Kebab Efendi & RHIZOM – Die Kunst der Zwischennutzung

Mit seinen Arbeiten bewegt sich das Grazer KünstlerInnen-Kollektiv RHIZOM durch die Stadt und darüber hinaus. „von hier aus“ meint diesmal das Lokal Kebab Efendi in der Grazer Münzgrabenstraße.

Der Name ist Programm: Wie im übertragenen Gebrauch bei Gilles Deleuze und Félix Guattari sehen sich die Protagonisten von RHIZOM als Wurzelgeflecht, das sich in Zusammenarbeit mit immer wieder anderen, externen KünstlerInnen einmal unterschwellig, dann wieder ganz offensichtlich mit seinen Konzepten und Projekten an ausgewählten Orten verbreitet.
„von hier aus“ heißt das aktuelle Programm, das mit wechselnden Inhalten an Orte geht, die auf den ersten Blick nicht mit zeitgenössischer Kunst in Verbindung gebracht werden. So waren RHIZOM mit Eingriffen am Rande des Baustellengeländes im Bereich des ehemaligen Augartenkinos während der heurigen „aktuellen Kunst in Graz“ präsent. Um das Aneignen von Räumen, Aufbrechen von Strukturen, um das Umnutzen verlassener Liegenschaften geht es auch beim derzeit laufenden Architekturforum Oberösterreich unter dem Titel „Reclaiming Space – Temporäre Zwischennutzungen“, an dem RHIZOM ebenfalls teilnehmen.

„von hier aus“ – eingezwängt zwischen einem roten Flaggschiff der österreichischen Medienlandschaft und der sich von außen hermetisch gerierenden Fassade aus Glas, Stahlpfeilern und Granit eines Versicherungsgebäudes, dem vor einigen Jahren ein gut erhaltener Biedermeier-Bau weichen musste – steht in der ehemaligen Münzgraben-Vorstadt immerhin noch ein zweigeschossiges Eckhaus, das an die alte Struktur der Einzugsstraße erinnern lässt. Es dürfte auch hier nur eine Frage der Zeit sein, bis die Angleichung der Traufhöhe erfolgt. Mustafa Gül hält derweil „von hier aus“ mit seinem Lokal Kebab Efendi stand, in das für die nächste Zeit auch RHIZOM und Freunde Kunst eingebracht haben.
Güls Vision einer „steirischen Weinstube“ etwa wurde von e.d gfrerer umgesetzt, der sich nur entfernt an Traditionen orientierte. Ein überdimensionaler Torus, nach gfrerer’scher Bauweise ausgeführt aus rohen Brettern, mindestens einem Fernsehapparat, Spanngurten und Seilkonstruktionen, eingewickelt in Klarsichtfolie, schwebt über etwas, das man andernorts vielleicht als Stammtisch bezeichnet. Kleinteilige Assemblagen im Raum stammen ebenfalls von ihm, weitere von Resul Demir, Tom Feldhofer, Inge Freidl Petra Kohlenprath, Leo Kreisel-Strausz, Mirko Maric, H. J. Schubert und Angelika Thon. Mit einer großformatigen Fotografie erwähnt Zita Oberwalder das Thema griechisch-türkische Grenze. Systemfrei angebrachte Straßenmarkierungen auf Basis von Spielfeldkalk dürften inzwischen ebenso wieder gelöscht sein, wie e.d gfrerers „informelle“ Papierknäuel im Eingangsbereich des Versicherungsgebäudes beseitigt wurden. Zur Eröffnung spielte sich Manfred Stern (Querflöte) auf ihm wie uns fremden Gesang von Serhat Gül ein, der auf seiner Oud begleitete. Auf Nachfrage erzählte Serhat, es seien Lieder nach Gedichten von Nâzım Hikmet, Dichter, Kunsthistoriker und Soziologe, der 1921 aus Istanbul fliehen musste und 1963 im Moskauer Exil starb. Sagen wir, wir kamen über die Kunst ins Gespräch.

„von hier aus. Efendi! Itara dot. efendi!“ ist während der Geschäftszeiten bei Kebab Efendi, Münzgrabenstraße 31 (Ecke Brockmanngasse) in Graz zu sehen.
Mo. – Fr. 9.00 bis 22.00 Uhr, Sa./So. 11.00 bis 22.00 Uhr.
www.efendi-pizza.at , www.rhizom.mur.at

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Bericht

Datum:

Di. 29/06/2010

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