entwicklung“ gesehen wird. Und notwendig sei „eine starke Vernetzung der Kulturagenden mit anderen kommunalen Bereichen wie Wirtschaft und Tourismus“. – Ebendies wird im Kriterienkatalog des BKA zur aktuellen Ausschreibung angeführt.
Am Grazer Institut für Geographie und Raumforschung hat Tanja Mösinger 2010 ihre Diplomarbeit vorgelegt, in der sie die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadt 2003 untersuchte. Vorrangige Intention sei es gewesen, „Graz international zu positionieren und zu bewerben, da die fehlende internationale Aufmerksamkeit des ‘Geheimtipps’ Graz als einer der Schwachpunkte der Stadt angesehen wurde“. Weitere Ziele waren die Verbesserung der kulturellen Infrastruktur, Ausweitung des lokalen Kulturpublikums und erhöhtes Selbstwertgefühl in der Stadt beziehungsweise der Region. Der überwiegende Teil ihrer Interviewpartner, so Mösinger, berichtete von einer „Aufbruchstimmung“ nicht zuletzt verbunden mit verstärkter Medienberichterstattung. Graz sei aus dem Schatten von Wien und Salzburg getreten und Graz habe sich als Kulturstadt etabliert. Aus der Sicht von 2010 waren allerdings einige Gesprächspartner der Ansicht, es sei „nicht gelungen, den frischen Wind aus dem Kulturhauptstadtjahr zu nutzen“, man sei „schnell wieder in alte Muster“ zurück gefallen, was zum Teil auf die vergleichsweise geringen Budgets nach 2003 zurückzuführen sei. Die Mehrzahl der von Mösinger Befragten war der Meinung, die auch in der Studie von Joanneum-Research angeführten Enabling-Effekte seien nicht auf temporäre Projekte von 2003 zurückzuführen, vielmehr auf die neu entstandene Infrastruktur – mit Ausnahme der Murinsel, die bis heute nicht für die ursprünglich geplante Theaterbespielung genutzt wird respektive werden kann.
Gerade hat das polnische Wrocław/Breslau sein Kulturhauptstadtjahr 2016 bilanziert. Und das Resümee fällt vergleichbar aus: Manche monieren zwar, „das Programm sei zu sehr von oben herab abgespielt worden“, die Zahl der Einheimischen, die Kulturprogramme besuchen, sei aber deutlich erhöht und die der Besucher auf 5 Mio. verdoppelt worden. Sagenhafte 500 Mio. Euro wurden in die Errichtung neuer Kulturbauten investiert, darunter das neue Konzerthaus, ein Museum für den Nationalhelden Pan Tadeusz und renoviert wurde das Nationalmuseum. Und immer noch verkehrt an Wochenenden der Kulturzug zwischen Berlin und Breslau.
Um dem gegenüber schließlich noch Äpfel mit Birnen zu vergleichen: Im Jahr 2002 zählte man in Graz 427.008 Nächtigungen, 2003 waren es schon 547.625 und im Vorjahr 1.125.372.
Wrocław, wir kommen!

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Di. 25/07/2017

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