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Ausstellungsansicht "Endstation Meer?"
©: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner

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Rezension
Gummi-Enten sterben nicht
Zur Ausstellung "Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt" im Naturkundlichen Museum Graz

Von der Plastikflasche bis zur künstlichen Herzklappe, kein anderes Material in der Geschichte der Menschheit hat aufgrund seiner vielseitigen Einsatzmöglichkeiten, seiner günstigen Herstellung und seiner beliebigen Duplizierbarkeit je mehr Einfluss auf den technischen Fortschritt des Menschen gehabt als die synthetischen Kunststoffe. 

Doch jede Entwicklung hat ihren Preis. Kunststoffmüll bezeichnen Archäologen als das neue Leitfossil, das selbst an den entlegensten Orten der Erde zu finden ist. Viele Küstenabschnitte versinken strömungsbedingt im angespülten Synthetikabfall und in den Meeren bestehen mittlerweile über zwei Drittel des Mülls aus Plastik. Besonders dramatisch ist die Situation in fünf gewaltigen durch die Erdrotation erzeugten Meereswirbelgebieten, in denen sich Müll sammelt und mit der ringförmigen Strömung mitkreist.

Der größte Friedhof für alle ins Meer gelangten und lang schwimmfähigen Materialien ist der nordpazifische Wirbel. Im Great Pacific Garbage Patch haben sich westlich und östlich des Hawaii Archipels Millionen Tonnen Plastikmüll als Symbol menschlicher Ignoranz angehäuft. Bis heute ist die Ausdehnung der schwimmenden Müllkippe im abseits der Schifffahrtsrouten liegenden Gebiets unklar. Je nach Quelle reichen die Mutmaßungen über die Dimensionen des Garbage Patch von der Größe Texas bis zu der der gesamten US. 

Ebenfalls nur auf Schätzungen beruht die Gesamtmenge von rund 200 Millionen Plastikmüll in unseren Weltmeeren. Und jährlich kommen vermutete vier bis zwölf Millionen Tonnen dazu, Tendenz steigend.

Für die Ökosysteme sind Synthetics eine Katastrophe. Sie werden von Meerestieren und Vögeln, die es mit Nahrung verwechseln, gefressen. Meeresschildkröten ersticken an Plastiksackerln, die sie als Quallen interpretieren. Andere Meeresbewohner verheddern sich in verloren gegangenen Leinen und Netzen, verenden darin langsam und qualvoll.

Betrachtet man die Abbauzeit von Kunststoffen, wird die Dramatik der aktuellen Situation noch deutlicher. Ein Plastiksackerl kann bis zu zwanzig Jahre im Meer überdauern, Plastikbecher fünfzig Jahre, Einwegwindeln und Plastikflaschen haben eine Haltbarkeit bis zu 450 Jahren und Angelschnüre sind mit bis zu 600 Jahren Bestand laut World Ocean Review von 2010 der Spitzenreiter.

Doch selbst wenn für das menschliche Auge das synthetische Material nicht mehr sichtbar ist, seine großmolekulare Struktur bleibt weiterhin erhalten. Diese Mikroplastik besteht aus gesundheitsschädlichen Chemikalien und kann mittlerweile regelmäßig in der aufgenommenen Nahrung von Fischen nachgewiesen werden. Irgendwann gelangt durch die Nahrungskette somit in einem makaberen Treppenwitz das vom Mensch entsorgte Problemmaterial in Kleinstdosen wieder zurück zu seinem Erzeuger. 

Endstation Meer? Das Plastikmüll-Projekt zeigt in Installationen, Bildern und Grafiken, dass dem Lebensraum Meer längst das Wasser bis zum Hals steht. Die vom Museum für Gestaltung Zürich konzipierte Ausstellung setzt ergänzend auf eine umfangreiche Materialkunde über die wichtigsten Kunststoffarten und ihre Interaktion mit Natur und Organismen. Neue Recyclingmethoden und innovative, umweltfreundliche Materialien als Alternativen zu Kunststoffprodukten werden präsentiert – und der wichtigste Punkt, um das Ruder vielleicht noch herum zu reißen: Die Müllvermeidung. 

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Mi. 13/05/2015

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Endstation Meer?
Das Plastikmüll-Projekt

Eine Ausstellung des Museums für Gestaltung Zürich mit großzügiger Unterstützung der Drosos Stiftung. 
Kuratiert von Christian Brändle und Angeli Sachs (Museum für Gestaltung Zürich). 
Projektkoordination (Graz): Michael C. Niki Knopp und Bernd Moser. 

Laufzeit: 17.04.-23.08.2015

Universalmuseum Joanneum Naturkundemuseum 
Joanneumsviertel, 8010 Graz

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