_Rubrik: 

Bericht
Die Stadt als Verhandlungsraum

Im Rahmen des Habilitationsforums „Diskurse und Episteme“ am Zentrum für Kulturwissenschaften der KF-Universität Graz hielt Regina Bittner einen Vortrag unter dem Titel „Stadt ohne Gebrauchsanweisung – Positionen zur Koproduktion urbaner Räume“.

Angesichts der dynamischen Urbanisierungsprozesse der Städte des globalen Südens, des permanenten Konflikts um Ressourcen, Infrastruktur und Raum, spricht der Stadtforscher Abdoumaliq Simone vom „Miracle of the City“. Dieses findet statt unter Bedingungen von „großen und kleinen Erzählungen der Suche nach einem besseren Leben“, unter denen die Menschen ihre Dörfer verlassen, um schließlich doch nur als Schuhputzer, beispielsweise in Kolkata (Kalkutta), ihr Dasein zu fristen. Man improvisiert und versucht, sich unter den vorgefundenen Gegebenheiten einzurichten, woraus ein neues (Teil-)Gefüge von Stadt entsteht, das keinem „Skript“ unterliegt und das Regina Bittner die „Stadt ohne Gebrauchsanweisung“ nennt. Simones „Miracle of the City“ ist allerdings eine Polemik gegen die „Fundamentalistische Stadt“(Nezar Al-Sayyad). Simone greift den Terminus auf, meint damit aber nicht wie Al-Sayyad die Einflüsse religiöser Bewegungen, vielmehr führt er damit seine Kritik an einer schablonenhaften Stadt aus, wie sie gegenwärtig eher einem westlichen Verständnis entspricht: Die Stadt lässt sich demnach über unterscheidende Kriterien wie Stadt und Land, Traditionen, religiöse und familiäre Bindungen, der Herausbildung spezifischer Institutionen und Verhaltensmuster, des Zusammenhanges zwischen Industrialisierung und Verstädterung nicht mehr beschreiben.

Wenn Ziegenherden durch die Stadt laufen, Parks zur Anbaufläche werden und Straßen zu einer Art Dorfplatz, geraten westliche Forscher in Definitionsnot. Aus Sicht der westlich dominierten Stadtforschung wurden solche Phänomene bisher mit einer schematisierenden, nachholenden Modernisierung oder Urbanisierung interpretiert. Dabei stand die normative These im Mittelpunkt, dass mit der zunehmenden Industrialisierung des globalen Südens auch eine Urbanisierung einhergeht. Verglichen wurde mit europäischen Städten wie Warschau, das in der Zwischenkriegszeit die höchste Dichte Europas mit 2000 Einwohnern pro Hektar aufwies. Dafür waren weder ausreichender Wohnraum noch Infrastruktur vorhanden. Diese evolutionäre Sichtweise von Stadtforschern, die unter anderem der Erwartung entsprach, Warschau werde zur größten Stadt Europas wachsen, fand spätestens 1989 ein Ende.

Schon im Nachklang der internationalen Studentenproteste sprach Henri Lefebvre in den 1970er Jahren von der „Urban Revolution“. Nach der 200jährigen Geschichte der Industrialisierung sah Lefebvre nun die Dynamiken „des Urbanen“ als Movens für gesellschaftliche Entwicklungen im globalen Maßstab. Was er mit „dem Urbanen“ allerdings im Detail gemeint haben könnte, bleibt bis heute Streitthema unter Stadtforschern.

Bei Lefebvre jedenfalls schienen Fragen der ökonomischen Verhältnisse und Machtkonstellationen im Zuge der Urbanisierung zu wenig reflektiert. Theorien post Lefebvre verbinden eine neue Haltung gegenüber dem Städtischen, nämlich als „Produktivkraft urbaner Verhältnisse“. Gesellschaft findet demnach „im Raum“ statt – in einer Wechselwirkung, nach der Raum Gesellschaft herstellt und Gesellschaft neuen (Stadt-)Raum. Daraus entwickelte sich eine Sicht, die „Stadt als Produktionsraum“ versteht, mit dem Konzentration, Zusammenfassung und Kondensation verbunden sind.

Dichte als zentrale Diskursfigur der Stadtforschung
Émil Durkheim verband den Prozess der Verstädterung als Frühester mit zunehmender Verdichtung der Gesellschaft, was sich im Zunehmen der Bevölkerung, in der Herausbildung der Städte selbst und im Ausbau der Kommunikations- und Verkehrswege äußert. Nach Durkheim ziehe sich die „soziale Masse“ in Städten stärker zusammen als anderswo. Es bestünde ein kausaler Zusammenhang zwischen baulichen und sozialen Bedingungen. Georg Simmel bemerkte dabei aber auch Phänomene der Vereinzelung und Isolation inmitten der urbanen Dichte. Reizüberflutung bzw. ständige Begegnung führten auch zu Überforderung, worauf mit einer bestimmten Art von solitärer Geisteshaltung reagiert werde: In „Die Großstädte und das Geistesleben“, 1903, vermerkt Simmel die Übersteigerung des Nervenlebens als psychologische Grundlage großstädtischer Individualität. Die Chicagoer Schule schließlich beschreibt in Person Louis Wirths die Großstadt entlang Größe, Dichte und Heterogenität, Kriterien, die bis heute für die Stadtforschung maßgeblich sind. Dichte, so Wirth, schafft unter anderem Toleranz. Infolge einer Urbanisierung passieren Säkularisierung und Rationalisierung; Stadtbewohner müssten sich also gegenüber ihrem Umfeld tolerant verhalten, um die Stadt als solche leben zu können.
Als Beispiele führt Regina Bittner europäische Stadtsituationen vor, die sie in diesem Sinn paradigmatisch nennt: Ein Foto zeigt Sibiu, dessen Marktplatz für die Kulturhauptstadt Europas 2007 renoviert wurde. Ähnlich Tallin, sagt Bittner, opponierten diese erhalten gebliebenen, nur renovierten Stadtensembles als historische Bürgerstädte einem europäischen Bild von Stadt unter den Bedingungen von Privatisierung, Kommerzialisierung und Fragmentierung. Allein diese formale Opposition führt in der gegenwärtigen Stadtforschung allerdings zu der Kritik, dass solche Gegenüberstellungen wiederum die Herausbildung normativer Kriterien bewirkten. Die zuvor genannte Identifizierung der Stadt über ihre Produktion funktioniert am Beispiel Sibius kaum, nachdem ein großer Teil der Bevölkerung darauf angewiesen ist, seinen Lebensunterhalt durch Arbeit im Ausland zu verdienen. In den Seitengassen des abgebildeten Marktplatzes werden von Reisebüros Jobfahrten vorwiegend nach Italien angeboten. Die Stadt muss also verlassen werden, um in ihr leben zu können.

Eine Transnationalisierung der Stadt dagegen geschieht beispielsweise in Istanbul. Der Stadtteil Laleli gilt seit etwa 50 Jahren als „Ort der Händler“. Hier wird der sogenannte Kofferhandel betrieben. Was mit seinen Boutiquen und Restaurants auf den ersten Blick wie eine innerstädtische Situation westeuropäischer Provenienz anmutet, täuscht: gesprochen wird vorwiegend russisch, die Werbung ist zweisprachig und die Währung ist der Dollar. Große Ballen von Textilien werden von billigen, meist illegalen Arbeitskräften in die Keller von Hotels gebracht, die als Zwischenlager fungieren. Die Herkunftsräume dieser vor allem Kleidungsstücke sind einerseits Istanbul, überwiegend aber China und Moskau. Handel und Transport funktionieren zwischen einander bekannten Personen, Bedingungen sind ein hoher Grad an Vertrauen und das Wissen um Vermittlungswege und -verfahren diverser Art. Die Ware wird in Kleinstläden oder improvisiert wirkenden Shops, in denen die Geschäftsbetreiber zumeist auch wohnen, vom Stapel verkauft. Der Billigware und den Kopien stehen die Billboards mit Werbung für Markenartikel und große Labels wie Desiderate gegenüber. Laleli ist damit ein exemplarischer Fall für denkbare Formen urbaner Verdichtung wie sie in der gegenwärtigen Stadtforschung beobachtet und diskutiert werden. Es geht um Verkehrswege, Warenflüsse, Wohn- und Geschäftssituationen, Bilder westlicher Imagination und Migranten, die ein dichtes Aktionsfeld bilden, in dem Ausschnitte der Welt konzentriert erscheinen. Verdichtung, die gleichermaßen „Reibung“ wie „Möglichkeitsraum“ mit sich bringt.

Stadt als etwas sozial Hergestelltes kann auch am Beispiel Kolkatas hinsichtlich des umkämpften Raums kolonialer Subordination und Kontrolle einerseits und lokaler Organisation und urbaner Übersetzung andererseits beobachtet werden. Das Britische Empire richtete hier schon im 19. Jahrhundert Museen, Kunsthochschulen, Galerien und Theater ein. Zugleich schuf die bengalische Mittelklasse in Auseinandersetzung, Aneignung und Übersetzung dieser Modernisierungsimpulse ein eigenes komplexes Netzwerk von Zeitungen, Verlagen und literarischen Gesellschaften, also öffentliche Schauplätze der bengalischen Kultur. Kolkata war damit ein urbaner Verhandlungsraum zwischen den Ansprüchen der Kolonialmacht und den Emanzipationsbestrebungen der bengalischen Mittelklasse. Obwohl die Stadt streng separiert war in die White City der Europäer und die Black City der lokalen Bevölkerung, erwiesen sich die Grenzen wesentlich durchlässiger als von der Verwaltung geplant. Wenn heute Kolonialbauten von bengalischen Denkmalschützern erhalten werden, sagt Bittner, beantworten diese die Frage nach der Identifizierung mit den vormaligen Kolonial- und Bauherren damit, dass sie darauf bestehen: „Wir haben das schließlich gebaut.“ Betrachtet man Raum als Prozess, so hebt sich hier sichtlich das Container-Prinzip ehemaliger Widmung auf. Die Stadtforschung verwendet hierfür den Begriff der Entangled (verflochtenen) Cities. Inzwischen erscheint die ehemalige White City überformt und transformiert, als aus ihrer Geschichte politischer und sozialer „Reibungen“ in Kompromissen und Aneignungen neu genutzter und permanent neu zu verhandelnder urbaner Raum.

Abschließende Bemerkungen aus dem Publikum:

Selbst „Master planned Communities“, geplante Homogenisierung von Stadtteilen oder am Reißbrett geplante Kleinstädte in den USA, erfahren eine Art Entropie etwa durch den letztlich nicht zu vermeidenden sozialen Kontakt mit externem Servicepersonal. Es kommt wiederum zu einer Verdichtung durch Begegnungen, die zuvor nicht beabsichtigt war.

Und, was im Vortrag nicht angesprochen wurde: Städteplanerische Verdichtung kann auch als oktroyierte Beschneidung von Raum, damit als bedrohlich empfunden werden; als Einschränkung der Verfügbarkeit potentiellen privaten wie öffentlichen Raums.

* Regina Bittner ist Kulturwissenschafterin, Leiterin des Bauhaus-Kollegs und seit 2009 stellvertretende Direktorin der Stiftung Bauhaus in Dessau. Als Stadtforscherin umfassen ihre Arbeitsgebiete stadtethnografische Forschungen zur Transformation, transnationaler Urbanismus, Stadtkultur und Geschichtspolitik.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Fr. 22/06/2012

Terminempfehlungen

Artikelempfehlungen der Redaktion

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentar antworten