Grazer Schule_Konrad Frey_Bild 58
(58) Bernhard Hafner, Stadtzelle (Brückenrestaurant für Marburg), Diplomarbeit an der TH Graz, 1965, Modell.

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Sonntag
KONKRETE UTOPIE [1]

Studentische Positionen aus Graz 1965–1968

Mit der Bezeichnung „Grazer Schule“ wird gewöhnlich wenig differenziert alles gemeint, was in Graz zwischen etwa 1960 und 2000 Auffälliges geplant und gebaut worden ist. Dabei bezieht man sich primär auf Gebautes, während die radikalen Programme von Studenten der 60er Jahre bei Äußerungen zur „Grazer Schule“ mehr oder weniger marginalisiert werden.

Während sich die Haltung der Studentenbewegung auf der Suche nach zeitgemäßer Architektur als Widerspruch zum üblichen Architekturverständnis formuliert hat, zeigen sich mir die dann entstandenen Bauten der „Grazer Schule“ (mehrheitlich, wenngleich mit signifikanten Ausnahmen!) einem traditionellen und weiterhin üblichen Architekturverständnis verhaftet und primär formal konzipiert.

Mit dem Wort „Grazer Schule“ verbinde ich zunächst die Schule selbst, die Technische Hochschule Graz, an der ich bis 1967 Student war. Richten wir den Blick auf die Zeit 1965 bis 1968 – aus meiner Sicht die „Gründerzeit“ der „Grazer Schule“ –, in der die radikalen Umbruchsideen von Studenten formuliert und in Entwurfsprojekten demonstriert worden sind.

Die Schule

Für mich war es eine Schule ohne Lehrer, eine einzigartige Situation, die uns zwang, uns selbst umzusehen: nach Information zu suchen, die in den 60er Jahren von der Schule und in Österreich nicht zu bekommen war. Nicht in Vorlesungen, vielmehr eher zufällig aus Zeitschriften oder Büchern haben wir von den großen Wegbereitern erfahren.

Die Professorenschaft stand auch in gewisser Weise in Opposition zu den progressiven Studenten, hat aber die autonomen Hervorbringungen als Entwurfsübungen akzeptiert. Auch gab es an der TH Graz wie nirgends sonst ein Privileg für die Zeichensäle: den Torschlüssel für die Schule, also Zugang rund um die Uhr. Es herrschte das Gegenteil der heute von engagierten StudentInnen zu Recht beklagten Verschulung: Wir konnten in Eigeninitiative machen, was und wann wir wollten.

Dieser an einer Architekturschule einmalige Freiraum war nach meiner Wahrnehmung von Bernhard Hafner mit seiner intellektuell intensiven Präsenz beansprucht und dann weiter ausgebaut worden von nachkommenden Leitstudenten, wie – alphabetisch – Konrad Frey, Klaus Gartler/Helmut Rieder, Heidulf Gerngross, Helmut Richter und anderen.

Ich habe acht Jahre an der Schule verbracht, davon die ersten fünf nur auf der Suche nach meiner Orientierung: „Was ist zukünftig Architektur?“

Die Studenten stellten selbst die Fragen:
• Wie hat sich die Architektenschaft so an den Rand bringen lassen, dass das Gros des Bauens lieber ohne Architekten abgewickelt wird?
• Wie muss sich unser Angebot ändern, um für die Alltagsbedürfnisse der großen Zahl attraktiv und nützlich zu werden? Was wird gebraucht?
• Wie kann aktuelle Technik im Bauen eingebracht werden?
• Wie kann Architektur reagieren auf Zeit und Veränderung?
• Ist die Lebensdauer von Gebäuden gleich Nützlichkeitsdauer?
• Wozu Räume? Wird Nutzung und Emotion noch bestimmt durch den Raum an sich oder schon mehr von Einrichtungen, Apparaten, Anbindungen?
• Wozu „ARCHITEKTUR“?

Wenn ich über diese Zeit als „wir“ spreche, ist das nicht ganz korrekt, zumal weder ich von den Kollegen autorisiert bin, noch es jemals ideologische Absprachen zwischen uns gegeben hat. Aber es gab eine gewisse Verbundenheit im Wollen.

Das Umfeld

Wir waren persönlich engagiert und begeistert von den Veränderungen und Neuerungen in der Welt rundum; interessiert an aktueller Wissenschaft und Futurologie. Und umso mehr frustriert, dass die eigene Disziplin im alten Selbstverständnis festgefahren war: Architektur ist gleich Gebäude, und das muss solide, dauerhaft und schön sein. Auch in der damaligen Mainstream-Architektur, wiewohl scheinbar „modern“ in Form und Material, sahen wir Starre, Schwerfälligkeit, (zu-)Langlebigkeit. Bauten waren oft schon bei ihrer Inbetriebnahme veraltet. Die Welt war verstopft mit unbrauchbaren Gebäuden. Wir sahen, dass Architekten kaum gefragt waren. Also suchten wir nach neuen Strategien, Architekt zu sein.

Man nahm teil an einer Aufbruchstimmung, wie sie sich heutige StudentInnen kaum vorstellen können, an einer Weltcommunity von Progressiven mit ähnlichem ideologischen Unterbau: Wir hatten das Gefühl, als Architekt mitmischen zu können bei der Verbesserung der Lebensumstände der Menschen.

Die ideologische Position

Architektur ohne Gebäude? Derartiges war meines Wissens an der TH Graz vorher nicht diskutiert worden.
Frey: Beyond Architecture.

Orientierung fanden wir weniger bei „Architektur“ selbst, vielmehr in der Welt der Technik und bei Leuten wie Yona Friedman, Cedric Price: „uncertainty, usefulness and delight“, Archigram: „what people want“, Jean Prouvé: „Schönheit kommt von richtigem Denken“, Richard Buckminster Fuller: „World-Design-Science“ sowie bei El Lissitzky: „Form ist das Momentbild eines Prozesses ...,“ bei Konrad Wachsmann, Arnold Schönberg: „Ökonomie der Mittel“, auch bei Friedrich Kiesler, Rudolph Schindler, Louis Kahn, Frei Otto, Le Corbusier ... und Rank Xerox: „We make products people never knew they needed“ ...

Wir lasen den „Mann ohne Eigenschaften“, Robert Jungk, Jane Jacobs, Christopher Alexander, „Programme und Manifeste“ ...

Hier nenne ich auch Hans Hollein: Schon zehn Jahre vor uns studiert, hat er als erster Österreicher Alternativen zur Architekturkonvention erkundet. Seine Texte waren ideologisch fundamental, seine Projekte aus dieser Zeit weltausgreifend in alle Richtungen.

Die von Hollein, Walter Pichler, Günther Feuerstein und anderen ab 1965 redigierte, in Wien erscheinende Zeitschrift Bau – schon als Werk selbst ein Teil der Aufbruchsbewegung – hat als Informationsvermittler und ideologischer Positionshalter Weltniveau nach Österreich gebracht.

„Schöne“ Architektur hat uns wenig interessiert: Form und Erscheinung sollten sich als Ausdruck von Organisation, von Struktur und Nutzungspotential ergeben. Architektur als (Konsum-)Produkt. Heidulf Gerngross: „Architektur ist, was gebraucht wird“.

Für Aufgaben, die traditionell mit Bauen „gelöst“ worden sind, suchten wir andere Strategien und Mittel. Und wenn Bauen, dann für die KonsumentInnen als NutzerInnen gedacht, mit aktuellster Technik, temporär, beweglich, offen für neue andere Nutzungen ...

Unter meinen Notizen als Student finden sich zum Beispiel:
• Wir müssen alles in Frage stellen, was als Architektur überliefert und gelehrt wird. Fragen: Was ist eine „Straße“? Was ist ein „Fenster“? Was ist ein „Fußboden“? Schließlich sich selbst in Frage stellen.
• Die Zukunft wird kommen. Ob die Architekten bremsen wie bisher, Hilfe leisten oder ausgeschaltet werden, hängt von ihnen selbst ab.
• Wenn wir die neuen Mittel erkennen, annehmen und anwenden würden, könnte Architektur nie dagewesene Lebensqualitäten erschließen.
• Die Entwurfsanforderungen von Gewohnheitslasten und ästhetischen Vorerwartungen befreien, neu definieren, und dann mit Ökonomie der Mittel und aller Kreativitätdas Produkt entwickeln. ...

Wir wollten in der Tageszeitung beschrieben werden, nicht im Kulturmagazin. Zur Umsetzung dieser Vorstellungen wurden neue Entwurfsstrategien erdacht:
• Zuerst Recherchen zum Stand des Wissens und der baulichen Realisierungen, weltweit.
• Ein Programm formulieren als Vorgabe für den Entwurf.
• Die Machbarkeit beziehungsweise Herstellung mitdenken, mit technischer Detailausformung als Teil des Entwurfs.

Ein gemeinsames Programm hat es allerdings nicht gegeben. Wohl einen ideologischen Unterbau, und immer wieder anlassbezogene Diskussionen.

Ein Beobachter, Friedrich Achleitner, hat zur „Grazer Schule“ angemerkt, charakteristisch sei „die Betonung des Objekt-(Gerät-)Charakters von Bauwerken, so daß der traditionelle Architekturbegriff praktisch auf allen Ebenen [...] in Frage gestellt wurde. [...] die ‚Grazer Schule’ verzichtet fast ostentativ auf den ‚Wiener Traditionalismus’ [...]. Ich glaube, dass es in Österreich keine Entwicklung gibt, die in einer so vielfältigen Weise und auf einer so breiten Basis die kulturellen Prozesse und Konfrontationen reflektiert [...].“ [2]

Die Vorstellung, was utopisch ist, verändert sich naturgemäß mit den Veränderungen unserer Welt. Manches, was in den 60ern „utopisch“, weil unrealisierbar, genannt worden ist, gibt es heute. Also ist Utopie allzeit eine fragwürdige Bezeichnung. Die Konzepte sind nicht an der technischen Ausführbarkeit gescheitert, vielmehr an gesellschaftlichen Gewohnheiten und an mangelnder Investitionsbereitschaft.

[1] Nach Ernst Bloch „ein Prozess der Verwirklichung, in dem die näheren Bestimmungen des Zukünftigen tastend [2] Friedrich Achleitner, Mit und gegen Hauberrisser? Einige Behauptungen zu „Grazer Schule“, in: Zentralvereinigung der Architekten, Landesverband Steiermark (Hg.), Architektur aus Graz, Ausst.-Kat. Grazer Künstlerhaus, Graz 1981, 6 f.
[2] Friedrich Achleitner, Mit und gegen Hauberrisser? Einige Behauptungen zu „Grazer Schule“, in: Zentralvereinigung der Architekten, Landesverband Steiermark (Hg.), Architektur aus Graz, Ausst.-Kat. Grazer Künstlerhaus, Graz 1981, 6f.

Verfasser / in:

Konrad Frey
TU Graz - Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften

Datum:

Sa. 16/03/2013

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Der Essay wurde der Publikation "Was bleibt von der "Grazer Schule"? Architektur-Utopien seit den 1960ern revisited" (S.130-150), die 2012 von Anselm Wagner und Antje Senarclens de Gracy im Jovis Verlag herausgegeben wurde,  mit freundlicher Genehmigung des Verlags sowie von Anselm Wagner und Konrad Frey zur Wiederveröffentlichung auf www.gat.st entnommen. Am kommenden Sonntag erscheint in der Reihe "sonnTAG" der Essay "Wie beeinflusste der Strukturalismus die "Grazer Schule" der Architektur" von Eugen Gross, aus eben dieser Publikation.

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