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Stadterkundung mit Jugendlichen – Medium Foto (Potsdam)
©: JAS Jugend-Architektur-Stadt e.V.

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Bericht
Junge StadtAnsichten
Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Planungsprozessen

Ob Straßenzüge, Parkanlagen, Wohngebäude oder Einkaufszentren, unser Lebensraum, das sind alles gebaute Räume, die unser Leben in vielfältiger Hinsicht beeinflussen. Diese Räume werden von uns und den Prozessen unserer demokratischen Gesellschaft produziert und definiert, und sie verändern sich stetig. Wie wir unsere Städte und Gebäude heute und künftig lebenswert gestalten, ist daher keine Frage, die nur wenigen Eingeweihten in entscheidungsfähigen Positionen vorbehalten ist. Es ist eine Frage der gemeinsamen Verantwortung und der aktiven Mitgestaltung. 
Kinder und Jugendliche mehr als bisher in der Gestaltung ihrer Lebensumwelt einzubeziehen: diese Position setzt sich zunehmend in Kreisen der planenden und bauenden Fachleute durch. 

Beteiligung von Jugendlichen an Stadtentwicklung

In der konkreten Planungs- und Baupraxis der Städte und Gemeinden ist die Beteiligung von Jugendlichen und Kindern immer noch nicht selbstverständlicher Bestandteil des Alltagshandelns. Kinder als Zielgruppe von kinder- und familiengerechter Stadtplanung sind vielerorts viel beachtet, Jugendliche und junge Erwachsene werden hierbei als weniger bequeme Zielgruppe gerne ausgeblendet. 
Angesichts der Tatsache, dass Jugendliche im demografischen Wandel unserer Gesellschaft zunehmend weniger werden, ist dies um so problematischer. In den kommenden Jahrzehnten wird der Einfluss der Jugendlichen auf die Produktionsprozesse unserer Gesellschaft und auch der des (öffentlichen) Raumes unweigerlich abnehmen. 
Die jungen Menschen in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihnen Räume und Möglichkeiten anzubieten, ist dabei eine Aufgabe, die planerisch mehr Gewicht bekommen muss. Dabei geht es darum, die Interessen der Jugendlichen gegenüber andern wertzuschätzen und im Sinne einer zukunftsfähigen Gesellschaft zu fördern. Es gilt jetzt eine Jugendbeteiligungskultur aufzubauen, Jugendliche in Prozesse einbinden und die dafür nötigen Strukturen und das hierfür nötige Verständnis zu etablieren.

Dies wurde auch von Seiten des Bauministeriums erkannt. Seit 2009 wurden rund 50 Modellprojekte durch das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung im Forschungsfeld Jugendliche im Stadtquartier in ganz Deutschland gefördert, um die Mitwirkung Jugendlicher an Stadtentwicklung zu stärken. Ziel der Projekte war es die jugendlichen Lebenswelten zu erkunden, Anforderungen Jugendlicher an die Stadt zu ermitteln, innovative Ansätze und Beteiligungsformate zu erproben und zu erkunden, wie Jugendliche an der Verbesserung konkreter Situationen und Orte mitwirken wollen. Nicht zuletzt ging es darum, zu erforschen und zu erproben, wie Jugendliche in Stadtentwicklungs- und Stadtplanungsprozessen einbezogen werden können (Sammlung von Veröffentlichungen und Dokumentationen hier).

Erste Erkenntnisse hierzu lieferte das Jugendforum Young cities now. An einem Wochenende im November 2009 haben sich 50 Jugendliche textlich und visuell dazu geäußert, was für sie eine jugendgerechte Stadt ist und wie sie sich an der Stadtentwicklung beteiligen wollen. Zentrale Arbeitsthemen waren Sport und Bewegung, Zusammenleben und Nachbarschaft, Chillen, Musik und Kultur, Kunst, Mobilität sowie Beteiligung. Hinsichtlich der Beteiligung wurde deutlich, dass Jugendliche sehr wohl Verantwortung übernehmen wollen und dafür die Möglichkeiten und Freiräume einfordern (vgl. Heinrich 2010). Dabei wird in dem Manifest und auch in vielen Projekten des BMVBS und von JAS (siehe Tabelle unten) deutlich, dass Jugendliche auf ganz unterschiedlichen Maßstabsebenen – Gesamtstadt, Stadtteil/Quartier, öffentlicher Raum, Objekt – mitwirken können und wollen, wobei das konkrete Räumliche sie zunächst einmal eher anspricht als strategische Fragen der Stadtentwicklung, deren Ergebnis beispielsweise Flächennutzungspläne (FNP), Masterpläne, Stadtentwicklungspläne (STEPS) sind. 

Viele Städte und Gemeinden gehen bereits kreative Wege, um diese Maßstabsebenen der Stadtplanung mit Kindern und Jugendlichen zu bespielen. Der Kompass Jugendliche und Stadtentwicklung fasst die Erfahrungen und wichtige Hinweise für die praktische Arbeit der Planungsverwaltungen zusammen (Download rechts).

Baukulturelle Bildung als Ausgangspunkt

Kinder und Jugendliche mit Methoden und Prozessen der Produktion des Raumes vertraut zu machen, befähigt sie nicht nur diese Prozesse und deren Ergebnisse (unsere Umgebung) zu verstehen und sich darin einzubringen, sondern vermittelt auch tiefe Einblicke in die Funktionsweise  unserer demokratischen Gesellschaft. Alle Formen der Beteiligung in Bau- und Planungsprozessen können nicht nur an die „Beteiligten“ in einer Richtung dieses Wissen vermitteln, sondern qualifizieren auch alle weiteren Akteure im Umgang mit den Ideen und Meinungen der Nutzer. Mitarbeiter und Entscheidungsträger in Kommunen oder Unternehmen sind dabei genauso wie Experten und Architekten gefordert, die zukünftigen Nutzer als „Experten ihrer Bedürfnisse“ auf Augenhöhe einzubinden und dieses Potential zugunsten einer höheren und nachhaltigen Qualität unserer zukünftigen Städte zu nutzen. So kann die baukulturelle Bildung Inhalte von mathematischen und physikalischen Zusammenhängen sowie  ästhetischen und handwerklichen Anforderungen vermitteln, Selbstbewusstsein und Meinungsbildung fördern und gesellschaftliche,  politische und wirtschaftliche Zusammenhänge deutlich darstellen und zur Anteilnahme befähigen (JAS e.V. in http://www.bpb.de/gesellschaft/kultur/kulturelle-bildung/138944/baukulturelle-bildung).

Auf Konferenzen und Symposien werden Ansätze und Methoden der baukulturellen Bildung, der Architekturvermittlung und des „Design Education“ ausgetauscht und dokumentiert.
In internationalen Forschungs- und Austellungsprojekten sowie Workshops wurden zudem gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen Ansätze und Methoden erprobt und Lehrmaterialien erarbeitet. Damit werden im Bereich der Baukulturellen Bildung bereits wertvolle und ergänzende Grundlagen für die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an den Fragen der Stadtentwicklung erarbeitet, die sich aber noch zu wenig in der Beteiligungspraxis wiederfinden und auch wissenschaftlich bisher nicht begleitet werden (vgl. Uttke 2012). Deutlich wird aber bereits, dass jeder Beteiligungsprozess von baukultureller Vermittlungsarbeit profitiert und zusammengedacht werden muss (vgl. Million/Heinreich 2014).

Aktivitäten im Bereich Baukultureller Bildung und Beteiligung 2011 und 2012 (Auswahl)

Tagungen/Symposien

  • get involved – discover and create common ground, Internationales Symposium zur Architektur- und Baukulturvermittlung für junge Menschen auf der Architektur-Biennale in Venedig, 2012
  • Design Learning, 5th Intercultural Arts Education Conference in Helsinki, 2012
  • Stadtgespräche, 4. Internationales Symposium der Architekturvermittlung in Weimar, 2012
  • Wir sind Platz. Konfliktbearbeitung im öffentlichen Raum, Tagung in Salzburg, 2011

Forschungs- und Ausstellungsprojekte

  • EU-project Fantasy Design, 2009-2012
  • Building Blocks Berlin, 2012

Lehrmaterialien

  • Baukultur – Gebaute Umwelt. Curriculare Bausteine für den UnterrichtWüstenrot Stiftung
  • Architecture Tool KitPLAYCE.org

Baukulturprojekte auf unterschiedlichen Maßstabsebenen von Stadt –  Projektbeispiele durchgeführt von JAS Jugend Architektur Stadt e.V.

Maßstab Titel, Ort, Jahr, Teilnehmer und thematischer Fokus
Gesamt-
städtisch
Regionale 2010 – Der Drache zieht durch die Stadt, Königswinter, 2010, Stadterneuerung, Tourismus
Grenzgänger, Berlin, 2009, 16 deutsche und norwegische Schüler
Nachbarschaft,
Quartier & öffentlicher Raum
Mapping Hobrecht in Neukölln, Berlin, 2013, 30 Schüler, 9. Klasse, und 5 MA-Studierende, Stadterkundung, Temporäre Intervention
Mein Raum, dein Raum, Potsdam, 2011, 24 deutsche und israelische Jugendliche, 16-18 Jahre, Stadterkundung, Stadträume für Jugendliche in der Nachbarschaft
Hingucker!, Berlin/Hamburg/Dortmund, 2013-2017, temporäre Gestaltung von öffentlichen Räumen mit Kindern und Jugendlichen
Objekt Zwei Welten, ein Platz, Greven, 2008-2009, ca. 20 Jugendliche, 15-21 Jahre, eigenverantwortlich genutzter Jugendtreffpunkt
Gemeinschaft gestalten, Bochum, 2009, ca. 40 Schüler, 10-15 Jahre, 20 Lehrer und Eltern, Schulumbau
Schwimmbad ohne Wasser, Arnsberg-Moosfeld, 2009, ca. 115 Kinder und Jugendliche, 4-20 Jahre, Entwicklungsperspektive für ein Schwimmhallenareal
Produkt Ich sitze, wir sitzen!, Köln, 2011, ca. 15 Kinder, 7-13 Jahre, Sitzobjekte
KartonWelten, Köln 2009, ca. Kinder, 7-14 Jahre, Möbeldesign

Stolpersteine und Gelingensbedingungen

Es gibt unzählige Stolpersteine, wenn Kinder und Jugendliche Stadt machen. Baukulturelle Bildung kann hier vorbereitend und unterstützend wirkend. Nicht zuletzt braucht es aber den Willen der Entscheidungs- und Planungsträger, jungen Stimmen in Stadtentwicklungsfragen mehr Gehör zu schenken.
Zunächst einmal ist die Erkenntnis wichtig, dass Kinder- und Jugendprojekte quer zu den Ressorts liegen. Dabei sind vielen durchaus viele Fragen zu klären, wie:
„Ist ein Skatepark ein Sportangebot oder ein Projekt kommunaler Jugendarbeit? Sind die Außenanlagen und der öffentliche Raum rund um ein Jugendhaus Sache des Jugendamtes oder der Stadtplanung? Wer ist zuständig, wenn Jugendliche Brachflächen für sich nutzen wollen? Ist ein Streetart-Camp ein Kulturprojekt oder Teil der Stadtbildpflege? Wer vertritt die Jugendbelange in Prozessen wie dem Stadtumbau, der Stadterneuerung oder der „Sozialen Stadt“?“ (Vgl. Schlomka Vortrag 2010)
Diese Fragen zeigen auch, dass Kinder- und Jugendbeteiligung im alltäglichen Verwaltungshandeln oft schwierig umzusetzen ist (vgl. im Folgenden auch Schlomka): Die Zeithorizonte klassischer Planung sind zu lang. Inhalte teilweise abstrakt. Wenn Beteiligung passiert, dann mit Methoden, die Jugendlichen nicht ansprechen. Die (zeitliche) Abwicklung der Beteiligung wird nicht richtig getaktet. Und am Ende fehlt es an Glaubhaftigkeit von konkreten Planungs- und Realisierungsabsichten.

Wie es erfolgreich gehen kann, zeigen u.a. die BMVBS Modellvorhaben. Die Beispiele zeigen auch auf, dass es nicht den einen Weg gibt, Kinder – und vor allem Jugendliche – an Fragen der Stadtentwicklung zu beteiligen. Sie weisen aber auch auf einige Gelingensbedingungen hin:

  • Es braucht einen Ansprechpartner in der Stadtverwaltung für Jugendliche, die etwas machen wollen.
  • Es braucht verwaltungsinterne und externe Netzwerke zur Durchführung von Jugendprojekten. 
  • Jugendliche müssen als Produzenten von Stadt in der Verwaltung und Politik anerkannt werden.
  • Jugendlichen sollten nicht nur beteiligt werden, sondern es sollte ihnen Verantwortung übertragen werden. Sie sollten auch selbst gestalten können.
  • Flächen und Räume zur Verfügung stellen.
  • Kompetenzen aufbauen – in der Verwaltung und bei den Jugendlichen.

Schlussendlich muss es darum gehen, insgesamt eine Bau- und Beteiligungskultur aufzubauen, in denen Kinder und Jugendliche eine selbstverständliche und ernstzunehmende Rolle spielen. Dies ist eine bereichende und immer neu zugestaltende Dauerbaustelle, denn: Es gibt nicht die Kinder und die Jugendlichen. Es gibt nicht den einen Ort. Es gibt nicht die eine Methode. Und es braucht sichtbare und fühlbare kurzfristige Ergebnisse.



Quellen

BMVBS – Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung ed., 2010. Jugend macht Stadt. Junge Impulse für die Stadtentwicklung. Berlin.

JAS – Jugend Architektur Stadt e.V. eds., 2009. Young Cities Now! Jugend.Stadt.Labor. Ein Manifest von Jugendlichen für jugendgerechte und lebenswerte Städte. Berlin. [online] Available at <http://youngcitiesnow.de/manifest/> [Accessed 8 May 2012].

Heinrich, A. J., 2010. Young Cities Now! Qualifizierung der Jugendbeteiligung aus der Sicht von Jugendlichen Eine qualitative Auswertung von Arbeitsunterlagen des Workshops „Young Cities Now!“ zum Thema Jugendbeteiligung. Unpublished.

Million, A.; Heinrich A.J., 2014: Linking Participation and Built Environment Education in Urban Planning Processes. In: Current Urban Studies 2014.

Niemann, Lars;  Schauz, Thorsten; Andres, Verena; Uttke, 
Angela; Heinrich, Anna Juliane; Edelhoff, Silke, 2013: Kompass Jugendliche und Stadtentwicklung. Hrsg. vom Bundesministerium für Verkehrs, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS), Berlin. Zugriff unter http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Veroeffentlichungen/BMVBS/

Uttke, Angela 2012: Towards the Future Design and Development of Cities with Built Environment Education: Experiences of Scale, Methods, and Outcomes. In: Procedia Procedia – Social and Behavioral Sciences Volume 45, 2012, Pages 3–13 (http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1877042812022732)



Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag von Angela Million (Uttke) und Sebastian Schlecht am 27.9.2012 auf dem Nürnberger Forum der Kinder- und Jugendarbeit und der entsprechenden Publikation. Langfassung des Beitrages: Uttke, Angela; Schlecht, Sebastian: Junge StadtAnsichten – Architektur und Stadtgestaltung für Jugendliche und mit Jugendlichen. In: Bernd Kammerer (Hrsg.) 2013: Die Jugendarbeit und ihre Räume. emwe-Verlag, Nürnberg. S. 107-120.

Verfasser / in:

Angela Million

Datum:

Mi. 07/01/2015

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Infobox

Angela Million, Gründungsmitglied von JAS – Jugend Architektur Stadt e.V. und Professorin für Städtebau und Siedlungswesen an der TU Berlin, über die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Planungsprozessen und Stadtentwicklung. 

JAS – Jugend Architektur Stadt e.V. ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der baukulturellen Bildung von Kindern und Jugendlichen, gegründet 2005 im Ruhrgebiet. 

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