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Volker Giencke und Wolf D. Prix im angeregten Gespräch im aut.
©: Moritz Orgler

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Bericht
Immer in Schwierigkeiten, aber absolut furchtlos*

Eine Diskussion zwischen Volker Giencke und dem Mitbegründer von COOP HIMMELB(L)AU Wolf D. Prix am 22.06.2015 im aut, Innsbruck

GIENCKE: Es ist schwierig, es ist alles sehr kompliziert.
Das sagt er über seine Unentschlossenheit, Architektur den Künsten oder der Wissenschaft zuzuordnen. Es ist ihm ein Anliegen, den Dialog mit KollegInnen zu führen.
GIENCKE: In Innsbruck konnte ich das nur mit Josef Lackner.
Ein Dialog – zwei Persönlichkeiten. Was Giencke und Prix beide wollen, ist klar: Architektur. 

 You can't always get what you want ...
... Architektur

Was ist Architektur? Hans Hollein proklamiert in den 60er Jahren „Alles ist Architektur“. Er ist Künstler in einem umfassenden Verständnis und er setzt seine Vorstellung von Kunst und Architektur in unmittelbare Beziehung zu Fragen des menschlichen Handelns in Räumen und Situationen. 
PRIX: Wenn man heute alles zur Architektur erklärt, ist nichts Architektur. Der Begriff der Architektur wird von Tag zu Tag verkleinert. Architektur ist mehr als der dreidimensionale Abdruck unserer Gesellschaft – das ist mir zu wenig. Es ist ein Abdruck, den können nicht alle lesen. Wenn ein Gebäude eine Metaebene erreicht, dann ist es Architektur, alles andere ist Baumeisterei.
Aber was ist dann Architektur?
GIENCKE: Räume zum Träumen, zum Leben. Architektur weckt Emotionen zum Lachen, zum Weinen.
PRIX: Ich finde keine Architektur, die mich fröhlich macht. 
Also keine Emotion.
PRIX: Die Kapelle von La Tourette von Le Corbusier, das begeistert mich. Der Schalltrichter in der Kirche dort. Immer wenn die Mönche gesungen haben, dann wurde das Dorf damit beschallt. Das muss man sich mal vorstellen, wie autoritär der Corbusier war. Oder eine Borromini-Kirche. Da hilft dir Wissen, wenn aus Gefühl Verständnis wird.
PRIX: Was ist Architektur? Die Antwort ist ja.

You can't always get what you want ...
... Kunst

Ja, darin sind sich beide einig, Architektur ist Kunst. Laut Prix sogar hochgradig und deswegen sind damit ArchitektInnen erpressbar, weil sie immer noch mehr leisten und verdichten und ergänzen, weil sie selber nie zufrieden sind. Authentizität ist notwendig. 
PRIX: Alles andere nennt sich heutzutage situationsflexibel und bringt angepasste Baumeisterei hervor. Das Mittelmaß lastet wie ein Gewicht auf unseren Schultern.
Ja, Authentizität und Auftritt, manchmal auch unvorstellbare Frechheit, so Prix, seien unerlässlich. Um in einem Moment das ganze Projekt zu riskieren, wenn er z.B. den Vorstandsvorsitzenden von BMW in die Schranken weist. Glück gehört dazu – das Glück, dass eine/r bei der Bauherrenschaft mit im Boot ist, der/die an dich glaubt. Es benötigt Zähigkeit, Geduld und Risikobereitschaft als ArchitektIn und vielleicht muss man das Durchstehen und in der Zwischenzeit andere Berufe ergreifen wie Bananen fahren, um dann endlich Architektur machen zu können. 
GIENCKE: Es soll sich niemand ArchitektIn nennen dürfen, dessen/deren Tun keine künstlerischen und ethischen Aspekte verfolgt.**
PRIX: Haltung spielt eine große Rolle in der Architektur – manche haben eine turbokapitalistische Haltung (die Namen werden hier nicht genannt).
GIENCKE: Die Tatsache, dass Architektur „benützt“ wird, unterscheidet sie in jedem Fall von einer Skulptur. Nutzung als Bedingung bedeutet, dass Architektur viel mehr sein muß als die bloße Erfüllung funktioneller Anforderungen. Es ist für die Standortbestimmung der Architektur in unserer Gesellschaft wichtig, das ArchitektInnen die Verantwortung für das Baugeschehen als ihre ursächliche Aufgabe begreifen und die baukulturelle Entwicklung der Gesellschaft als selbstverständlich einfordern. Die Kompetenz der ArchitektInnen ist es, Architektur zu schaffen, die kulturelle Vielfalt und Ideenreichtum zeitbezogen ausdrückt.**

You can't always get what you want ...
... Wettbewerbe

PRIX: Wir haben keine Schwarmintelligenz. Jeder glaubt, er ist der Beste. Vernetzt sein dient nur dem eigenen Vorteil.
GIENCKE: ArchitektInnen sind kreative Menschen, das System besteht aus Einzelpersonen. In jedem Menschen steckt sehr viel Kreativität .
PRIX: Zum Beispiel der Wettbewerb „Haus der Musik“ in Innsbruck. 120 Einsendungen, Kosten pro Büro: 50.000,- €. Das mal 120 –  dann haben Sie 6 Millionen Euro. Dann die Jury: sie haben 2 Tage gearbeitet – sagen wir insgesamt 20 Stunden. Dann hat die Jury in 1 Stunde 300.000,- € vernichtet.
PRIX: Der Begriff der Architektur wird marginalisiert, ArchitektInnen werden filetiert. Das ist wie der Zug der Lemminge. Das sind die Viecher, die hintereinander in den Abgrund springen.
PRIX: Es gibt mehrere unterschwellige sprachliche Angriffe auf Architektur: Architektur heißt im Sprachgebrauch der KritikerInnen: Es dauert zu lange und ist zu teuer. Das ist das „killing argument“ bei jedem Wettbewerb. 
PRIX: Nehmen wir die Eurofighter: Das Museum in Lyon, das kostet ½ Eurofighter. Und die jährliche Maintenance dieses Gebäudes kostet einen Eurofighter-Angriff.

You can't always get what you want ...
... Zukunft

Die Universitäten haben den Auftrag, darin sind sich beide einig, das Wissen, das herumschwebt, zusammenzuführen Das Komplexe muss positiv besetzt werden, das ist die Aufgabe der Schule und die Studierenden nicht zu beschränken, sondern ihnen totale Freiheit zu geben und sie, wie Prix meint, „aufzumunitionieren“ für den späteren Beruf. Die Architekturschulen sind dabei ein „protected land“. „Wenn man sich da nicht bewaffnet mit all diesen Konzepten, Strategien und auch Tricks und dann naiv auf die Welt der Realität trifft, ohne eine Ahnung zu haben, was das wirklich bedeutet, dann baut man Garagen und ist glücklich, wenn sie ein Satteldach haben“, sagt Prix. „Wer nicht in einem komplexen System sozialisiert worden ist, der verliert leicht die Übersicht und begnügt sich mit einfachen Lösungen.“ 
GIENCKE: Die Unis stellen sich wie Reservate dar, die mit dem Gebauten wenig zu tun haben.
PRIX: Stimmt, besonders im anglosächsischem Raum. Da sind die Verbindungen zwischen Architektur und den anderen Künsten total überlagert von den Maschinen (Computer), die angeblich die Freiheit machen. Ich weiß nicht, was aus der Sci-Arc (in Los Angeles, eine der Top Architekturschulen weltweit) wird mit dem neuen Dean (gemeint: Hernan Diaz Alonso, Achtung: Er sitzt im Auditorium).
GIENCKE: Die Parametrie habe ich schon vor Jahren angewandt in einem Projekt von Domenig/Huth – das war damals Differenzengeometrie.
PRIX: Was war denn Innsbruck (gemeint ist die Architekturfakultät) vor 20 Jahren?
GIENCKEwinkt ab – 
PRIX an Giencke: Der Abschied von der Macht, ist für Leute, die sagen das habe ich nie gewollt" besonders schwer. Aber Lob hat Giencke wirklich verdient.
GIENCKEwinkt ab – 
GIENCKE an Prix: Wolf, ich danke dir für den Besuch der Provinz – ein Ort, der nicht nur an den Ort gebunden ist. 
PRIX: Das liegt an dir.

But if you try sometimes well you just might find...
... Experiment

Und das bedeutet, bis an die Grenzen zu gehen und vor allem darüber hinaus. Das Experiment. „Pushing the envelope“ als Aufgabe an alle jungen ArchitektInnen, so Prix. „Das Ästhetische, das Technische, das Soziale. Komplexität – all das gilt es zu integrieren in die Architektur.“
PRIX: Wenn Sie immer nur an Architektur – die Sie kennen – denken, wenn Sie entwerfen, wird auch immer nur das herauskommen, was Sie kennen.
GIENCKE: Die Faszination des Zukünftigen und Experimentellen ist neben allen funktionellen Notwendigkeiten das entscheidende Kriterium der Architektur. Es gibt kein Szenario in der Menschheitsgeschickte, in dem dies anders gewesen wäre.

But if you try sometimes well you just might find...
...Glück

Wie setze ich meine Ideen um? 
PRIX: Wir ArchitektInnen brauchen dafür jedenfalls Glück und die richtige Strategie, die Smartness. Das sind die Waffen der ArchitektInnen.
GIENCKE: Float like a butterfly, sting like a bee (Muhammed Ali).
PRIX: Die Hummel könnte nach aerodynamischen Gesetzen nicht fliegen, die Hummel weiß es aber nicht – und so geht es uns ArchitektInnen.
Interpretieren Sie das selbst!

You get what you need ...

You can't always get what you want 
You can't always get what you want 
You can't always get what you want
But if you try sometimes well you just might find 
You get what you need

(Rolling Stones, 1969)



* Volker Giencke, „Ein Teil von mir ist Sprache“, Austellung im aut, Innsbruck
** Volker Gienke aus “15 years ./studio3 – tangible utopias“, Herausgeber ./studio3, Innsbruck 2015, S. 31 

Wolf D. Prix, 1942 in Wien geboren, ist Design Principal und CEO von COOP HIMMELB(L)AU. Er studierte Architektur an der Technischen Universität Wien, an der Architectural Association in London und am Southern California Institute of Architecture (SCI-Arc) in Los Angeles.
Wolf D. Prix ist unter anderem Mitglied der Österreichischen Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten, des Bundes Deutscher Architekten Deutschland (BDA), des Royal Institute of British Architects (RIBA), der Architektenkammer Santa Clara, Kuba sowie Fellow of the American Institute of Architecture (FAIA).

Volker Giencke, geboren 1947 in Wolfsberg/Kärnten, studierte Architektur und Philosophie in Graz und Wien. Er betreibt ein Architekturbüro in Graz seit 1981 und ein Baubüro in Klagenfurt/St.Veit. 1990-92 in Sevilla. Partnerbüros in Berlin, London, Los Angeles, Paris und Wien. Seit 1992 ist er Professor für Entwerfen am Institut für Experimentelle Architektur ./studio 3 und Hochbau an der Universität in Innsbruck. Zahlreiche Lehrverpflichtungen im Ausland: Davenport-Professor an der YALE School of Architecture (New Haven), External Examiner an der UCL Bartlett School of Architecture (London) sowie Lehraufträge am Rizvi College Bombay, Mumbai, an der École Polytechnique Nantes und an der Universidad de Buenos Aires.
Volker Giencke ist u. a. Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, des Forum Stadtpark Graz und des Verbandes der bildenden Künstler Österreichs; Ehrenmitglied des BDA Bund Deutscher Architekten. 

Verfasser / in:

Astrid Dahmen

Datum:

Mi. 29/07/2015

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Kommentare

Toll

Danke für diesen Text. Macht Spaß und gibt einen guten Einblick in die Diskussion und die Persönlichkeiten.

Infobox

Rückblick auf die Diskussion zwischen Volker Giencke und Wolf D. Prix am 22.06.2015 im aut – architektur und tirol – in Innsbruck.

Volker Giencke lehrt seit über 20 Jahren Architektur an der Universität Innsbruck. Sein Institut ./studio3 – Institut für Experimentelle Architektur hat sich national und international einen Namen gemacht. Anlässlich seiner Emeritierung im September 2015 lud er Freunde und Wegbegleiter ein, ihre Statements zur Zukunft der Architektur abzugeben.

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