werkgruppe graz - ausstellung HDA
Architekt Eugen Gross, Werkgruppe Graz, anlässlich der Ausstellungseröffnung und Buchpräsentation im HDA Graz
©: Thomas Raggam

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Sonntag
Gedanken zu: Architektur als Partitur

Anmerkungen zur Ausstellung und Buchpräsentation der WERKGRUPPE GRAZ
 
Wenn ich abschließend, stellvertretend für meine Kollegen, nach so vielen, die Ausstellung und das Werkbuch begleitenden Worten noch zu einer persönlichen Äußerung veranlasst werde, muss ich nochmals den Titel der Ausstellung aufgreifen: Architektur als Partitur.

Aus Anlass eines früheren Katalogbeitrages habe ich die Architektur als „Schau-Spiel“ aufgefasst, das analog der Musik eine Partitur als Niederschrift einer Komposition verlangt. Nun haben die Ausstellungsgestalter diesen Ausdruck konkret auf unsere Arbeiten bezogen, indem sie das Strukturelle in den Vordergrund rücken.

Architektur als Partitur kann dreifach verstanden werden:

Erstens als genereller Entwurf, der einer Bauaufgabe zugrunde liegt. Für uns war dieser mehr als die Erfüllung funktioneller Anforderungen, die selbstverständlich zu erfüllen waren. Die zahlreichen Bauaufgaben, von kleinen zu großen, haben unterschiedliche Dispositionen zur Lösung eines Programms vorausgesetzt. Der, der Architektur eigene dreidimensionale Raumgedanke hat allerdings die Einbeziehung der Bewegung verlangt, um den Raum erlebbar zu machen. Bewegung ist dabei durch Diskontinuitäten gekennzeichnet, die im Überwinden von Niveauunterschieden, Schwellen und Hindernissen bestehen. Gerade die gestalterische Herausforderung der Überwindung dieser realen oder empfundenen Raumkontraste hat für uns einen Impulscharakter gehabt, der den Entwurfsprozess wesentlich lenkte.

Zweitens ist eine Partitur auch als Handlungsanweisung aufzufassen, die ein räumliches Gefüge strukturiert. Das modulare Denken, das als Reaktion auf die Beliebigkeit formaler Ausdrucksweisen der auf Quantität gerichteten Bauproduktion der ersten Nachkriegsjahre aufgetreten ist, hat uns im Konzept des Strukturalismus der 1960er-Jahre eine architekturtheoretische Fundierung geboten. Eine durch Nachfrage und technologische Entwicklungen unabwendbare Massenproduktion verlangte nach einem Ordnungsprinzip, das in gewisser Hinsicht ein „regelbasiertes Entwerfen“ postulierte. Die heutigen Möglichkeiten programmierbarer Entwurfstechniken haben das Gestaltungsfeld wesentlich erweitert und zu einer Vielfalt von räumlichen Formulierungen geführt, die gerade auch den konstruktiven Erfindungsreichtum von Ingenieuren integrieren.

Für uns war die „Offenheit“ der räumlichen Interpretation jederzeit von Bedeutung. Sie bezog in der Partizipation auch die Nutzer ein und bot in gleicher Weise den am Bau Beteiligten die Chance zur Einbringung ihrer Fähigkeiten, bestimmend bis ins Detail.

Drittens ist schließlich Partitur die „Handschrift“, die ein künstlerisches Werk bestimmt. Sie identifiziert den Urheber mit seinem Werk. Was in der Kunst uneingeschränkt gilt, kann für die Architektur nur in einem eingeschränkten Maß beansprucht werden. Im Grunde ist der Bau ein Gemeinschaftswerk, bei dem Auftraggeber, Architekt und Nutzer je nach gebotenen Voraussetzungen mitwirken (Anmerkung: Bauherrenpreis). Tritt der Glücksfall ein, dass ein Werk von baukünstlerischer Qualität entsteht, kommt dem Architekten jedoch ohne Zweifel die Priorität des Zustandekommens zu. Dann erlangt das Werk eine kulturelle Dimension, die es in den Kontext einer gesellschaftlichen Selbstdarstellung einer Zeit und eines Raumes erhebt. Dann wird das Werk Teil eines kulturellen Erbes oder ideelles Gesamteigentum. Dass dieses eines entsprechenden Schutzes bedarf, ist einsichtig, wird aber durch Sicherung von Urheberrechten des Architekten in Österreich noch einer besonderen Beachtung und Wertschätzung bedürfen.

Dieses ist als Aufruf zu verstehen, den sicher zahlreiche Kollegen und für Architektur Engagierte mittragen können. Das sind gerade Sie, die hier versammelt sind.

Verfasser / in:

Eugen Gross

Datum:

So. 10/11/2013

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Kommentare

werkgruppe graz terrassensieldung st. peter u.a.

guten abend allseits!

in wien zurück bin ich noch immer etwas gefangen von dem großen abend gestern. das buch kannte ich ja schon und habe euch, den herausgeberinnen, autorinnen und gestalterinnen dazu bereits gratuliert. auch die ausstellung bringt sehr viel von dem flair dieser zeit in die gegenwart, - die auf den schwebenden, von innen leuchtenden prismen montierten transparentpläne und lichtpausen, foto-montagen etc. evozieren eine ära des entwerfens und machens von architektur, in der alle faktoren - nicht zuletzt die sozialen, auf veränderung, auf emanzipation und beteiligung am gemeingefüge gerichteten raumvorstellungen durchgängig transparent waren, die bauten lagen bis zur vollendung noch viel mehr direkt "in den händen" der architekten, die konstruktionen und materialen zeigten sich unverkleidet, direkt, "brut" in aller schärfe, feinheit und klarheit der proportionen, der details, der verbindungen, der fügungen...........

eugen gross sprach von den "partituren" - stimmt zum großteil sehr gut, denn auch in der guten partitur ist alles sichtbar, liegt alles offen, sind die hinweise zum gebrauch und das, was dann im gebrauch entsteht - entstehen kann! - weitgehend deckungsgleich, gibt es fast keinen rest, keine unsicherheit, keine verschwommene "meta-ebene" oder subjektivistische behauptung, die sich zwischen das eine und das andere stellen würde..............
ich habe die texte wohl einmal gelesen im buch, rasch, aber nicht mehr ganz präsent - das strukturelle und der damals großgeschriebene strukturalismus in kombination mit der gerüsthaften, geometrisch in netzwerken ausgebreiteten tektonik der konstruktionen sind sicher oft angesprochen - aber mir kommt jetzt dazu, dass der begriff "brut" ebenfalls sehr wichtig ist - eben keine geschönte oder aufgemotzte "baukunst", sondern die offengelegte werkzeughaftigkeit der raum- und tragstrukturen, die unpathetische regelhaftigkeit, die zugleich erstaunliche varianzen zulässt und bieten kann (grundrissvielfalt z.b. bei st. peter terassensiedlung) etc., - der grandiose wettbewerbsentwurf für die schule, der gleich beim eingang in der ersten reihe hängt, zu dem klaus kada am abend sagte: so eine schule könnte man, müsste man heute bauen, denn sie bietet den ansatz eines energetischen, atmenden raumgefüges für einen produktiven lernort, für eine schule der emanzipation, der strukturellen werte, nicht der konsumistischen attitüden - und eben nicht "klassen" für die minimierte zurichtung für den "unterricht"....
das potenzial dieser schularchitektur (nicht gebaut) lag in der reichen, offenen partitur des räumlichen grundrisses, - gedacht von der musik des gebrauchs her, vom spiel, von der aufführung des lustbetonten, interessefördernden aufenthalts und der strukturierung der zeit und der verrichtungen in/an diesem bau.........

wie auch immer, ich habe mich auf meinen redebeitrag nur durch den besuch am vormittag in st. peter vorbereitet, und wurde dann angesichts der geballten ansammlung der grazer architekturszene ziemlich unsicher. war es nicht eigentlich lächerlich, da extra von wien anzureisen und vor versammelter corona die werkgruppe zu "erklären" - eulen nach athen tragen???!

wissen sie wirklich (nicht?), dass st. peter die weitaus beste große wohnanlage dieser quantität (520 wohnungen) und dieser dichte in graz ist, in österreich ist - wie auch richard manahl und bettina götz in ihrem buchbeitrag sagen, allerdings für mich immer noch fast zu wenig präzise und in all den facetten fundiert dargestellt.
ich meinte eingangs die "transparenz" - und diese große, mächtige anlage ist so durchlässig, längs und quer, so elastisch von unten bis oben, man kann von außen überall durchgehen und immer bis vor die wohnungstüren gehen - in wien bei einer wohnanlage heute vollkommen unmöglich!!!
es gibt die überall wechselnden durchblicke, die raumdehnungen und verengungen, immer übersichtlich und zugleich nie monoton - und diese erstaunliche balance zwischen dem sehr individuellen/engen und dem sehr kollektiven, - zwischen dem subjektiv romantischen, das sich dort in den gärten, terrassenbepflanzungen, loggien-möblierungen da und dort zeigt - und dem simultan sehr urban gleichförmigen, herrlich anonymen, das eben auch distanz erlaubt und halten lässt......und diese balance zwischen dem kunststeinernen "gebirge" der bewegt geschichteten etagen und der darauf aufgewucherten natur, mit den wunderbar klar gestalteten freiräumen zwischen den häusern und auch nördlich, südlich und östlich angrenzend außerhalb zu den nachbarhäusern und dem ansteigenenden terrain nach osten............

natürlich ist das ganze bauphysikalisch, mit dieser konsequenz des industriellen betons und so viel zementgebundenen faserplatten auf brüstungen etc. nach heutigen maßstäben alles andere als ökologisch - aber wird das nicht grandios wettgemacht durch die vielen anderen, vorhing bloss angedeuteten qualitäten....
man könnte eine eigene ausstellung über die anlage machen. da würde dann auch vorkommen, wie eine freundin meiner frau renate sagte, die dort wohnt, dass die lifte leider nicht bis zur basisebene der tiefgarage gehen, sondern nur bsi zu den müllräumen...stimmt das?
st. peter-terrassensiedlung ist beides zugleich: hochurban und peripher; großstädtisch und individuell wohnlich; industrielles dichtes bauen und gestaltetes, landschaftliches milieu.
soweit ein kleine ergänzung, subjektives nachbild zum abend gestern. st. peter steht in österreich neben der haldensiedlung von hans purin in bludenz, neben puchenau in linz von roland rainer paradigmatisch für maßstabbildende konzepte zum sozialen wohnungs- und städtebau der 60er und 70er jahre - mit europäischem niveau...und ich tu mit gleich sehr schwer, da in österreich noch weitere beispiele dieser "stimmigkeit" und modellhaftigkeit aus der zeit (gebaut) dazu zu nennen...

mit herzlichem gruß und allerbesten wünschen.
otto kapfinger, am 25. oktober 2013

Infobox

Architektur als Partitur
Werkgruppe Graz
1959 bis 1989
Ausstellung
25. Okt. - 20. Dez. 2013 

HDA Graz

13. Nov., 17:00 Uhr 
Eugen Gross führt durch die Ausstellung

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