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Bericht
Grünangersiedlung - Eine Wohnanlage der etwas anderen Art in Graz-Liebenau

Bekannt ist die Siedlung, von der hier berichtet wird, als Barackensiedlung, die während des Zweiten Weltkrieges in der Pilchergasse in Graz-Liebenau errichtet wurde und als Unterkunft für umgesiedelte Volksdeutsche aus der Bukowina diente. Heute wird sie von sozial marginalisierten Bevölkerungsgruppen bewohnt. Eigentümerin der bis vor kurzem noch als heruntergekommen bis baufällig geltenden Siedlung ist die Stadt Graz. Um neuen Wohnbauten Platz zu machen, plante sie den Abriss der aus Holz errichteten Siedlungshäuser. Die BewohnerInnen protestierten. Mit Unterstützung einer engagierten Gruppe - MitarbeiterInnen des SMZ Liebenau, des Magistrates, der evangelischen und katholischen Pfarre und des Sozialkreises - gelang es, den Abbruch zu verhindern. 1998 wurde der Round Table Grünanger, eine Plattform der im Sozialraum tätigen ProfessionistInnen, gegründet. Dieser überreichte dem damaligen Wohnbaustadtrat Ernst Kaltenegger eine Unterschriftenliste, in der u. a. auf den bereits laufenden illegalen Abbruch der Häuser hingewiesen wurde. 1999 beschloss die Stadtregierung unter Bürgermeister Stingl den Erhalt der Barackensiedlung mit der Begründung, „dass die sozialen Entwicklungen der Gesellschaft eine solche Wohnform in Graz notwendig erscheinen lassen und, dass diese auch ein Spiegelbild der sozialen Geschichte der Stadt darstellt.“ Es folgte eine Studien zu Wohn- und Lebensbedingungen bzw. den Raumpotentialen am Grünanger. Die Siedlung wurde teilsaniert und durch neue Holzhäuser mit insgesamt 75 Wohneinheiten ergänzt, für deren Planung der Grazer Architekt Hubert Rieß verantwortlich zeichnet.

Der „Grünanger“ ist eine einzigartige Siedlung in Graz, die Menschen aus sozialen Randgruppen und schwer integrierbaren Personen eine ihren Bedürfnissen entsprechende Wohnumgebung bietet. Beim Durchspazieren fällt der dörfliche Charakter auf. Ins Auge springen das üppiges Grün, der Türschmuck, eine große Zahl an Gartenzwergen und an der einen oder anderen Stelle gelagerter Sperrmüll. Viele der Holzhäuser sind saniert und vermitteln Schrebergartenidylle. Einige Häuser dämmern aber noch immer dem Verfall entgegen. Es ist zu hoffen, dass auch diese saniert und nicht durch neue ersetzt werden. Denn die alten Häuser versprühen bei weitem mehr Charme und bieten mehr Entfaltungsmöglichkeit als die modernen Holzbauten am Gelände. „In den neuen Häusern möchte ich niemals wohnen, da ist es eng, man hat keinen eigenen Garten“, meinte daher auch die Frau mit den sieben Zwergen und Schneewittchen in ihrem Garten. Sie wohnt seit 35 Jahre gerne am Grünanger, obwohl sie zuerst nicht in die schäbige, von Ratten besiedelte Baracke einziehen wollte. Vor kurzem hat die Stadt Fassade und Dach erneuert, das meiste hat sie aber selbst hergerichtet. „Es gibt keine größeren Probleme in der Siedlung. Es ist wie überall, manchmal spinnt einer, manchmal gibt’s Lärm, aber man kann alles ausreden, wir halten zusammen“,erzählte sie. „Immer wieder kommen Fotografen, der Gonzo, oder so ähnlich.“ Ein Kameramann vom Fernsehen hat sie verärgert, weil er sich frech über ihre Gartenzwerge hergemacht hat und sogar im Garten filmen wollte. Das fand sie aufdringlich und sie hat ihn nicht hinein gelassen. Auf seine „blöde“ Frage, wie es den Zwergen gehe, hat sie ihm geantwortet: „Fragen Sie sie halt. Gegenüber“, erzählt sie weiter, „baut die Caritas ein altes Haus wieder auf. Dort kommen Leute, die das Sozialamt vermittelt, hinein.“ Dagegen hat sie auch nichts. Sie selbst bewohnt zwei zusammengelegte Häuser mit insgesamt 70 m2 Wohnfläche, besitzt einen großen Garten, einen Dachboden, ein kleines Paradies für sie. „Wenn man was dazubaut, eine Hütte oder so, dann muss man fragen, aber man darf“, erklärt sie.

Die Grünangersiedlung mag wegen der Barackenbauten und ihrer sozial schlechter gestellten BewohnerInnen als benachteiligtes Gebiet gelten. Jenen Menschen, die aufgrund ihrer Lebensstile nicht in herkömmlichen Sozialbauten wohnen können oder wollen, bietet sie aber ein geeignetes Refugium. Zwar ist der Wohnkomfort niedrig, es werden jedoch andere Vorzüge geboten: ein leistbares Zuhause, wo man im Garten Gemüse anbauen kann, Autos repariert, oder seine Zwerge aufstellt, viel Freiraum für Erwachsene und Kinder, Überschaubarkeit und gute Nachbarschaft. Laut Ernst Kaltenegger ist die Wohnzufriedenheit in dieser Siedlung höher als in anderen Siedlungen.

Verfasser / in:

Elisabeth Kabelis-Lechner

Datum:

Do. 14/08/2008

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Kommentare

Jugend

Ja ich bin dort aufgewachsen und die Jugend war Superschön.Wenn und lustig.Alle trafen sich miteinander und spielten zusammen. In der Jugendzeit waren auch alle zusammen und fortgehen war so lustig da man viele kannte und die zusammengehalten haben.Es war ein jeder stolz auf seine Siedlung und Freunde.Natur gab es mehr als genügend.Das ist es was in der heutigen Zeit fehlt ja die Gemeinschaft.

Wohnmilieus

Ich finde das auch einen spannenden Bericht, der belegt wie wichtig der sozial sorgfältige Umgang mit Wohnmilieus in einer Stadt ist. Sichtbar wird auch der Beitrag eines aneignungsfähigen, anregenden und alltagsgerechten Wohnumfelds für die Wohnzufriedenheit.

wohnzufriedenheit!

danke, das ist ein sehr wichtiger beitrag! ich glaube, wir sollten solche situationen (siedlungen) viel mehr beachten und daraus für den neuen wohnbau lernen.

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