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Herbstausstellung 'Hall of Half-LIfe': Stéphane Béna Hanly, 'Lengh of a Legacy' (Schloßberg), 2015. Foto: Wolfgang Silveri

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Rezension
Herbstblätter – 2

Sein Motto war Back to The Future, am Sonntag, dem 18.10., als das Laub auf den Trottoirs zu verrotten begann, ging der steirische herbst 2015 zu Ende: also Back to The Future im Jahr 2016. An 24 Tagen zählte er bei insgesamt 131 Projekten und 457 Einzelveranstaltungen mit einer stolzen Auslastung von 95 % mehr als 50.00 Besucher. Zahlen! Zahlen! Was steckt hinter dieser betriebswirtschaftlichen Erfolgsmeldung?

Sehr gut waren zumeist die mittleren oder kleineren szenischen Produktionen, während die Galaereignisse eher enttäuschten: die Eröffnung mit dem etwas pompösen Titel Specter of the Gardenia oder der Tag wird kommen (Staud/Winkler, wir berichteten) und vor allem die Schlussveranstaltung mit Golden Hours von Anne Teresa De Kersmaeker / Rosas. Die Choreogragrafin mag zu den einflussreichsten unserer Zeit gehören, aber leider gibt es auch diesen gefürchteten Ausdruckstanz, dessen Figuren immer etwas bedeuten, sich immer noch auf etwas Anderes als sich selbst beziehen müssen. In der Listhalle war dieses "Andere" Shakespeares Wie es Euch gefällt, die Zuseher wurden angehalten, dem exquisiten Esemble Rosas 140 Minuten bei seiner poetischen und kargen Tanzmeditation zu folgen. Aber weder die kahle Bühne, der weitgehende Verzicht auf Musik (mit Ausnahmen wie Brian Enos The Passage of Time) noch die Projektion atmosphärischer Shakespearezitate änderten etwas an einem merkwürdig hausbackenen Abend, den gar nicht so wenig Zuseher während der Aufführung flohen.

Die beiden überzeugendsten Arbeiten waren wohl die 7 Pleasures von Mette Ingvartsen (wir berichteten) und Suite n° 2 von Enzyklopädiede la parole / Joris Lacoste. Die Fanzosen bedienten sich der sprachlichen Fundstücke einer modernen Zivilisation und setzten sie mit ethnografischer und musikalischer Genauigkeit hinreißend in Chöre, in gesprochene Partituren um.

Auch die Erzähler fesselten. Ähnlich wie der Flame Tom Struyf spürte auch der Argentinier Maria Pensotti / Gruppo Marea Vergessenem nach. Es ging um eine vor der Junta vergrabene Tonbandkassette mit einem unbekannten Sänger. Aber anders als der flämische Alleinunterhalter lässt Pensotti seine ebenfalls postmodern ineinander verhakten Geschichten von einem größeren Ensemble in atemberaubend schnellem Spanisch vorbringen. Zwei gegeneinander geführte Laufbänder verweisen auf einst und jetzt, immer geht es um Zeit und Gedächtnis, also auch um Identität.

Für Architekten besonders sehenswert, punktgenau auf Thema und Zeit landeten copy & waste mit ihrer Collage über Hill Valley. Ausgehend von Zemeckis Film Zurück in die Zukunft ließ sich die Truppe in einem so engen wie lässig improvisierten Concept Store (tag.werk, Mariahilferstraße) auf die unterschiedlichen Gesichter Hill Valleys nach diversen Zeitsprüngen ein: die Collage aus Videos, Fotos, Musik, Gesang und Tanz auf engstem Raum behandelte ganz undidaktisch, dafür aber rasant und amüsant die Mechanik der Gentrifizierung und Städteplanung und folglich auch der Kapitalisierung des Lebens. Eine erfrischend jugendliche Arbeit,  dementsprechend allerdings mehr auf Lifestyle als auf die Auswüchse des Wohnungsmarktes fokussiert. Bedauerlich, dass die gemischte Truppe aus Berlin sich dann noch über Grundsätzliches wie Wesen und Funktion von Uhren und Zeit ausließ und die Aufführung damit gefährlich in die Länge zog. Die Texte von Jörg Albrecht, der schon öfter im herbst auftrat, waren jedenfalls nie besser.

Auffallend war, dass alles, die großen Produktionen wie auch die schwächeren, kleinen wie etwa die des The Loose Collective im Dom im Berg, ungeachtet ihrer Schwächen sehr gut kritisiert wurden. Die steirisch-internationale Formation hinterfragte mit The Music of Sound nationale Klisches wie die der Trapp-Familie, verlor aber, dramaturgisch im Stich gelassen, ihren schönen Faden in einer geradezu enzyklopädischen Vorführung postdramatischer / technischer Tricks. 

Kritische MIsstöne erklangen allenfalls in entlegenen Bereichen wie dem musikprotokoll, etwa zu Christian Fennesz black sea vacuum, dem ein historischer Tiefpunkt attestiert wurde. Ansonsten machen eingespielte Vernetzung, profundes Desinteresse der Politik und ein fabelhaftes Pressebüro unter Heide Oberegger den steirischen herbst anscheinend immun gegen Kritik.

Verstärkt hat sich dank erhöhter Mittel das Progammangebot außerhalb von Graz: in Vorderberg einmal mit Die Heimkehr der Eleanore Nesterval (Nesterval), und dem bewährten Theater im Bahnhof, das das dortige Anhaltezentrum thematisierte. Die Raabtaldirndln traten in Hart bei Graz auf.

"Kultur aufs Land" als halbherzige Fortführung von "Kultur für alle" wirkt politisch gut und mag bei der Lukrierung von Mitteln helfen; für die Profilierung eines Festivals hat sie allerdings eher therapeutischen als konstitutiven Charakter. 

Strukturelles, wahrscheinlich unbehebbares Elend besteht für die Besucher darin, jede Vorstellung "blind" kaufen zu müssen. Ob gut oder schlecht, bei einer einzigen Wiederholung meist tags darauf kommt jede Mundpropaganda zu spät.

Im Gegensatz zu anderen Sparten sind die örtlichen Ausstellungsmacher von jeher in das Festival eingebunden. Mit ihrer wachsenden Zahl wird ein Überangebot an Bildender Kunst deutlich. Tatsächlich hat noch kein Intendant das Problem der viel zu vielen Aussteller gelöst. Wenn sich die Schaulustigen am Eröffnungstag auch gegenseitig auf die Füße steigen mögen, später herrscht in den Ausstellungsräumen hauptsächlich kultivierte Leere.
Die Ausstellungen in der Regie des Festivals selbst sind bisher nur zusätzliches Allerlei, keineswegs zielsetzend. Hall of Half-LIfe im Festivalzentrum zielte ehrgeizig auf eine geologische Zeit, auf eine Archäologie ferner Zukunft, illustrierte dann aber doch eher ökologische Probleme, Das ist nicht meine Geschichte im rotor bringt Gegenentwürfe zu Imperialismus und Nationalismus, spiegelte aber auch meist nur politische Aktualität 1:1. Ironischer war da Werner Reiterers Off the Records im ORF-Landesstudio, freilich etwas "weit vom Schuss". Der Künstler hat ORF-MItarbeiterInnen um "Geheimnisse" gebeten, die er dann mittels unsichtbarer Tinte an die Wand der Eingangshalle schrieb. Dass diese Geheimniss keine waren, konnte vermutet werden. Ihre Entzifferung mittels spezieller Taschenlampen aber, die man sich gegenseitig ausleihen musste, förderte Kunst & Kommunikation.

Die Retrospektive des viel zu früh verstorbenen Universalkünstlers Jörg Schlick im Künstlerhaus zeigte im Kellergeschoß seine Stärken mit den Arbeiten zur berühmten Lord Jim Loge. Im Hauptraum mit den großen, seriellen Arbeiten wurde aber klar, dass der viel zu früh Verstorbene aus dem Forum Stadtpark doch hauptsächlich ein nervöser Anreger gewesen war. Im Forum Stadtpark selbst, das unter Heidrun Primas an Bedeutung gewonnen hat, wird mit Speech Acts das "Handeln" nach Hannah Arendt, also das "Finden des rechten Wortes im rechten Augenblick" thematisiert und für eine Gegen-Geschichtsschreibung inszeniert: Über-intellektuell zu sein, ist aber ein Vorrecht der Jungen. 

Gar nicht kopflastig waren AA Bronsons magische Arbeiten im Grazer Kunstverein. Der von der Schwulenbewegung geprägte Kanadier entwickelte sein Projekt zusammen mit dem Grazer und dem Salzburger Kunstverein. Im Zentrum mehrerer gemeinschaftlicher Arbeiten stehen schamanistische, okkulte und avantgardistische Praktiken... jedenfalls bemerkenswert subjektiv in ihrer Unvereinnehmbarkeit mit Aktuellem oder Politischem.

Auf Sensationelles zielte das Kunsthaus mit Corporate, der ersten Personale von Xu Zhen in Österreich. Der chinesische Biennaleteilnehmer führt mit seinen Filmen, Bildern und Performances einen grenzüberschreitenden Diskurs. Allerdings fungieren die perfekten, schwergewichtigen, kostbaren Skulpturen eher als Objekte eines globalen Kunstmarktes, als dass sie ihn hinterfragen.

Am empfehlenswertesten war die Ausstellung bei den Minoriten Reliqte, Reloaded, vor der man sich trotz Titel und Thema nicht zu fürchten brauchte. Leiter und Kurator Johannes Rauchenberger schöpfte aus einem reichen Backgroud, verfasste er doch zuvor ein einschlägies, dreibändiges Werk: Gott hat kein Museum. Trotzdem brachte die Ausstellung Numinoses mit Pragmatischem lässig, gelegentlich durchaus augenzwinkernd zusammen. 

Allenthalben interessante Ansätze also, deretwegen aber niemand, vielleicht mit Ausnahme der Reliqte, Reloaded bei den Minoriten, wenn sie denn umfangreicher gewesen wäre, nach Graz fahren müsste.

Das Problem des Vielspartenfestivals in Zeiten genereller Diversifizierung und Spezialisierung ist sein schwindendes Profil. Vielleicht ist die Zeit für Vielspartenfestivals – sofern sie nicht über enorm viel Geld verfügen – passe. Die Öffnung hin zu einem jüngeren Publikum hat die Vielfalt noch verstärkt, ohne die Konturen schärfer zu machen. Die Intendantin engagiert sich zwar besonders für experimentelle Theater- und Tanzformen, punktet damit aber weder vor Ort noch international. Mittlerweile ist der steirische herbst zu einer erstklassigen Routine geworden. Und  wie jede Routine im Kunstbetrieb verlangt sie nach Abschaffung oder völliger Neupositionierung. Wie hieß das diesjährige Motto doch gleich? Back to the Future?

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler
steirischer herbst

Datum:

Sa. 24/10/2015

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steirische herbst 2016
23.09 – 16.10.2016
Programmpräsentation:
Juni 2016.

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