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Rezension
„ … ich bin alles was du willst … “
Karl Neubacher, Öffentliche Kunstfigur (1)

Ein „Wechselspiel zwischen künstlerischer Öffentlichkeitsarbeit und öffentlicher Kunstarbeit“ nennt Kurator Günther Holler Schuster Haltung und Werk des aus Hattenberg in Oberösterreich stammenden und sich in Graz etabliert habenden Werbegrafikers und Medienkünstlers Karl Neubacher. Der durchwegs avancierte Komplex eines Œuvres, in dem die Grenzen zwischen wirtschaftlichen Auftragsarbeiten und persönlichen Anliegen geschuldeter Kunst hinsichtlich Formen und Inhalten kaum auszumachen sind, wird nun in einer breit angelegten Retrospektive im Kunsthaus Graz gezeigt.

1926 in Oberösterreich geboren, kam Karl Neubacher nach Graz, um von 1942 bis 1947 eine Ausbildung für Gebrauchsgrafik und Fototechnik bei Alfred Wickenburg an der Ortweinschule zu absolvieren. 1953 gründete er sein eigenes Werbeatelier – heute geführt von seinem Sohn Michael – und nahm Aufträge von Wirtschaftstreibenden an. Im Bereich des Corporate Design entwickelte sich Neubacher aufgrund seines unkonventionellen Zugangs und seiner offensichtlich immensen Überzeugungskraft zum Innovator für Firmenimages wie Stross, Apomedica, Pharmed, Martin Auer und vor allem Humanic. Für letztere, und während der Zeit der Werbeleitung von Horst Gerhard Haberl, war Neubacher maßgeblich auch für die Werbespots verantwortlich, die, entsprechend auch seiner Plakatwerbung, auffallend von bislang praktizierter Produktwerbung abwichen. Für die Festivals steirischer herbst und trigon besorgte Neubacher – als teilnehmender Künstler wie Gestalter von Veröffentlichungen – Dokumente, die, nicht zuletzt aufgrund der damit verbundenen öffentlichen Erregung (oder, aus heutiger Sicht, bemerkenswert unnötige Aufregung: die Hose bzw. Neubachers Konterfei, aus dem Nase, Augen, Mund retuschiert waren) historische Güte erlangten. In Rückschau mag es vielleicht befremden, dass der (gesellschafts-)kritische Geist Neubacher auch Aufträge für die steirische Volkspartei, den Bauernbund und die katholische Kirche ausführte.

Nach dem frühen Tod Karl Neubachers 1978 erstellte Horst Gerhard Haberl 1979 eine Werkschau im steirischen herbst. In der Begleitschrift Öffentliche Kunstfigur Karl Neubacher schrieb Haberl damals: „Der Gebrauchsgrafiker Neubacher stand zeit seines Lebens in einem unablässigen Kampf mit seinem Beruf. So empfand er einerseits die ‘Lüge’ der Werbung wie andererseits die ‘Lüge’ der Kunst.“ Diesen „Lügen“ durch kommerzielle und – für Neubacher wohl treffend – gleichermaßen künstlerische Äußerungen beizukommen, bot die 1969 mit Horst Gerhard Haberl, Klaus Hoffer, Richard Kriesche, Roland Goeschl und anderen gegründete und bis 1976 bestehende Kunstproduzentengruppe pool Gelegenheit, mit der es in diesem Zeitraum gelang, die eigene in den direkten Vergleich mit internationalen Tendenzen der Medien- und Performance-Kunst zu stellen. Für pool gaben Neubacher, Haberl und Kriesche zwischen 1970 und 1974 auch die Kunstzeitschriften pfirsich und pferscha heraus.

In Veranstaltungen der Produzentengalerie poolerie und dem 1973 von Haberl im Grazer Volksgarten organisierten Ausstellungsprojekt Körpersprache wurden Live-Performances von Chris Burdon, Trisha Brown, Günter Brus, Valie Export, Otto Muehl, Bruce Nauman, Friederike Pezold, Arnulf Rainer oder Klaus Rinke gegeben. Karl Neubachers Beitrag im Volksgarten war Der Zwangsjackenmensch, eine lebensgroß inszenierte Fotosequenz (wie bei allen Fotoarbeiten Neubachers auch hier von Hans Georg Tropper aufgenommen), in der Neubacher selbst, wie es scheint, sich in seinem Hemd zu verbergen sucht. Eine Bildsequenz, die zuvor schon als Kalender erschienen war und die wie eine künstlerische Übertragung bzw. Interpretation der ebenfalls gezeigten Dokumentation des Göttinger Instituts für den wissenschaftlichen Film zu mimischen Reaktionen der Schizophrenie wirkte.

Den eigenen Körper respektive dessen Bild brachte Neubacher immer wieder als Motiv, als Figur in seine Werbesujets, seine medienkritischen und vor allem transmedialen Arbeiten ein. Ein konzeptuelles, Wahrnehmung und Wirklichkeiten hinterfragendes Spiel ist mit dem 16-Millimeter-Film ABBILD SPIEGELBILD aus dem Jahr 1976 gegeben: Der Kamerablick zeigt ein Schwarzweißfoto von Karl Neubachers Oberkörper vor weißem Hintergrund in Totale. Eine Hand schneidet nun die Körperumrisse mit einem Federmesser aus und zieht den Ausschnitt der Fotografie ab. Als deren Träger kommt ein Spiegel zum Vorschein, darin – und genau im lebensgroßen Bereich der Silhouette – ist das Gesicht Karl Neubachers zu sehen, jetzt in Farbe, weil Farbfilm. Jetzt ist ersichtlich, dass es Neubacher selbst ist, der seine Fotografie von einem Spiegel ablöst. Und er löst auch die verbliebenen weißen Teile der Fotografie ab. In Spiegelung sind nun, hinter Neubacher stehend, Publikum, Kamera und die Umgebung des Grazer Stadtparks zu sehen. Ein luzides Beispiel für den mediatisierten Menschen, als den sich Neubacher stellvertretend darstellt.

Und immer wieder ist es Neubacher selbst, der in seinen Motiven die Verhältnisse zwischen Persona, Individuum, Image und gesellschaftlicher Wahrnehmung verhandelt. Ein Konzept für eine Installation über (!) dem Erzherzog-Brunnen auf dem Grazer Hauptplatz, erhalten als Fotomontage, die wahrscheinlich um das Jahr 1977 entstanden ist, sah eine aus einer Fotografie reproduzierten Menschenpyramide vor. Der Titel YOU ARE NEVER ALONE und das vervielfältigte Ganzkörper-Bild Karl Neubachers lassen an eine Interpretation des auf sich selbst gestellten Individuums inmitten der Gesellschaft denken. Zugleich erscheint hier ein Motiv Jean-Jacques Rousseaus ins Treffen geführt, der den Menschen als Homme double, als zumindest verdoppelten aus der Sicht der anderen und aus der eigenen Wahrnehmung beschrieb. Reproduziert bzw. erstmals lebensgroß ausgearbeitet, ist die Installation jetzt in der Kunsthaus-Ausstellung zu sehen. Ebenso die reproduzierte selbstdarstellung in halbkleidung (1973), die zur Zeit ihrer Entstehung als Fotoserie und im 16-mm-Film produziert wurde.

Wenn Neubacher sowohl in Werbesujets wie auch in Kunstwerken sich selbst, seinen Körper bzw. dessen Bild einsetzte – ein Aspekt medialer Performance – trifft Haberls Charakterisierung Neubachers als öffentliche Kunstfigur durchaus. Dabei ist aber anzumerken, dass Neubacher zwar als Autor auftritt, die jeweilige Figur aber nie offensichtlich als Karl Neubacher ausgewiesen war.

Schließlich sind auch Neubachers Filme in der Ausstellung zu sehen, die teils als Parabeln auf Verhältnisse zwischen Mensch und Natur respektive die kulturisierende Vereinnahmung der Natur durch den Menschen zu lesen sind. Ein Dreißigminuten-Film der Zertrümmerung einer Betonplatte etwa zeigt, wie sich das künstliche Objekt letztlich wieder mit dem erdigen Untergrund vermischt. In Zimmerlinde (1975) schneidet eine Hand mit einer Schere die Blätter einer Topfpflanze zu Rechtecken.

Ebenfalls Teil der Ausstellung sind Texte und Notizen, die zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wurden. In seinem Katalog-Essay beschreibt Klaus Hoffer die Plakate/Posters von Neubacher als „Reflexionen seiner Selbstwahrnehmung und Reflexionen des von uns Wahrgenommenwerdens“. In oben erwähnten Sinn wieder an Rousseau erinnernd, wäre folgend hier auch Warhols Überlegung zu Image und Person relevant. Neubachers Sicht erschließt sich dagegen aus einer von Klaus Hoffer zitierten Notiz: „Wer bist du, ich bin alles, was du willst.“

Die Ausstellung Karl Neubacher, Medienkünstler, 1926-1978 ist im Kunsthaus Graz bis zum 12. Oktober 2014 zu sehen.

Empfohlen sei hier auch der Katalog zur Ausstellung, Günther Holler-Schuster, Peter Pakesch (Hg.): Karl Neubacher Medienkünstler, 1926-1978, Wien 2014; ISBN 978-3-99043-683-7. Die Textbeiträge stammen von Peter Pakesch, Günther Holler-Schuster, Orhan Kipcak, Horst Gerhard Haberl, Bogdan Grbić und Klaus Hoffer.

(1) Horst Gerhard Haberl (Hg.): Öffentliche Kunstfigur Karl Neubacher (1971-78), steirischer herbst ´79. Graz 1979.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Fr. 27/06/2014

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Ausstellung

Karl Neubacher
Medienkünstler, 1926-1978

Kunsthaus Graz
bis 12. Okt. 2014

Katalog mit Textbeiträgen von Peter Pakesch, Günther Holler-Schuster, Orhan Kipcak, Horst Gerhard Haberl, Bogdan Grbić und Klaus Hoffer

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