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Einmal was Gscheites bauen

Junge Architekten sind heutzutage mit anderem beschäftigt als mit der Frage, ob sie Baukünstler sind. Der Zugang zu öffentlichen Aufträgen, selbst zu kleinen, ist schwierig geworden. Vielseitigkeit und Offenheit der Profession sind bedroht.

Berufsfeld Architektur 2.0: Anmerkungen zu einer Studie der TU Wien.

Demnächst ist es wieder so weit. In wenigen Tagen findet in ganz Österreich die siebente Ausgabe der Architekturtage statt.  Was als Angebot zur Beschäftigung mit dem Entstehungsprozess von Architektur an der Schnittstelle zwischen Kunst, Technologie und Gesellschaft begann (O-Ton 2002), hat sich mittlerweile – etwas „handfester“ formuliert – als Angebot zur Bewusstseinsschärfung für Architektur im Alltag etabliert, das vielfältige Möglichkeiten bietet, Architektur hautnah zu erleben, Neues zu entdecken und Ungewöhnliches zu verstehen (O-Ton 2014). Atelierbesuche, die die Rolle der Architekten und Architektinnen in diesem Prozess transparent machen und generell Einsicht in ihre Arbeitswelt geben sollen, sind nach wie vor fixer Bestandteil der Architekturtage.

Der selbst auferlegte Auftrag der Architekturtage heute ist mehr denn je Öffentlichkeitsarbeit – ist, Vermittlungsarbeit zu leisten, indem man Qualität und Mehrwert der Arbeit dieses Berufsstands in den Mittelpunkt rückt, an Beispielen zeigt und erklärt. Ein Diskurs darüber, ob Architektur Kunst ist oder sein kann, scheint unter Architekturschaffenden knapp 100 Jahre, nachdem Adolf Loos apodiktisch festgehalten hat, dass Architektur mit Ausnahme des Grabmals und des Denkmals nicht unter die Künste gehört, kein Thema zu sein. Heute taucht der Terminus Baukunst beinahe ausschließlich in der Rückschau auf die Architekturhistorie auf. Architekten wollen die Welt mitgestalten, zum Besseren ändern, ja, aber Baukunst . . . Über die freut sich Hanno Rauterberg in der „Zeit“, wenn er fallweise jugendlich schwärmerisch über ein neues, geglücktes Stück Architektur berichtet. Architekten, vor allem junge Berufseinsteiger, sind 2014 mit anderem beschäftigt als mit der Frage, ob sie Baukünstler sind. Für viele ist die Berufswahl zur Überlebensfrage geworden. Das ist hierorts nicht anders als in Deutschland, das eine weit höhere Architektendichte aufweist als Österreich. Dabei unterscheiden sich die Motive für die Berufswahl, die Studierende zu Beginn ihres Studiums anführen, nicht wesentlich von jenen Architekturschaffender, wenn sie bereits im Beruf stehen.

Der zweite Teil einer Studie zum Berufsfeld Architektur, an der seit mehr als zehn Jahren federführend unter dem an der Technischen Universität Wien tätigen Assistenten Oliver Schürer interdisziplinär gearbeitet wurde, liegt nun vor. Erstmals wurden systematisch Gegebenheiten wie Arbeitsbedingungen, Betätigungsfelder, Lebenslinien und Karrierechancen erfragt und analysiert – und eben Motive und Grad der Erfüllung in einer Szene, die unsere Umwelt entscheidend mitprägt. Die Studienautoren sprechen genügsamer von Zufriedenheit mit der Tätigkeit, und sie unterscheiden auch zwischen Architekturschaffenden, also im engeren Sinn Architekturproduzierenden, und Architekturinvolvierten, die in vielen Feldern von Lehrtätigkeit über Publizistik bis zur Visualisierung von Projekten tätig sind. Immerhin ist der Anteil der selbstständigen Architekten und Freiberufler laut dieser Studie gemeinsam mit 65 Prozent schon im ersten Jahrzehnt nach dem Studium beinahe doppelt so hoch wie der von Angestellten.

Schließt man daraus, dass dieser größere Anteil der Selbstständigen auch selbstbestimmt ein eigenes Wertesystem und Arbeitsschwerpunkte nach Neigung festlegen und verwirklichen kann, so irrt man wohl, denn die Arbeitsbedingungen für Architekturabsolventen und Jungarchitekten werden laut Aussagen der Involvierten immer härter (circa 700 Absolventen österreichweit durchschnittlich, heuer wegen des Auslaufens der alten Studienordnung vermutlich noch mehr, und circa 200 Absolventen der Ziviltechnikerkurse jährlich). Viele der Selbstständigen sind wohl –mit durchschnittlich wesentlich niedriger Honorierung als in vergleichbaren Kreativberufen und kaum abgesichert – projektbezogen für Architekturbüros tätig, die es sich kaum leisten können, alle Mitarbeiter fix anzustellen.

Um ihre Situation gemeinsam und mit strategischer Ausrichtung zu verbessern und sich gegenseitig mit Wissen zu unterstützen, haben sich in Wien vor Jahren junge Architekten und Absolventen in der IG Architektur zusammengeschlossen. In Graz hat sich kürzlich mit Unterstützung der Zentralvereinigung der Architekten ein Sitzkreis formiert, in dem junge Architekten ihre teils prekäre Lage thematisieren und Möglichkeiten zur Verbesserung diskutieren. Aufbruchstimmung herrscht dabei nicht, aber es gibt einen Konsens darüber, dass das Bündeln von Energie und Ideen mehr Chancen birgt, etwas auf die Beine zu stellen und auf die junge Architekturpotenz aufmerksam zu machen, als das einsame Grübeln vor dem Computer im improvisierten Einmannbüro.

Der Zugang zu öffentlichen Aufträgen, selbst zu kleinen, ist schwierig geworden für jene, die noch keine Referenzen vorweisen können. Auch Wohnbaugenossenschaften greifen lieber, obwohl sie mit öffentlichen Fördergeldern arbeiten, auf bewährte Partner aus der Architektenschaft zurück, als sich in der Rolle von Ermöglichern zu sehen, die den Jungen eine Chance geben. Für offene Wettbewerbe, die mehrstufig angelegt sind, um in der ersten Phase innovative, neue Lösungsansätze für eine bestimmte Bauaufgabe zu finden, findet man heute kaum Partner, weder bei der öffentlichen Hand noch in der Wirtschaft – zu lange dauernd, zu teuer, zu risikoreich. Anstelle von Ideenwettbewerben treten Bewerbungsverfahren, für die Referenzen und Nachweise von Umsatz- und Bürogrößen verlangt werden. Wie sollen die Jungen da mithalten können? Sie müssen sich wieder neue Betätigungsfelder und Nischen suchen – schwierig in einem Umfeld immer größerer Konkurrenz und knapper werdender Ressourcen.

Was bislang auf der Habenseite des Berufsfeldes verzeichnet wurde – seine Vielseitigkeit und Offenheit –, ist in Gefahr, auch wenn der Grad der Zufriedenheit mit der Berufswahl immer noch hoch ist. Katharina Tielsch, eine Mitautorin der Studie Berufsfeld Architektur 2.0, führt dies auf den hohen Anteil an der möglichen Selbstverwirklichungim kreativen Gestalten und Umsetzen zurück, das zur Freude am Tun führt. Wie Arbeitsforscher in vielen Untersuchungen bestätigen, sind das größere Motive für Zufriedenheit und eine positive Einstellung zur Arbeit als Einkommen und Status.

Solche Zuversicht strahlen die jungen Architekten im Grazer Sitzkreis derzeit nicht aus. Aber noch sind sie engagiert, wollen „einmal was Gscheites bauen“, wollen gemeinsam neue Aufgaben suchen. Doch was, wenn das Engagement für gutes Bauen einer ganzen Architektengeneration aus Mangel an Entfaltungsmöglichkeiten verkümmert? Damit es nicht so weit kommt, wird die Arbeit von Architekten und der Mehrwert von ambitionierter Architektur während der kommenden Architekturtage und erstmals beim Open Haus Wien am 13. und 14. September 2014 anschaulich am Objekt gezeigt. Möge die Übung gelingen.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

So. 18/05/2014

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Der Artikel von Karin Tschavgova erschien am 2. Mai 2014 im Spectrum der Tageszeitung Die Presse

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