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Haus T, Bauherr: Familie Lackner-Tinnacher
Architektur: Ulrike Tinnacher, ©: Emil Gruber

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Bericht
Häuser im grünen Bereich

"Und keine Lyrik, Epos oder Drama
schenkt sich dem sogenannten Panorama"

Karl Kraus hielt nichts von der Vorstellung, eine schöne Landschaft, ihre Sehenswürdigkeiten sollten (nur) zur Inspiration da sein. Vielmehr sah er Landschaft im Kontext der Zeit als Gebilde zwischen „blutiger Erinnerung“ und „knirschender Gegenwart“.
Kraus setzte die bissigen Sätze als frühe Kritik gegen den Aufschwung des Fremdenverkehrs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Österreich. Hundert Jahre später wären möglicherweise seine Formulierungen noch schärfer und beißender.

Die Südsteiermark ist eine Region, die nach dem Weinskandal in den frühen 1980ern massiv profitiert hat. Ein penibles Umdenken definierte nicht nur den Weinbau neu, sondern auch die Qualitäten vieler anderer landwirtschaftlicher Produkte und Nutztiere sind seither in einer Zurück zu den Wurzeln-Bereitschaft wieder neu entdeckt worden. Hand in Hand damit begann auch der Fremdenverkehr sich von einer eher lokalen Reisebewegung zu einer international erfolgreichen Marke zu entwickeln. Waren in der Südsteiermark alte Kellerstöckl einmal um ein Taschengeld zu erhalten, startete vor dreißig Jahren unter finanziell deutlich potenteren Aussteigern ein Run auf die schönsten Hügel. Ob Altbestandssanierung oder Neubau, die Architektur begann sich in diesen Teil des Bundeslandes neu einzuschreiben. Erste optisch kühne Landhäuser entstanden.

Weinbauarchitektur ist längst ein etablierter Begriff, seit Winzer ihre ursprünglich pragmatisch gestalteten Höfe zu Designbauten umwandelten. Die Hotellerie setzte erste mehr oder weniger zarte Duftmarken, um so mit dem jahrzehntelangen Brauch des Privatzimmers vor Ort in Wettbewerb zu treten.
Jedes Shangri-La, das in ein El-Dorado kippt, wird zum Feld für Desperados oder – um es in einem Begriff der Wirtschaft zu sagen – zu einem Markt der freien Kräfte. Neben Objekten, die sich harmonisch in die Landschaft fügten, entstanden Bauten, deren Formensprache und Ausdehnung heftiger Kritik ausgesetzt waren.
Um den statischen Wildwuchs eindämmen zu können, wurde vor nunmehr knapp zehn Jahren als ein Leitthema in der Region Baukultur definiert. Dazu wurde ein Bündel von Maßnahmen geschnürt und auf Kooperation verschiedenster Verantwortungsbereiche gesetzt. Mittlerweile kann das Konglomerat aus dem Naturparkzentrum Grottenhof, der Baubezirksleitung Südweststeiermark, den Gemeinden und dem Regionalmanagement sowie den begleitenden Abteilungen 16 und 17 des Landes Steiermark Ergebnisse und Erfolge präsentieren. Als wesentliches Element, um allzu überbordende „Kreativität“ in Struktur, beim Ornamentieren oder in der Farbgebung von Neu- und Zubauten in Schranken zu halten, wurde ein Gestaltungsbeirat installiert, der in Abstimmung mit der Bezirksbaudirektion vor Ort Bauvorhaben prüft. Auch wenn manche Gemeinden bis heute diesen Eingriffen von außen ablehnend gegenüberstehen, haben sich die Beiratkonsortien mittlerweile größtenteils etablieren können. Als Bestätigung dafür wurde die Südsteiermark als erste Region 2016 mit dem LANDLUFT Baukultur Regionspreis ausgezeichnet (s. Artikel unten).

Graue Bänder tauchen immer wieder im Querschnitt durch den von Mergel, Schiefer, Ton, Sand und Muschelkalk bestimmten Böden der südsteirischen Weingärten auf. Ein graues Wohnhaus umgeben von üppigem Grün ist das Titelbild der Broschüre Baukultur Südsteiermark.
Die Publikation des Regionalmanagements Südweststeiermark überrascht positiv. Es ist keine glänzende, unreflektierte „Wir haben die schönste Toskana außerhalb Italiens“-Publikation geworden. Im Gegenteil mischen sich zu Schönheit und Ästhetik von Landschaft und den Objekten darin, zu Kulinarischem und Kunst, auch Ambivalentes. Gelungen ist dieser Spagat, der für ein stark auf Touristik ausgerichtetes Produkt eher selten vorkommt, durch den Fokus auf unterschiedlichste Persönlichkeiten vor Ort. Sie sind die Leitmotive für sechs Kapitel, die die Tradition und das Heute verbinden. Karl Kraus hätte es gefreut.

Gerald Brettschuh braucht das Panorama. "Ich male die Landschaft, weil ich die Landschaft bin." Gemeinsam mit seiner Frau Christiane, ebenfalls Malerin und auch Architektin, haben sie in einem seit Jahrzehnten selbst renovierten Hof in Arnfels ihr Reservat, wie sie es nennen gefunden. Genauso lang durchstreifen sie – vorwiegend zu Fuß – ihre Umgebung diesseits und jenseits der Grenze.
Eine perfekte Symbiose aus Form und Tradition findet sich, wenn eine Schwester den elterlichen Betrieb übernimmt und die andere Architektur studiert. Beim Weingut Lackner-Tinnacher ist das der Fall. Katharina Tinnacher führt seit 2013 das Weingut. Für das elterliche Ausgedinge baute Schwester Ulrike ein ehemaliges Kellerstöckl zum grauen, Dämmbeton dominierten Haus T um.
Der Passauer Architekt Albert Kölberl gestaltete das ehemalige Wirtschaftsgebäude der Familie Dreisiebner neu zu einem von Holz, Stein und Stahl bestimmten Mix aus Buschenschank mit darüber liegenden Fremdenzimmern. Vom Balkon aus öffnet sich nun ein Panorama bis zur slowenischen Grenze. Der Umbau wurde sowohl mit dem Holzbaupreis Steiermark als auch der GerambRose ausgezeichnet.
Kritische Töne schlägt der ehemalige Kulturstadtrat von Graz, Helmut Strobl, an. Sein Haus am Hochgrassnitzberg liegt direkt an der Grenze. Oktober 2015 stellte die österreichische Bundesregierung als Beruhigungsmaßnahme gegen einen Untergang der Insel der Seeligen einen zweckentleerten Zaun zu Slowenien auf. Strobl wie auch andere Grundstückbesitzer, denen Menschenwürde etwas bedeutet, verweigerten einen Bau der Absperrung auf ihrem Boden.
Vom Menschsein in dunklen Zeiten erzählt Franz Trampusch. Er ist einer der letzten Zeitzeugen, als die Stollen des bis heute in Betrieb sich befindlichen Römersteinbruchs Aflenz bei Wagna für das NS-Regime als Unterschlupf für die Rüstungsindustrie dienen mussten. Die Steyr-Daimler-Puch-Werke in Graz, die Panzer- und Flugzeugteile produzierten, waren seit 1943 den Bombardierungen der Alliierten ausgesetzt. Als Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen wurden hier Häftlinge als Zwangsarbeiter eingesetzt. Viele von ihnen fanden einen grausamen Tod. Ganz in der Nähe des Eingangs zum Stollen findet sich auch das Wächterhaus, das von Helmut und Johanna Kandl gestaltete Mahnmal.
Harmonisch dagegen ist der Abschnitt rund um die Musik in der Südsteiermark, durch die die Komponistin und Geigerin Mia Zabelka führt. Mehrere Festivals finden jedes Jahr statt.
Beinahe schon ein Klassiker sind das 2000 von Syszkowitz/Kowalski gebaute Kulturhaus in St. Ulrich und das auch das mehrfach ausgezeichnete Musikheim St. Johann im Saggautal.

Wie baut man richtig?, ist die essentielle Frage zum Abschluss des Heftes. Der Gestaltungsbeirat und sein Aufgabenfeld werden hier nochmals ausführlich vorgestellt. Mehre hundert Beurteilungen sind erfolgt. „Viele dieser Bauaufgaben führen wieder zur notwendigen Einheit von Gebäude und Landschaft“, hält Hans Gangoly, Professor für Gebäudelehre an der TU Graz und selbst Architekt, in einer Begleitstudie fest.

Baukultur Südsteiermark
Herausgeber: Regionalmanagement Südweststeiermark GmbH
Auflage 10.000 Stück
Finanziert mit Mitteln des Programms zur Entwicklung des ländlichen Raumes 14-20 der Europäischen Union, des Bundes und der Steiermärkischen Landesregierung (LEADER-Programm) sowie Landwirtschaftskammer Steiermark, Wirtschaftskammer Steiermark, Ziviltechnikerkammer und Tourismus Südsteiermark.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Fr. 12/05/2017

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Häuser im grünen Bereich
Emil Gruber zur neu erschienenen Broschüre Baukultur Südsteiermark

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