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Fassade des Kunsthaus Bregenz
Architektur: Peter Zumthor, ©: Emil Gruber

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Interview
Ein Türöffner zu Möglichkeitsräumen _ Teil 1

Juli 2017 in Bregenz. Die erste Saison von Carmen auf der Seebühne ist seit Wochen restlos ausverkauft. Die Kritiken zur Inszenierung sind durchgehend positiv. An jedem Aufführungstag werden an die siebentausend Besucher in die Stadt gespült, ein Viertel der Einwohner der Stadt. Elisabeth Sobotka, die 2015 von der Grazer Oper hierher wechselte, hat ihre Wassertaufe als Intendantin bestanden.  
2015 übernahm auch Thomas Trummer die Leitung des Kunsthauses, der zweiten Bregenzer Kunstinstitution von internationaler Bedeutung. Auch er kann auf Erfolge in seinen ersten beiden Jahren zurückblicken. Über 600 Besucher waren am Tag vorher in der aktuellen Ausstellung von Adrian Vilar Rojas, erzählt Trummer mir in seinem Büro im Verwaltungsgebäude gleich neben dem Kunsthaus Bregenz. Die Fassade des einen Zumthor Baus füllt die Fenster des anderen. Einer der Betonporsche von Gottfried Bechtold parkt zwischen den beiden Bauten. Der Lebensweg des gebürtigen Bruckers ist immer schon von Kunst umrahmt. Die Eltern Musiker, besuchte der Steirer schon früh – noch während des Gymnasiums – schon das Konservatorium in Graz. Später während des Studiums der Kunstgeschichte und Philosophie gestaltete er bald Ausstellungen mit.
Er erinnert sich an seine erste Mitarbeit an der legendären von Werner Fenz im Rahmen des steirischen herbst gestalteten Ausstellung Bezugspunkte 38/88. Die Ausstellung grub seinerzeit vom Nationalsozialismus markant okkupierte Grazer Orte künstlerisch um. Die Empörung war groß. Die zu einer NS-Stele ummantelte Mariensäule am Eisernen Tor fiel einem Brandanschlag zum Opfer.
Trummer war unter anderem im Grazer Kunstverein, in der Österreichischen Galerie Belvedere und im Contemporary Art Museum in Ridgefield als Kurator tätig, betreute Ausstellungs- und Kooperationsprojekte für die Siemens Stiftung in München. 2012 übernahm er die Leitung der Kunsthalle Mainz. Seit Mai 2015 ist er Direktor des Kunsthauses Bregenz. Schon in den ersten Ausstellungen unter seiner Führung hat das KUB ein markantes neues Profil erhalten. 

Herr Trummer, für jemanden der noch nie im Kunsthaus Bregenz war, wie würden Sie es beschreiben?

Das Kunsthaus Bregenz ist ganz was besonderes, als Gebäude, als Gefühl, als Atmosphäre, als Ambiente. Wenn man ins Erdgeschoß hineingeht, sieht man sich plötzlich in einer riesigen Halle mit samtenen Betonwänden, in der Leere. Es ist edle Einfalt. Und das wiederum lässt einen selbst befragen. Der erste Eindruck ist nicht, wo ist die Kunst, sondern wo bin ich, wer bin ich, was atme ich. Man wird zurückgeworfen auf die eigene Stellung in diesem Gebäude, in diesem Raum, in diesen Dimensionen. Alles ist sehr sinnlich, das Licht, die Helle, die Kühle; selbst der Hall, das sind eindrückliche Empfindungen. Man situiert sich im Raum. Das ist etwas, das nicht nur Besucher spüren. Wir haben ja keine Schwelle, keine Lobby, keinen Eingang.
Und bei der aktuellen Ausstellung von Vilar Rojas wird dieser Eindruck noch verstärkt, weil der Tresen, den Peter Zumthor auch gebaut hat, entfernt und die Kasse interimistisch in das Untergeschoß geräumt wurde. So kann sich die Leere noch mehr ausbreiten. Die erzeugt nicht nur edle Einfalt sondern auch stille Größe. Man geht auf einem riesengroßen Gemälde, es ist eine Vergrößerung der Madonna del Parto von Piero della Francesca, entstanden Ende des 15. Jahrhunderts in der Toskana. Maria wird von zwei Engeln flankiert, die ihr einen Baldachin öffnen. Man hat nicht wirklich die Möglichkeit, das gesamte Gemälde zu sehen, dazu müsste ich weit oberhalb im Raum schweben. Es gibt nur eine schräge Ansicht. Und man muss es betreten. Das ist ein respektloser Umgang, den man sofort spürt. Was heißt das, wenn ich der Maria auf den Bauch, auf die Arme, auf das Gesicht steige? An den Wänden finden sich üppige, splittrige Farben. Man hat Probleme, das alles irgendwie zuzuordnen. Es ist der erste Akt einer Symphonie, der erste Akt eines Vierteilers für eine Sequenz von Räumen, die einen immer mehr ins Staunen führen werden.

Eine Besonderheit, die im KUB im Gegensatz von vielen Museum auffällt: Das Haus ist sehr minimalistisch und schlank, was die üblichen Nebentöne zu den Ausstellungsräumen betrifft, aufgestellt. Das Cafe ist separiert in einem Nebengebäude. Der ehemalige Museumsshop wurde schon vor einigen Jahren geschlossen. Die Kartenverkaufsstelle bietet eine übersichtliche Zahl von Katalogen und Kunstpostkarten an.

Das war immer schon architektonisch angelegt, aber ich habe versucht, es noch mehr zu verstärken. Wir sitzen hier im Gebäude gegenüber, es ist das Administrationsgebäude – auch von Peter Zumthor geplant – im Erdgeschoß ist das Cafe. Alles ist hierher ausgelagert, damit der Kubus, das KUB sich nur der Kunst anbietet und sonst gar nichts drinnen ist. Das ergibt  diese famosen Ausstellungen. Die Künstlerinnen und Künstler müssen auf diese Konzentration reagieren. In einem anderen Museum, wie im Centre Pompidou, im Museum of Modern Art, im Mumok oder im Grazer Kunsthaus; wenn man da reingeht, da sieht man einmal vieles anderes. Da ist ein Cafe. Dann ist dieser komische Shop mit den Büchern, dann ist die Kasse, dann gibt es einen Warteraum, den Aufgang zur Camera Austria. Dann muss ich noch die Rolltreppe hinauf. Bevor ich zur Kunst komme, vergehen Minuten. Diese  Ablenkungen, die Geschäftigkeit, die Beinahe-Konsumationsverpflichtung erzeugen eine Aufdringlichkeit. Das ist nicht nur in Graz, das ist im Museum of Modern Art genauso.
In Bregenz ist das anders:  Ein Werk, ein Künstler, ein Haus, ein Motto. Wir arbeiten hier herüben, es rennt auch kein Personal mit dem Akt durch das KUB. Ein sehr Kluger hat das einmal auf den Punkt gebracht: Zumthor hat Kirche und Staat getrennt.

Immer wieder schwärmen Künstlerinnen und Künstler von Bregenz. Eine Personale im KUB ist für viele ein Höhepunkt. Was macht das Haus so besonders?

Die KUB-Geschichte ist fast wie Kunstgeschichte. Es sind zwanzig Jahre vergangen und es waren die besten Künstlerinnen und Künstler hier. Jeder der hier eingeladen wird, muss sich auch mit dieser Geschichte messen. Es wird jetzt immer schwieriger und gleichzeitig immer toller. Es ist nicht ein Haus, wo man herkommt und irgendeine Ausstellung macht. Alle wissen, sie müssen da wirklich was leisten. Für mich ist es das Wichtigste, dass es möglichst keine Importware gibt. Es werden keine bereits fertigen Bilder angeliefert oder Skulpturen hingestellt, sondern es muss etwas Neues entstehen. Dafür sind das Haus und das Team wunderbar gemacht. Die Mitarbeiter sind in der Lage, die schlimmsten Stresstests zu bewältigen. Aktuell haben wir zum Beispiel ein offenes Feuer in einer Etage. Wir haben 140 Tonnen Marmor verbaut. Wir haben alle drei Lichtdecken herausgenommen und sie neu gestaltet. Wir haben Luftabzüge eingebaut und einen speziellen Boden für den letzten Stock  entwickelt. Maßnahmen, die man in keinem anderen Museum der Welt machen würde.

Dieser Boden. Die Zusammenarbeit der Kunst mit dem lokalen Handwerk zeichnet das KUB auch immer wieder aus.

Der Boden ist von einem Malerbetrieb gemacht. Das ist ein Guss, der von einer unglaublichen Perfektion ist. Der Boden und auch der sternförmige Sockel glänzen und spiegeln im hellsten Grau, haben eine Kühle und eine Aseptik. Es ist ein bisschen so, wie man eine Kuvertüre auf eine Sachertorte streicht. Man muss genau die richtige Temperatur für das Gießen erwischen. Wenn es zu sämig ist, stockt es und wenn es zu flüssig ist, zerrinnt es.

Bei der Pressekonferenz mussten wir uns ja alle noch die Schuhe ausziehen…

Ja, aber später sind wir dann draufgekommen und haben ein tolles Putzmittel gefunden, mit dem wir die Spuren, die hauptsächlich durch die schwarzen Abrieb von Turnschuhen entstehen, jeden Abend entfernen können. Jetzt bleibt alles makellos.
Eine großartige Arbeit waren auch die „Fake“-Walls, die Betonwände simulieren. Das ist ein Illusionismus, den ein normaler Besucher überhaupt nicht entdeckt. Und die Verbauung von Tonnen marokkanischen Marmors. Wir haben einen eigenen Frachtlift dafür bauen lassen.

(Teil 2 folgt am kommenden Mittwoch)

Thomas D. Trummer
geb. 1967 in Bruck/Mur

Studierte Musik, Philosophie und Kunstgeschichte in Graz
Erste kuratorische Erfahrungen in der von Werner Fenz für den steirischen herbst 1988 gestalteten Bezugspunkte 38/88
Bis 1996 freier Kurator am Grazer Kunstverein
Von 1996-2006 Kurator für Gegenwartskunst an der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien.
2006-2007 Kurator am Aldrich Contemporary Art Museum in Ridgefield, Conneticut
2007-2011 Projektleiter des Siemens Art Program und der Siemens Stiftung in München
2012-2015 Leiter der Kunsthalle Mainz
Seit 2015 Leiter des Kunsthaus Bregenz
Zahlreiche Ausstellungskuratierungen u.a. für Museen in Chicago, Brüssel, Buenos Aires, Zürich oder dem Kölner Museum Ludwig.
Trummer ist als Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Kunsthochschulen tätig und hat zahlreiche Bücher über Gegenwartskunst publiziert.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Mi. 09/08/2017

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(Teil 2 folgt am kommenden Mittwoch)

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