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Ausstellung '-3,35' von E.d Gfrerer im Künstlerhaus Graz
Architektur: E.d Gfrerer, ©: Emil Gruber

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Rezension
Im Keller

Der Keller ist das vegetative Nervensystem in der Architektur. Er beherbergt alle Organe, um ein Haus zu erhalten. Im Keller wird eingespeist, verarbeitet und wieder ausgeschieden. Dennoch bleibt er, solange er funktioniert, außerhalb der Wahrnehmung.
Die Partykeller der 1950er und 1960er sind zu Grabe getragen, Poollandschaften und Kraftkammern einer kleinen Elite vorbehalten. Der Keller ist ansonsten Anhang, Fußnote, Marginalie von dem was zu oberer Erd im Sichtbaren, im Präsentablen passiert. Er ist die Antithese zum Darüber, das Licht hereinlässt, Räume aufmacht, Horizonte öffnet. Manchmal darf er ein wenig Supporting Actor, Geschichtserzähler oder Archivar sein, wenn ehemalige Hauptdarsteller des Hauses ins zweite Glied oder ins Ausgedinge müssen. Deftig gesprochen: Der Keller ist das Arschgesicht von Gebäuden.
Was für das Private gilt, gilt auch für die Kunst.
Der Keller im Künstlerhaus war nie der Star von Ausstellungsthemen. Er war immer wieder eine Mine von verborgenen Schätzen, für die es aus kuratorischer Sicht keinen Platz im Deutlichen, im großen Hauptsaal hatte. Nach dieser sich zwischen den Eingängen zu den Sanitärräumen spiegelnden Subkunst musste abgestiegen werden.
Wenn man nur einige Arbeiten von E.d Gfrerer in den letzten Jahren in Österreich verfolgt hat, backstage im Kebabimbiß Efendi 2010, im westen (nichts) neues in der Turmkammer der Basilika von Mariazell 2011 oder die Installationen 2014 in einer aufgelassenen KFZ-Werkstätte in St.Peter, beschleicht einem das Gefühl, der Keller hatte schon sehnsüchtig auf seinen Erlöser gewartet. E.d Gfrerer ist (auch) Künstler, aber in erster Linie ist er Entdecker, Prospektor, Raumfahrer. Er gräbt aus, legt Kerne frei, erweitet Perspektiven, gibt einen  Einblick in neue Tiefe.

-3,35 ist ein Akt der Befreiung. In der einzigen Videoinstallation wird Hermann Melville zitiert. In der von Hoffnungslosigkeit und Verweigerung geprägten Erzählung Bartleby der Schreiber verlebt ein Mann in einem lichtlosen, verliesähnlichen Büro seine Tage.
Gfrerer nimmt diesen Faden auf, jedoch jetzt „befreit“ er den Keller des Künstlerhauses aus seiner Leidensrolle, gibt ihm eine Bestimmung, die ihn auf eine Ebene zur Etage darüber hebt. Diese Wichtigkeit transformiert der Künstler ins Materielle, ins Gewichtige. Das Material dafür, fast ausschließlich im Künstlerhaus vorgefunden, ist auch unsichtbares: Holzlatten, Pressspanplatten, Gipskartonwände, alles das in früheren Ausstellungen als Einbauten, als Gerüste eine tragende Rolle hatte. Gfrerer stülpt das Verborgene um, macht daraus massive Materialströme, die er in filigranen Positionierungen in den Keller einmünden lässt. Der euklidische Raum und der sphärische begegnen sich, werden zu einem Axiom.
Unorte wie ein Notausgang werden einer neuen Wesentlichkeit zugeordnet. Gfrerer macht buchstäblich Türen auf, setzt Fenster ein. Für den Besucher wird ein normierter Bereich der Flucht, des Entfernens nun plötzlich zu einem Platz der Ruhe, des Bleibens, von dem aus von außen auf das dichte Innere des Kellers geblickt werden soll.
In einem anderen Nebenraum, sofern von „neben“ gesprochen werden kann, reihen sich Planzeichnungen, die an Luftbildaufnahmen der Nazca-Ebene erinnern. Sie sind das zweidimensionale Depot, aus dem Gfrerer einzelne Objekte zu explosionszeichnungsartigen, dreidimensionalen Installationen formt. Raumzonen nennt er sie, dichte Inseln der Fragilität, die in der künstlichsten aller Lagen, der Mittellage (Zitat Gfrerer) verharren.
So nennt sich auch die zentrale Installation nach einem Heilmittel für das Unausgeglichene. Lamotrigin blockiert die Ausschüttung von körpereigenem Glutamat und Aspartat. Neben Epilepsie wird Lamotrigin deswegen hauptsächlich als Phasenprophylaktikum in der Behandlung von Depressionen eingesetzt. 
Einen Zustand in Schwebe zu halten, das Austarieren wird weiterhin die Herangehensweise von E.d Gfrerer an eine Umgebung sein.

 „Das wichtigste Auge sind meine Beine“, meinte einmal der legendäre österreichische Fotograf Ernst Haas. Das gilt auch für -3,35. Gfrerers Universen brauchen Ergehung, eine Näherung aus unterschiedlichsten eigenen Perspektiven. Das Zarte, das Subtile, das Detaillierte, das Wuchtige und auch der feine Humor Gfrerers verlangen zusätzlich nach der engsten Verbündeten des Raums, der Zeit. 

PS
Und wenn man neben einer mit Geistreichtum angefüllten Führung auch noch einen guten Schluck besten südländischen Beerenschnaps von E.d erhält, bestätigt es sich definitiv: -3,35 schwebt.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 22/12/2016

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Kommentare

keller

emil k o r r e s p o n d e n z e.d

Ed Gferer - Ausstellung

Emil, dein Kommentar ist der Komplexität und Spontaneität, die das hintergründige Werk von Ed kennzeichnet, angemessen. Gratulation, für mich eine Freude zu lesen.

Infobox

E.d Gfrerer -3,35

Ausstellung
bis 26.2.2017

Künstlerhaus 

Halle für 
Kunst & Medien
, Burgring 2, 8010 Graz

Dienstag bis Sonntag
10–18 Uhr
Donnerstag 
10–20 Uhr

An Feiertagen geschlossen

Künstlergespräch 
19.01.2017, 18:00 Uhr

Künstleredition erhältlich.

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