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Graz ist Baukultur – Hrsg. Stadt Graz, Stadtbaudirektion, 2018, 156 Seiten. Coverfoto: Volksschule Mariagrün von Architekturwerk Berktold Kalb, 2014. Foto: Markus Kaiser

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Kommentar
Kultur baut auf

We shape our cities and afterwards our cities shape us.
(Winston Churchill)


Ursprünglich hatte sie eine bodenständige Bedeutung. Ein Feld urbar machen, einen Acker zu bebauen, das nannten die Menschen Kultur. Irgendwann begannen Denker Kultur aus der Erde zu ziehen, sie mit anderen Wörtern zu verknüpfen. Nach dem körperlich aufrechten Gang konnte nun auch das geistige Aufrichten des Menschen beschrieben werden. Seit über 300 Jahren gibt es Kultur endgültig – auch – als Sorte außerhalb der Nahrungskette. „Ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten von Menschen leiten“, definierte es der Anthropologe Cecil Helman einmal.
Ende des 19. Jahrhunderts begann der Kulturbegriff wild zu wachsen. Heute ist Kultur ein inflationärer Ausdruck geworden, auf alles und immer anwendbar: Streitkultur, Fankultur, Hyperkultur, Subkultur, Elitekultur. Wer sich anpasst, neigt zur Akkulturation, wer dabei eigene Gedanken und Ansichten miteinbringt, eher zur Inkulturation. Wir unterscheiden unter anderem zwischen totalitätsorientiertem Kulturbegriff (Alles ist immer Kultur), differenztheoretischem Kulturbegriff (darin fühlen sich das Intellektuelle, die Wissenschaft und die Kunst wohl) oder normativem Kulturbegriff (ein Volk, eine Hochkultur). Wem das zu wenig ist, der kann sich Inter-, Multi- und Transkulturalitäten zuwenden. Seit Huntingtons Clash gibt einen unendlichen Kulturkampf. „Emsig beschäftigt sein.“ Die Ur-Herkunft des Worts Kultur stammt aus dem Indogermanischen. 
Womit ich endlich beim Thema bin.

Graz ist Baukultur, herausgegeben von der Stadtbaudirektion, liegt aktuell als großformatiges Paperback vor. Es ist eine Bestandsaufnahme von der Stadt Graz in Auftrag gegebenen Bauten bzw. Gestaltungen des öffentlichen Raums. 26 Beispiele aus den letzten 15 Jahren sind darin gelistet. Große Kaliber wie das Kunsthaus, die Stadthalle, die Auster oder das Eisstadion sind enthalten, die Neugestaltungen von Karmeliter-, Lend- und Europaplatz wurden aufgenommen. Die neue Mischnutzung als Pflege-/Wohnheim und Wohnungsanlage am Areal der ehemaligen Hummelkaserne wird präsentiert. Über die Hälfte der Beispiele sind Bildungs- und Sozialstätten wie Schulen, Kindergärten, Jugendzentren sowie das Frauenhaus. Mit dem Bildungscampus Smart City Graz Mitte gegenüber dem Science Tower ist auch ein noch nicht fertiggestelltes Projekt enthalten.
Die Notwendigkeit war bei den meisten Projekten hier gegeben. Viele davon sind prämierte Bauten und erfüllen den Nutzen, für den sie geplant wurden. Es gibt Bauten, die mittlerweile einen Wahrzeichencharakter erfüllen und das Stadtbild bereichern. Manche polarisieren, über andere wurde und wird noch immer diskutiert.

Im Vorwort setzt sich Eva Guttmann ausführlich mit dem Begriff der Baukultur auseinander. Sie zählt alle Faktoren, die rund um das Wort eine Rolle spielen, auf: Auftraggeber, Architekten, Wissenschaft, Politik, Medien, alle in der Stadt lebenden Menschen usw. Es fallen „Verantwortung“, „politischer Rückhalt“, „Qualität“, “Nachhaltigkeit“, „Innovation“, „Besser Wohnen“ und eine weitere, lange Liste von konnotierten und assoziierten Begriffen dazu. Als Resümee ihres Vorwortes, stellt sie sich die Titelfrage: Ist Graz Baukultur? und beantwortet sie wie folgt: „Doch am wichtigsten für die Sache der Baukultur sind der öffentliche Diskurs, die sachlichen und die polemischen Diskussionen, die Miteinbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern, die Transparenz von Entscheidungen, die Leidenschaft von Architekturschaffenden, die Offenheit der Verwaltung und der Rückhalt der politisch Verantwortlichen. Ist das alles gegeben, dann ist Graz Baukultur.“
Stadtbaudirektor Bertram Werle, der sich im Buch von Christian Kühn interviewen lässt, meint: „Schon die Herangehensweise an ein Projekt gehört zur Baukultur.“ Ein Extrakapitel wird Architekturwettbewerben und Fachbeiräten als Instrumentarien der Qualitätssicherung gewidmet. 

Bei der Vorstellung des Bandes im Rahmen des heurigen Architektursommers auf den ehemaligen Reininghausgründen in der Tennenmälzerei, die als ein frisches Beispiel für Erhalt und Neubespielung historischer Bausubstanz präsentiert wird, gibt Werle zu bedenken: „Immer mehr Immobilienfonds von außen drängen nach Graz. Da stößt Baukultur an ihre Grenzen.“
Auch Bürgermeister Nagl sieht die Gier der Großinvestoren und der mit Geld befüllten Fonds. Er bevorzuge aber nach eigenen Worten Genossenschaften und kleine private Investoren.

Lassen wir diese Worte einmal so stehen. Die Meinungen, was Baukultur ist, wo sie anfängt, wo sie endet, gehen in Graz – wie auch wo anders – weit auseinander. Wir alle sind erdnah genug, um Anspruch und Umsetzung, Wunsch und Realität, Notwendigkeit und Investition, Wert und Profit, Grün und Beton zu unterscheiden. Nehmen wir daher Eva Guttmanns Vorschlag auf, sowohl sachliche wie auch polemische Diskussionen tun einer Baukultur nur gut. Eröffnen wir die Diskussion mit einem etwas älteren Statement des Wiener Architekten Helmut Wimmer zur Frage „Darf Architektur unflexibel sein?“ im Rahmen einer Debatte zur Baukultur 2013: „Wir haben kein Recht, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, sondern die Pflicht, ihnen zu sagen, dass sie dieses oder jenes noch nicht ausprobiert haben und dass wir es ihnen möglich machen können. So wird der/die Architekt/in ein Mittel für unsere individuellen Zwecke. Er/sie wird zum/zur Anreger/in, Provokateur/in auf der Bühne des Lebens, auf der sich unsere individuelle Selbstverwirklichung vollziehen kann".

Fortsetzung folgt…

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Graz ist Baukultur
Das im Eigenverlag der Stadt Graz herausgebrachte, 156 Seiten umfassende Buch Graz ist Baukultur ist ab sofort in der Stadtbaudirektion, Europaplatz 20, 5. Stock, im HDA - Haus der Architektur, Mariahilferstraße 2, und im gut sortierten Buchhandel erhältlich. Der Preis beträgt 32,50 Euro.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Mo. 06/08/2018

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Kommentare

Grenzen für Baukultur?

Eine Stadt plant nicht selbst Baukultur. Ihre Aufgabe ist, die Voraussetzungen und Grundlagen für Baukultur zu schaffen. In der Stadtplanung müssen bzw. müssten Vorgaben (und Einschränkungen) erarbeitet werden, die gar nicht zulassen, dass "Baukultur an ihre Grenzen stösst" wie BM Nagl als oberster politischer Repräsentant und Verantwortlicher für Stadtplanung freimütig zugibt, so, als wären auch ihm dabei die Hände gebunden und hätte er darüber keine Entscheidungsmacht .... und vielleicht sogar auch gar nichts damit zu tun!

Infobox

Kultur baut auf

Emil Gruber zur Buch- und Filmpräsentation Graz ist Baukultur am 2. Juli 2018 in der Tennenmälzerei am Reininghausareal

Veranstalter
Stadtbaudirektion Graz

Unter graz.at sind Links zu den Filmen von Arch. DI Martin Brischnik angeführt (s. unten)

Zum Thema passend
Warum Architektur die Öffentichkeit so emotionalisiert
Anne Isopp für Profil, 2017

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