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1. Preis, "Die Brise", Claudia Kresser / Diane Brachtenbach

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WB-Entscheidung
GAD AWARD 2013: Das Ergebnis

Die Fakultät für Architektur der TU Graz veranstaltete in diesem Jahr bereits zum 11. Mal den GAD AWARD. Bei diesem Preis werden die besten Diplomarbeiten des vergangenen Studienjahres mittels Jury gewählt, prämiert, in einer Ausstellung gezeigt und zur Diskussion gestellt. Am 11. Oktober 2013 erfolgte an der TU Graz die Preiseverleihung. In diesem Rahmen sprach Architekt Christian Rapp (TU Eindhoven), der Vorsitzende der Jury zum GAD Award 2013, über das Werk des Architekturbüros RAPP+RAPP Amsterdam. Bis 17.10.2013 waren die ausgezeichneten Diplomarbeiten in einer Ausstellung im Foyer und Hörsaal II der Alten Technik zu sehen. GAT stellt die Projekte soweit möglich, noch einmal vor.

DIE PREISTRÄGERiNNEN:

Nach eintägiger Jurierung einigte sich die Jury nach einer intensiven Reflexions- und Diskussionsphase auf fünf Preisträger

1. Preis
„Die Brise "
Heuristische Erkenntnisschleifen einer Stadtplanung für Szczecin
Verfasserinnen: Claudia Kresser / Diane Brachtenbach
Betreuerin: Univ.-Prof. Dr. phil Simone Hain

2. Preis
„Refill Radkersburg“
Eine zeitgemäße Wellnessarchitektur zur Erweiterung des touristischen Konzepts
Verfasser: Martin Slobodenka
Betreuer: Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Architekt Hans Gangoly

3. Preis
„Pirgos Peiraia“
Die Reparatur von Stadt und die Wiederherstellung von Urbanität mittels der räumlichen und ikonischen Aktivierung einer vertikalen Brache
Verfasser: Martin Grabner
Betreuer: O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Architekt Jean Marie Corneille Meuwissen
   
Hollomey-Reisepreis
„Seoul Megacity“ – Best Before?
Verfasser: Thomas Untersweg
Betreuer: Univ.-Prof. Mag.phil. Dr.phil. Anselm Wagner

Tschom-Wohnbaupreis
„Die Zeile der 50er“
Vitalisierung einer 1950er-Jahre Siedlung
Verfasser: Felix Zankel
Betreuer: Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Architekt Andreas Lichtblau

NOMINIERTE STUDENTINNEN 2013:
Thomas Bauer | Sarina Britzmann | Katja Hausleitner | Melanie Horn | Gustav Ibing | Magdalena Lang | Philipp Meikl | Christoph Marius Neuwirth | Sebastian Herbert Jenull | Sandra Tantscher | David Dokter | Kathrin Hiebler | Claudia Koller | Moritz Liska | Paul Pritz | Katharina Bayer | David Klemmer | Igor Mitric | Martin Grabner | Florian Öhlinger | Thomas Untersweg | Bernhard Wagner | Philipp Markus Schörkhuber | Christian Schwarzinger | Barbara Sieber | Leo Habsburg | Gernot Michael Parmann | Alexander Poschner | Michael Höcketstaller | Alexandra Isele | Matthias Jäger | Christoph-Matthias Kügler | Romana Streitwieser | Michael Lammer | Martin Slobodenka | Kerstin Stramer | Yvonne Schreiber | Gunilla Plank | Johannes Schick | Christoph Gradauer | Felix Zankel | Veronika Van der Graft | Claudia Kresser | Diane Brachtenbach | Georg Kraus | Julius Emil Popa | Katharina Volgger | Barbara Hohensinn |

Zusammensetzung der Jury:
Vorsitz: Architekt Christian Rapp, TU Eindhoven
Arch. DI Bernd Vlay, Studio Vlay, Wien
DI, DDr. techn. Claudia Yamu, TU Wien
Arch. DI Mathieu Wellner, LFU lnnsbruck
Arch. DI Danijela Gojic, GS architects, Graz

PROJEKTBESCHREIBUNGEN

1. Preis
„Die Brise „
Heuristische Erkenntnisschleifen einer Stadtplanung für Szczecin
Verfasserinnen: Claudia Kresser / Diane Brachtenbach
Betreuerin: Univ.-Prof. Dr. phil Simone Hain

Kurzfassung:
Vor dem Hintergrund immer knapper werdender Mittel setzen Städte innerhalb ihrer Stadtentwicklungspolitik vermehrt auf Stadtmarketing als "weiches" kommunikatives Instrument der Stadtplanung.
Diesem Beispiel folgt auch das seit 1945 polnische Stettin nahe der deutschen Grenze. Entlang einer Leitidee Namens Floating Garden 2050 versucht sich die Stadt nach dem Niedergang der Schiffsindustrie als ihrem wichtigsten Wirtschaftsfaktor neu zu erfinden. In diesem Zusammenhang rücken die Stettiner Oderinseln in den Fokus des städtebaulichen Leitbildes. Damit reiht sich Stettin in eine Vielzahl an Städten ein, die auf ihren leergeräumten Häfen- und Uferflächen neue Stadtteile errichten wollen.
Schon ein kurzer Blick in die Stadt verrät jedoch, dass dort die Grundvoraussetzungen, die eine Planung dieser Größenordnung rechtfertigen würden, nicht gegeben sind.
Demnach steht im Zentrum dieser Arbeit die tiefgreifende Auseinandersetzung mit Stadt im Allgemeinen und Stettin im Besonderen, deren Erkenntnis u. a. bald die Notwendigkeit einer dringenden Neuformulierung der Planungsaufgabe ist. Dies schließt die neuen Planungskulturen sowie die Frage nach der Rolle des Architekten gleichermaßen in die Diskussion mit ein.
Mit der Anhäufung und dem In-Beziehung setzen von Wissen wird schließlich auch ein Alleinstellungsmerkmal Stettins an einem Ort aufgespürt, der im Brennpunkt neoliberaler Interessen steht. Die Gefahr ein Ort des Ausschlusses zu werden ist dabei umso größer, da er sich aus dem Bewusstsein der lokalen Bevölkerung verflüchtigt zu haben scheint und sie daher als kritische Masse (noch) nicht für Gegenwind sorgt. Gleichzeitig wird dort unter städtebaulichen Gesichtspunkten eine nahezu funktionslos gewordene Brücke als Kernproblem herausgearbeitet, die das Stadtgefüge an seiner repräsentativsten Stelle zerschneidet. Ihre (isolierte) Betrachtung führt nicht zuletzt zu mehr Fragen, wie etwa was unter Urbanität zu verstehen ist, findet jedoch in der Sichtweise des Infrastruktururbanismus einen befreienden Denkanstoß.
Anstatt dystopischer Korrekturmaßnahmen also, wird im Sinne einer angemessenen Planung eine urbane Strategie vorgeschlagen. Sie soll einerseits bottom up einen räumlichen Transformationsprozess einleiten, in den sich künftige Entwicklungen plausibel integrieren lassen. Andererseits bietet sie den Bewohnern Stettins die Gelegenheit einer Sinneserfahrung, um sie für diesen Ort zu sensibilisieren. Es ist vor allem der Geruchssinn, auch als Erinnerungssinn bezeichnet, der hier eine zentrale Rolle spielt, denn hin und wieder weht ein zarter Duft von Schokolade über die Oderufer hinweg. Er wird von einer der beiden letzten noch intakten Fabriken auf den Flussinseln verströmt. Verantwortlich für dessen Ausbreitung ist die sogenannte "Brise", die durch ein einzigartiges Zusammenspiel spezieller Luftzirkulationen des 60 km entfernten Küstengebietes mit den topografischen Gegebenheiten Stettins entsteht. Gäbe es die Schokolade nicht, bliebe die Brise unbemerkt. Ebenso wie die Tatsache, dass sie als wichtiger Beitrag zur städtischen Identitätsbildung den für Außenstehende bisher nur schwer nachvollziehbaren historisch überlieferten Kult, Stettin sei eine Stadt am Meer, als faktisch belegt materialisiert.
Schlussendlich ist die Strategie ein Experiment, das nicht nur die Verbesserung der innenstadträumlichen Qualitäten in Aussicht stellt, sondern sich gleichermaßen mit den Interessen der Akteure des Augenblicks und der Zukunft vereinbaren lässt. Und das macht sie, so leichtfüßig sie auch scheinen möge, zu einem komplexen Schachzug.

2. Preis
„Refill Radkersburg“
Eine zeitgemäße Wellnessarchitektur zur Erweiterung des touristischen Konzepts
Verfasser: Martin Slobodenka
Betreuer: Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Architekt Hans Gangoly

Kurzfassung:
Die hier vorliegende Arbeit mit dem Titel „Refill Radkersburg. Eine zeitgemäße Wellnessarchitektur zur Erweiterung des touristischen Konzepts“ unternimmt den Versuch, der Altstadt von Bad Radkersburg wieder neues Leben einzuhauchen. Die in ihrem Kern dem Mittelalter erwachsene Stadt hat dank behutsamer Denkmalpflege auch nach dem Wiederaufbau nichts an historischem Flair verloren. Ihre wirtschaftliche Attraktivität hat sie jedoch zugunsten vorstädtischer Erweiterungen eingebüßt. Außerhalb des Stadtkerns haben sich Einkaufszentren, Hotels und eine Thermenanlage entwickelt, die das touristische Konzept eines Kur- und Badeortes bedienen. Um dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten, soll ein seit langem leerstehendes Gebäude direkt am Hauptplatz neu bespielt werden. Inhaltlich gliedert sich das dazu entwickelte Programm in die bestehenden Tourismuskonzepte von Stadt und Gemeinde ein. Ziel ist es, eine höhere Frequentierung der Altstadt zu erreichen. Das zu bespielende Objekt will der Attraktivierung der Radkersburger Altstadt dienen und eine Erweiterung des touristischen Konzepts ermöglichen. Dazu wird ein Gebäudekomplex am Radkersburger Hauptplatz so umgebaut, dass er neben einer Gastronomie auch einen Hotelbetrieb beherbergen kann. Außerdem wird für den Hinterhof dieses Bestandsobjektes ein Neubau entworfen, der ein umfassendes, an römischen Vorgaben orientiertes Erholungs- bzw. Wellnessprogramm bietet. Der Neubau ist ein im Grundriss quadratischer Baukörper, wird in den sogenannten Hinterhof des eben beschriebenen Bestandsgebäudes gestellt und wahrt hier zu den bestehenden Begrenzungsmauern den für spannende Innen-Außenbeziehungen sowie für diffuse Lichtsituationen nötigen Abstand. Zum Bestand hin gibt er sich durch eine Fassade aus lamellenartig geschichtetem Kupferblech recht introvertiert aus. Innen organisieren sich die Räume um einen Treppenkern herum und sind über spannende Blick- und Treppenachsen miteinander verknüpft, und gegeneinander durch unterschiedliche Atmosphären abgesetzt, so dass der Eindruck, „sich vorübergehend in einer anderen Welt zu befinden“ mit einem spannenden Architekturerleben kombiniert wird.

3. Preis
„Pirgos Peiraia“
Die Reparatur von Stadt und die Wiederherstellung von Urbanität mittels der räumlichen und ikonischen Aktivierung einer vertikalen Brache
Verfasser: Martin Grabner
Betreuer: O.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Architekt Jean Marie Corneille Meuwissen

Kurzfassung:
Inmitten des hektischen – fast chaotischen – heterogenen Raumes im Hafen der griechischen Stadt Piräus ruht ein schlafender Riese: der Pirgos Peiraia (Piraeus Tower). Mit seinen 85 Metern Höhe ragt das Hochhaus aus der nicht einmal halb so hohen Stadt als Fremdkörper heraus. Es ist leer; seit seiner Errichtung in den 1970er Jahren ungenutzt und in der Wahrnehmung der Stadt nur als Bild existent. Eine vertikale Brache, genutzt nur als Träger großformatiger Werbebotschaften. Die vorliegende Arbeit nimmt diese konkrete Situation zum Anlass, sich mit der Beziehung zwischen Hochhaus und Stadt auseinanderzusetzen, mit den meist ungenutzten Möglichkeiten dessen Integration in sein Umfeld und dessen Potenzial, einen beträchtlichen Mehrwert für die Stadt zu generieren. Der Pirgos Peiraia wird als ein Werkzeug verstanden, als ein Instrument der Stadtentwicklung und des Urbanismus, oder, allgemeiner gesprochen, das Hochhaus als ein urbanes Projekt. Die acht Essays des ersten, theoretischen Teils der Arbeit und der vorangestellte fotografische Essay „Vollkommene Unvollkommenheit“ sind als eine Auseinandersetzung mit der Stadt Athen und ihrer Architektur, mit dem Hochhaus, mit Bild und Raum zu verstehen, die weit über eine pragmatische, allein den Entwurf vorbereitende Analyse hinausgeht, auch für sich allein stehen könnte. Es wird der unbestimmte und widersprüchliche Charakter des kontemporären Athens (und der mit ihr verschmolzenen Schwesterstadt Piräus) beleuchtet, die Versuche die Stadt zu planen und deren Scheitern, die Typologie der Polykatoikia als das allgegenwärtige generische Grundmodul der griechischen Stadt und die maßlose Ausbreitung Athens als scheinbar homogener Betonteppich. Außerdem wird das Hochhaus in dem ihm immanenten Spannungsfeld zwischen konstruktiv-strukturellem Bauen und der Schaffung von Symbolen und Ikonen betrachtet und anschließend die Rolle von Architektur als Bild (oder Zeichen) und als Träger von Bildern (oder Zeichen) in der Stadt thematisiert.
Im zweiten Teil wird das Erarbeitete zu einem, sehr konkret auf den Kontext des Ortes – seine Struktur, Funktion und Bedeutung – eingehenden Entwurf verdichtet, die architektonische und gesellschaftliche Haltung formalisiert. Raum und Bild, Interaktion und Ikonizität, nah und fern werden als die horizontale und die vertikale Dimension eines Hochhauses im Kontext identifiziert, die ein dialektisches Paar konstituieren.
Dem Turm wird sein horizontales Gegenstück hinzugefügt, der neu (und wieder) geschaffene Raum löst das ein, was das dominant aufragende Zeichen des Pirgos Peiraia seit vier Jahrzehnten verspricht: ein Zentrum urbanen Lebens. Die, einem hohen Gebäude immanente ikonische Wirkung wird als White Void konkretisiert, als Gegenmodell zur White Noise der urbanen Bilderflut. Eine einfache Form, die die in sich aufgenommene Komplexität nicht gleich wieder gestalterisch darstellen will (Ullrich Schwarz), eine Architektur, die ihre Poesie nicht aus einer autonomen Ästhetik, sondern aus dem Vertrauen in den Ort selbst und dessen Inszenierung gewinnt (Roger Diener). Es wird ein Zeichen gegen die (selbstbezogenen) Zeichen gesetzt, kein architektonisches Spektakel inszeniert, sondern eine Architektur entwickelt, die als städtische Bühne für das gesellschaftliche Spektakel dienen kann.

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich
TU Graz - Fakultät für Architektur

Datum:

Mi. 06/11/2013

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