kanonenhalle zeughaus
Architektur: INNOCAD Architektur ZT GmbH, ©: Georg Schrutka

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Kommentar
Die Skalierbarkeit von Design
Zwischen Murnockerln und Alien-Eiern

Das Grazer Architekturbüro Innocad hat für das neue Corporate Design von Graz Tourismus mit dem Begriff Murnockerl ein eingängiges Schlagwort gewählt. Dass Design nicht vom Schmuckstück zur Architektur beliebig skalierbar ist, beweist die Umgestaltung des Eingangsbereichs des Zeughauses in der Herrengassein in Graz. Hier bilden nicht überdimensionale runde Kiesel die Einrichtung, eher hinterließ der Friendly Alien sein schwarzes Gelege.

Nach etlichen Anläufen wurden zwei Vorhaben in der Grazer Innenstadt umgesetzt: Graz hat ein neues Tourismusinformationsbüro bekommen und das Zeughaus ist endlich barrierefrei besuchbar. Dazu wurde der Eingang des Zeughauses verlegt und mit dem Informationsbüro unter dem historischen Kreuzrippengewölbe der ehemaligen Kanonenhalle des Landeszeughauses mitsamt den jeweiligen Shops vereint. Im geladenen Wettbewerb für die Umgestaltung setzte sich das junge Grazer Büro Innocad gegen internationale Konkurrenz durch. Das Siegerkonzept überzeugte nicht zuletzt durch eine Corporate Design Idee, die vom Murnockerl, einem glattgeschliffenen, rundlichen Kieselstein, ausgeht. Basierend auf dieser Form wurden Schmuckstücke, Gebrauchsgegenstände, Handtaschen, Kleidungsstücke und die Inneneinrichtung entwickelt. Diese steht nun als Raummöbel mittig in der nur über das historische Eingangsportal belichteten Kanonenhalle.

Eine Akzentuierung des Eingangs wurde der historischen Fassade zuliebe unterlassen, daher gestaltet sich schon das Auffinden der Örtlichkeit als schwierig. Einmal gefunden, wird bei geöffneten Toren das Foyer durch eine dezente Ganzglastüre betreten. Die zentral platzierten Infoschalter im Halbdunklen wirken, als würden sie den gesamten Raum überwachen. Dementsprechend fühlte sich der Autor genötigt, erst um Erlaubnis zu fragen, um den Shop anzuschauen. Die Möbel wirken selbst wie Ausstellungsstücke im Raum, so wird bereits vor dem eigentlichen Museum eine gedämpfte, museale Atmosphäre erzeugt und die Waren werden von den Besuchern andächtig bestaunt, aber mutmaßlich selten gekauft. Ein, an der hinteren Stirnseite angebrachter, Spiegel verdoppelt den relativ schmalen Raum in seiner Länge, was zusammen mit dem alten Gewölbe und dem kaum vorhandenen Tageslicht nicht unerheblich zur Wahrnehmung des Raumes als Kellergang beiträgt. Die restaurierten, weiß getünchten Wände und Decken können dem, trotz des visuellen Aufputzes durch eine Lichtinstallation, nur wenig entgegenwirken.

Die Möbel selbst sind aus schwarz lackiertem Holz und stellen ein "Raum im Raum"-Konzept dar. Sie beinhalten die Info- und Verkaufsschalter und ihre teils aufgebrochene Schale funktioniert als konventionelles Regal, außen als Präsentationsfläche für die Waren, innen als nötiger Stauraum für die Bürofunktionen. Sie können als runde, außen und innen begehbare Regale bezeichnet werden, keinesfalls aber bietet sich eine augenfällige Analogie zu Kieselsteinen an. Wenn das Grazer Kunsthaus als Blase bezeichnet wird, so kann auch hier von einer blasenartigen Form gesprochen werden. Passender scheint allerdings der Vergleich mit Eiern. Auch sie besitzen eine funktionale Schale, die ein Inneres umhüllt und beliebig aufgebrochen werden kann. Die Skalierung der formalen Kunsthausidee zur Inneneinrichtung scheint naheliegend, sucht jedoch ihre architektonische Legitimation vergebens. Zu wenig stehen alte und neue Architektur in der Kanonenhalle im Gegensatz, als dass sich spannende Beziehungen ergeben, und zu sehr unterscheidet sich das Neue vom Alten um eine gelungene Symbiose einzugehen. In dem ausdrucksstarken historischen Raum wirken die expressiven, rein auf sich selbst bezogenen Formen schlicht zu raumgreifend – zu dominierend.

Die gewünschten Synergieeffekte zwischen Graz Tourismus und Landeszeughaus dürfen zumindest räumlich in Frage gestellt werden. Einerseits bedarf die Tourismusinformation keiner Museumsatmosphäre, eher wäre ein Raum, der Kommunikation fördert statt hindert, von Nöten. Andererseits hätte sich ein wichtiges Museum einen eigenen, auffindbaren Eingang verdient, denn dieser ist im neuen Foyer schwer zu finden und wenig weist auf die Existenz des Zeughauses hin.
Das Projekt zeigt deutlich, dass Design, das im Englischen auch den architektonischen Entwurf einschließt, eben nicht skalierbar ist. Weder das vergrößerte Murnockerl noch das verkleinerte Kunsthaus können als Erklärungskonzept standhalten. Bestenfalls können die in einem dunklen Keller vom - als Friendly Alien bezeichneten - Kunsthaus abgelegten Eier als Metapher angeführt werden, auch wenn dieser Vergleich zugegebenermaßen ein augenzwinkernd satirischer ist.

Verfasser / in:

Georg Schrutka

Datum:

Mi. 19/02/2014

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Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Seminars Architekturkritik im WS 2013/14 am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz. Seminarleitung: Karin Tschavgova. 

In der GAT-Reihe architektur><kunst werden Bauwerke innerhalb und außerhalb Österreichs veröffentlicht, die an der Schnittstelle von Architektur und Kunst einzuordnen sind. Bei der Kuratierung werden Projekte von AkteurInnen bzw. ProtagonistInnen mit Bezug zur Steiermark bevorzugt

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