Kalkbreite, Zürich
Ansicht Kalkbreitenstraße
Architektur: Müller Sigrist Architekten, ©: Martin Stollenwerk

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Bericht
Kalkbreite, Zürich

Die Kalkbreite – ein neues Stück Stadt
Unter diesem Titel entwarfen 2006 eine Handvoll QuartierbewohnerInnen und Fachleute die Vision einer nachhaltigen und in mancher Hinsicht vorbildlichen Bebauung des Kalkbreite-Areals. Aus der Gruppe ist die heute breit abgestützte und gut vernetzte Genossenschaft Kalkbreite gewachsen, die das 6‘350 qm große Areal von der Stadt Zürich im Baurecht übernommen hat. Die Vision wurde zu einem Projekt verdichtet, das die komplexen örtlichen Rahmenbedingungen meistert und zugleich die Vorgabe eines sozial, ökologisch und ökonomisch pionierhaften urbanen Lebensraums in zeitgemäße Architektur umsetzt.

Brückenschlag zwischen den Quartieren
Der Wohn- und Gewerbebau Kalkbreite steht im Dreieck zwischen Seebahngraben, Badener- und Kalkbreitestraße, an der Schnittstelle der Zürcher Stadtkreise 3 und 4. Im Inneren des Gebäudes liegt die überdeckte Tramabstellanlage der Verkehrsbetriebe Zürich VBZ. Auf ihrem Dach, in rund neun Metern Höhe über den Geleisen befindet sich der 2'500 qm große Hof, der BewohnerInnen und Öffentlichkeit als grüner Erholungsraum zur Verfügung steht. Dank ihrer Lage, ihrer physischen Präsenz und den innovativen Nutzungen, ist die Kalkbreite ein lebendiges Zentrum im Quartier und verbindet die umliegenden Stadtteile miteinander.

Durchmischtes Wohnen
Die oberen vier Geschoße beherbergen 55 Wohnungen mit 97 Wohneinheiten, in denen 250 Menschen leben. Günstige Mieten und ein breites Angebot an Wohngemeinschafts-, Familien-, Paar- und Singlewohnungen fördern eine breite soziale Durchmischung. Bei der Vermietung werden Geschlecht, Alter, Herkunft und Einkommen berücksichtigt. Ziel ist es, die am Zürcher Schnitt orientierte Durchmischung auch langfristig zu sichern. Für die Wohnungen gelten Belegungsvorschriften (Anzahl Zimmer minus 1 = Anzahl Personen), Änderungen müssen angemeldet werden.

Neue Wohnformen
Die Kalkbreite fördert gezielt neue Wohnformen: Kleinwohnungen sind zu Clustern mit großem Gemeinschaftsraum und Küche gruppiert, ein Großhaushalt mit ca. 20 Wohnungen und 50 BewohnerInnen unterhält eine Großküche und einen gemeinschaftlichen Ess- und Wohnraum, verschiedene Großwohnungen bieten sich für Wohnen in Gruppen an.

Kultur, Konsum und Innovation
Auf knapp 5'000 qm beherbergt die Kalkbreite einen dichten, lebendigen Gewerbemix. Autorenshops, Detailhandel und ein vielfältiges Gastroangebot mit Außensitzplätzen prägen die Straßenebene entlang von Badener- und Kalkbreitestraße, während in den zwei ersten Obergeschoßen Büros, Ateliers und Praxen zuhause sind.

Räume für Begegnung und Austausch
Die Kalkbreite schreibt die Gemeinschaft groß und stellt den MieterInnen eine breite Palette gemeinschaftlicher Räume zur Verfügung, die Begegnung und Austausch fördern oder Bedürfnisse abdecken, für die es in der Wohnung oder im Büro zu wenig Platz gibt: Waschsalon, Büroarbeitsplätze, Schulungs- und Sitzungsräume (Flexräume) sowie die Pension Kalkbreite mit 11 Zimmern.

Günstige Mieten
Günstige Mieten sind eine wichtige Voraussetzung für die soziale Durchmischung und die Integration in die Quartierstruktur. Dieses Ziel konnte sowohl für die Wohnungen als auch für die Gewerberäume erreicht werden: Für eine 100 qm-Wohnung beträgt die durchschnittliche Monatsmiete rund CHF 2’000 netto, der Grundpreis für Büros und Ateliers liegt inkl. technischem Grundausbau zwischen CHF 250 und CHF 300 pro qm im Jahr.

Flexibilität dank Jokerräumen
Betriebliche und private Veränderungen räumlich auffangen zu können ist ein wichtiges Ziel, wenn im Sinn der Mieterschaft projektiert wird. In der Kalkbreite hat es über das ganze Gebäude verteilt sogenannte Jokerräume, die zu einer Wohnung oder einem Gewerbeobjekt für maximal 3 Jahre hinzugemietet werden können. Dies ermöglicht beispielsweise einer wachsenden Familie, ein zusätzliches Kinderzimmer zu belegen, ohne gleich die Wohnung wechseln zu müssen.

Gemeinsam planen und betreiben
Die Genossenschaftsmitglieder konnten sich in verschiedenen Phasen am Planungsprozess beteiligen und trugen wesentlich zur Qualität des Projektes bei, indem sie vielfältige Vorschläge und Ideen einbrachten. Seit Frühjahr 2013 – einem Jahr vor Bezug – versammelten sich die BewohnerInnen und Gewerbetreibenden regelmäßig, um über Betriebsfragen zu diskutieren und zu entscheiden. Partizipation und Nutzung gemeinsamer Räume bilden den Boden für einen guten sozialen Zusammenhalt.

Drehscheibe
Das Betriebsteam der Kalkbreite, die DeskJockeys, sind nicht nur mit Unterhalt und Wartung der Kalkbreite beauftragt. Sie führen auch die Pension Kalkbreite und sind für die Vermietung der Flexräume zuständig. Der ganztags besetzte Desk im Eingangsbereich ist die Informations- und Koordinationsdrehscheibe im Kalkbreite-Alltag und bildet das lebendige Herz des gesamten Betriebs.

Minimaler Energieverbrauch
Die Genossenschaft hat sich zum Ziel gesetzt, an der Kalkbreite nicht nur baulich die Voraussetzungen für die 2000-Watt-Gesellschaft zu schaffen, sondern den Energieverbrauch auch im Betrieb stark zu reduzieren und die MieterInnen auf einen schonenden Umgang mit Ressourcen zu verpflichten. Das Gebäude ist nach dem Minergie-P- Eco-Standard erstellt und benötigt nur wenig zugeführte Wärme, die durch eine Grundwasser-Wärmepumpe erzeugt wird. In den Wohnungen wird mit gezielten Maßnahmen der Strom- und Wasserverbrauch minimiert.

Mobil ohne Auto
Durch die zentrale Lage und die optimale Anbindung an den öffentlichen Verkehr mit Tram, Bus und Zug vor der Haustüre, hat die Kalkbreite die besten Voraussetzungen für eine autofreie Siedlung. Anstelle einer Tiefgarage wurden 300 ebenerdige Veloabstellplätze erstellt. Die BewohnerInnen müssen auf das Halten eines Privatwagens verzichten, die an der Kalkbreite Arbeitenden auf das Auto für den Arbeitsweg.

33 m2 sind genug
Auch der Umgang mit der Ressource Raum ist bewusst: Durchschnittlich wohnt eine Person in der Kalkbreite auf 32.6 qm inklusive Gemeinschaftsflächen (Durchschnitt Schweiz = 45 qm). Um dies ohne Verzicht auf Großräumigkeit zu erreichen, wird ein überdurchschnittlicher Anteil großer Wohnungen erstellt, die von mehreren Personen und damit effizienter bewohnt werden. Zudem stehen gemeinschaftliche Räume wie Büroarbeitsplätze und Gästezimmer zur Verfügung, um die Wohnungen von weniger häufig beanspruchten Nutzungen zu entlasten.

Nachhaltigkeit konkret
Nachhaltigkeit ist im Projekt Kalkbreite kein leeres Schlagwort, sondern fließt auf allen Ebenen in das Projekt ein und wird innerhalb der Genossenschaft sowie in öffentlichen Veranstaltungen breit diskutiert. Ein externes Monitoring überprüft laufend die Resultate, gleicht sie mit den gesteckten Zielen ab und empfiehlt bei Bedarf korrigierende Maßnahmen.

Prägnante Figur im Stadtraum
Der Wohn- und Gewerbebau umschließt die Tramabstellanlage der VBZ und vereint die verschiedenen Nutzungen in einem einzigen, kompakten Baukörper. Die Volumetrie reagiert auf die städtebauliche Situation und umfasst blockrandartig alle Seiten des Grundstücks. Mit der Abstaffelung und der Reduktion der Gebäudehöhe gegen Süden werden Hof und Wohnungen besonnt. Die polygonale Grundform bildet eine prägnante und identitätsstiftende Figur im Stadtraum. Eine große Treppenanlage führt auf das Dach der Tramabstellhalle, welches als höhergelegener Hof auch dem Quartier zur Verfügung steht.

Rue Intérieure als verbindendes Element
Ausgangspunkt des Kalkbreite-Konzepts ist, neue Formen des Zusammenwohnens und das vielseitige Raumprogramm direkt miteinander zu verknüpfen und in eine räumliche Vision umzusetzen. Dazu wurde eine innere Erschließungskaskade als Rue Intérieure eingeführt. Diese hat ihren Ursprung in der Eingangshalle, verbindet auf den verschiedenen Geschoßen die Cluster der Kleinwohnungen mit den Gemeinschaftsräumen und führt auf die höher gelegenen gemeinschaftlichen Dachgärten und Terrassen. Die Dachterrassen und Gärten werden wiederum über Freitreppen miteinander verbunden, so dass ein Rundlauf durch das ganze Gebäude entsteht, in dessen Mitte das eigentliche Herzstück, der große gemeinschaftliche Hof, liegt.

Räume für Konsum, Kultur, Arbeiten, Gemeinschaft und Wohnen
Die Räume in den Gewerbegeschoßen sind nutzungsbedingt unterschiedlich ausgestaltet: neben dem dreigeschoßigen Kino hat es großräumige Laden- und Gastronomielokale sowie ein- bis zweigeschoßige Läden, im Mezzanin und im ersten Obergeschoß Büros und Ateliers. Auf dem Hofgeschoß (2. OG) findet der soziale Austausch statt. Eine breite Treppenanlage führt vom Rosengartenplatz hinauf zum Hauptzugang mit Halle, Caféteria, Waschsalon, Pension Kalkbreite, Kindertagesstätte sowie den Sitzungs- und Schulungszimmern Flex, die zusammen ein kleines Kongresszentrum bilden.
Am Hof und in den darüberliegenden Geschoßen liegen die Wohnungen. Durch die unterschiedlichen Wohnformen, die Gebäudegeometrie und die Lärmschutzanforderungen entsteht eine Vielzahl verschiedener Wohnungstypen.

Außenraum: Wohnzimmer des Quartiers
Das Freiraumkonzept verbindet die Funktion eines stadtökologischen Refugiums mit der Stärkung der sozialen Netze. Der Hof ist das Wohnzimmer des Quartiers, in dem die BewohnerInnen der Kalkbreite ihre Nachbarn zu Anlässen, aber auch im Alltag empfangen. Die Dachterrassen dienen den BewohnerInnen als nicht-öffentliche, gemeinschaftliche Außenräume. Mit dem Hof und den Dachterrassen mit ihren unterschiedlichen Themen Beim Gemüse, Bei den Kräutern, Bei den Gräsern sowie Bei den Rosen entsteht an der Kalkbreite ein großzügiger, ökologisch hochwertiger neuer Grünraum in dem an Freiflächen armen Quartier.

Minergie-P-Eco
Die Kalkbreite ist im Minergie-P-Eco-Standard errichtet und zertifiziert. Die hohen energetischen und ökologischen Anforderungen werden zum einen durch einen kompakten, gut gedämmten Gebäudekörper und eine geringe Eigenverschattung erreicht, zum anderen durch den Einsatz von erneuerbaren Energien mit Grund- und Abwassernutzung, Energierückgewinnung sowie effizienten Lüftungsanlagen.

Kosten und Termine
Als erstes Teilprojekt auf dem Kalkbreite-Areal erneuerte die VBZ 2010 die Geleiseanlage. Der Baubeginn für den Neubau fand im Januar 2012 statt, der Bezug von Mai bis August 2014.
Trotz komplexer Rahmenbedingungen und hoher energetischer Anforderungen sind die Anlagekosten mit CHF 63.7 Mio. (BKP 1-9) vergleichsweise niedrig. Die Landkosten entsprechen den von der Stadt zu leistenden Vorinvestitionen und werden mit dem Baurechtszins abgegolten.

Verfasser / in:

Genossenschaft Kalkbreite Zürich
Müller Sigrist Architekten

Datum:

Fr. 12/12/2014

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Infobox

Kalkbreite, das ist nicht nur Wohn- und Gewerbebau, sondern ein neues Stück Stadt – ein Mikrokosmos über der Straßenbahnremise im Zentrum Zürichs.

Auftraggeberinnen
Genossenschaft Kalkbreite, Stadt Zürich

Architektur
Müller Sigrist Architekten, Zürich

Wettbewerb 2009

Realisierung 2012–2014

Projektpartner
Jörg Niederberger (Farbgestaltung)

Nachhaltigkeit
Minergie-P- Eco-Standard

In der GAT-Reihe bauwerk.aktuell werden Architekturproduktionen innerhalb und außerhalb Österreichs präsentiert, die kürzlich fertiggestellt wurden. Bei der Kuratierung werden Projekte von AkteurInnen bzw. ProtagonistInnen mit Bezug zur Steiermark bevorzugt.

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