Ralo Mayer,
Ralo Mayer, aus: “Silicium, Sequoias, Schwindel: Kinder zwischen Mond und Erde, niemand weiß was dann passiert (So what bashed open their skulls and ate up their brains and imagination?)”, 2014

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Rezension
Fünfter Versuch, die Blaue Murmel zu retten

Gerade warnte der Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung davor, dass immer mehr Industriebetriebe aus Europa abwandern würden, so der „europäische Alleingang“ zur Erreichung der Klimaziele nicht einem internationalen Schnitt angepasst werde. Er gab zu bedenken, dass Europa nur noch „für zehn Prozent aller [d.h. weltweiter] Emissionen verantwortlich ist“. Limits senken, Wirtschaft steigern – Gas geben!
Vor langer Zeit gab der Club of Rome eine Studie in Auftrag, die 1972 unter dem Titel Die Grenzen des Wachstums erschien. Darin die Warnung als zentrale Schlussfolgerung: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht“. (1)

Es erscheint müßig, die Haltung einer alten Studie durch aktuelle Beispiele zu befüttern beziehungsweise von einem Interessenkonflikt zwischen Konzernverantwortlichen und Umweltbesorgten zu sprechen. Nicht zuletzt vermittelt durch aktuelle Informationskanäle, liegt alles vor Aller Augen. Dennoch ein aktuelles Beispiel entsprechend einem der Erkenntnisse des Club of Rome, nachdem lokales individuelles Handeln jeweils globale Wirkungen zeitigt: Während in Paris aufgrund erhöhter Feinstaubbelastung wenigstens zeitweilig Fahrverbote für Privatautos ausgesprochen werden, dagegen öffentliche Verkehrsmittel gratis benutzt werden können und Elektrofahrzeuge zur freien Verfügung gestellt werden, erhöht man zur gleichen Zeit, und wie schon in den Jahren zuvor, die Ticketpreise der öffentlichen Verkehrsmittel in Graz – und von Betriebsverboten für Kraftfahrzeuge ist keine Rede. Gas geben also! Wen kümmert’s? Die Industriellenvereinigung offenbar nicht.
Künstlerinnen und Künstler dagegen machen sich Gedanken, die < rotor >, Zentrum für zeitgenössische Kunst, in der jetzt fünften und abschließenden Ausstellung der Serie Maßnahmen zur Rettung der Welt zur Ansicht bringt. Voraus stellen die Kuratoren Margarethe Makovec und Anton Lederer ein Zitat aus dem Essay Gedanken einer träumenden Nomadin der indonesischen Schriftstellerin und Künstlerin Arahmaiani: „Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Menschen just in unserer Zeit, die man als Endphase der Aufklärung und des Industriezeitalters bezeichnen könnte, trotz ihres Wissens nicht mehr in der Lage sind, weise zu denken und zu handeln. Der moderne Mensch kennt die Natur nicht mehr, kennt auch nicht sich selbst.“ (2)

Sechs Installationen handeln vom Umgang mit Ressourcen, der Rückholung von Kulturtechniken, haben dokumentarischen respektive den Charakter naturwissenschaftlicher Forschung. Was auf den ersten Blick banal erscheinen mag, ist bei Kamen Stoyanov (geb. 1977 in Rousse) künstlerisches Konzept: Während eines Stipendiaten-Aufenthalts im Schindler House, Los Angeles, legte Stoyanov eine Tomatenplantage nach dem Muster eines (virtuellen) Facebook-Spiels an. Das Spiel wird zur realen Landwirtschaft im kleinen Format und zeitigt Tomatensuppe als künstlerisches Produkt.

Nach Archivfotos aus der Oststeiermark haben die Grazer Künstlerinnen RESANITA einen fragmentarischen Fassdaubenturm gebaut. Um sie zu trocknen, wurden die Dauben früher in ähnlicher Form bis zu 15 Metern hoch geschichtet. Worum es in der Installation eigentlich aber geht, ist die Erinnerung an natürliche Werkstoffe am Beispiel von Rohrkolbenschilf, das zum Abdichten (im Bootsbau: kalfatern) der Fässer verwendet wurde. Die Qualität des Rohrkolbenschilfs, wissen RESANITA, wurden durch keinerlei synthetische Mittel erreicht.
Verlernen und Vergessen, propagieren Catherine Grau (New York) und Zoe Kreye (Vancouver), sind Voraussetzung für jede Art von Neu-Orientierung und -Beginn. Also zeigen sie Techniken des Verlernens in Workshops und Bilddokumenten.
Zur nicht nur von ihr geteilten Ansicht, dass Bienen inzwischen vorteilhaftere Lebensbedingungen in Städten finden können als auf dem Land, kommt Polonca Lovšin (Lubljana). The Right Balance zeigt den Versuch der Wiederbelebung lokaler Lebensmittelproduktion. Hannah Brackston (Glasgow) dagegen stellt in ihre Anordnung Instrumente und ein Expeditionsboot, mit denen sie die städtischen Wasserwege der Industriestadt Glasgow untersucht hat. Sie kommt zur eigentlich nicht erwarteten Erkenntnis, dass sich die Wasserqualität in den vergangenen Jahren verbessert hat, damit einhergehend auch die Lachspopulation.
Und Ralo Mayer (Wien) baut seine Installation um das 1972 entstandene Foto AS17-148-22727 auf. Das Bild zeigt unseren Planeten Blue Marble (Marmor bzw. Murmel) aus der Sicht der Crew von Apollo 17. Für einige Zeit und in gewissen Kreisen verbreitete sich damals der Eindruck von der Fragilität unseres Planeten. Tempora mutantur … The Times They Are A-Changin' …

(1) Dennis Meadows et al.: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart 1972, S. 26.

(2) Arahmaiani: Gedanken einer träumenden Nomadin. In: Narbutovič, Stemmler (Hg.): Über Lebenskunst. Utopien nach der Krise. Berlin 201

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Fr. 04/04/2014

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Maßnahmen zur Rettung der Welt _ Teil 5 ist bei < rotor >, Volksgartenstraße 6a, 8020 Graz, bis zum 24. Mai 2014 zu sehen

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