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Wohnüberbauung „Balance“ in Wallisellen, Kanton Zürich von Haerle Hubacher Architekten, Zürich
©: Jakob Leb

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Essay
Die Rückkehr der Mitbestimmung – Teil2

Flexibler Geschoßwohnbau und die Wohnüberbauung „Balance“ in Wallisellen, Kanton Zürich, von Haerle Hubacher Architekten, Zürich
 
„Die Neutralität des Grundrisses, seine vielfältige Nutzbarkeit, seine reversible Unterteilbarkeit und seine Realisierbarkeit als bewohnbarer Rohbau sind die konzeptionelle Grundlage des Projekts. Die Wohngeschosse werden grundsätzliches als ganzes verkauft.“ [1]

Das Wohnkonzept Balance von Haerle Hubacher Architekten, das im Raum Zürich nach der Jahrtausendwende dreimal zur Ausführung kam, ist gestapelte Verdichtung von Eigenheimen in Kernhäusern. Als Beispiel für flexiblen Geschoßbau eignet es sich besonders gut, um die Grundsätze von mehrgeschoßigen Baustrukturen, die durch Planungs- und Nutzungsflexibilität Möglichkeiten für Mitbestimmung der Nutzenden bieten, darzustellen. Gleichzeitig sind die Besonderheiten der Konzeption von Hearle Hubacher Architekten sowie auch die Art der Projektentwicklung bemerkenswert.
In der Ausstellung Wohnmodelle von Oliver Elser und Michael Rieper im Künstlerhaus Wien wurde die Wohnüberbauung Balance in Uster als eines von elf internationalen Architekturexperimenten [2] anhand von Wohnerfahrungen auf Alltagstauglichkeit hinterfragt. „Bewährt sich eine Regalstruktur, bei der die Bewohnerinnen und Bewohner in ihrem Abschnitt größtmögliche Freiheiten haben, und spielt es eine Rolle, ob sie selbst einen Beitrag zum Ausbau ihres Bereichs einbringen?“.
Übereinstimmend mit Erkenntnissen aus anderen Modellwohnbauten wird festgestellt, dass sich durch flexible Bauweisen individuelle Aneignungsprozesse und somit das „Identifikationspotenzial zur eigenen Wohnumgebung durch teilweise Selbstbaumaßnahmen wesentliche erhöhen lässt.“ [3]
Diesem Ansatz der Unterschiedlichkeit der Individuen in Wohnarchitekturen [4] Raum zu geben, stellen Elser und Rieper, am Eingang zu ihrer Ausstellung, das österreichische Durchschnittswohnzimmer [5] gegenüber. Wie individuell sind unsere Wohnwünsche wirklich „Fragezeichen“ [6].
"Die Standards des Individuellen" [7] waren in anderer Weise Ausgangspunkt für Jesko Fezer und ifau sowie Heide & von Beckerath, um die Primärstruktur für das aktuell fertig gestellte Baugruppenprojekt Ritterstrasse 50 in Berlin, gemeinsam in einer Bottom-up-Strategie zu entwickeln.

Bei den drei Wohnprojekten Balance in Wallisellen, Uster und Fällanden wurde vor rund fünfzehn Jahren der umgekehrte Weg, also Top-down, mit einem vergleichbaren Ergebnis eingeschlagen. Die Planer, Sabina Hubacher und Christoph Haerle gaben den Rahmen für individuelle Wohnräume als Edelrohbau vor und überließen den Innenausbau der Geschoßwohnungen im Wesentlichen den Benutzenden. „In diesem Sinne versucht das Balance-Konzept ein Angebot im Eigentümermarkt zu schaffen, das flexibel, groß und kostengünstig ist. Dies als Antwort auf die heutigen, sich ständig ändernden Lebensumstände … „ [8] Eine offene flexible Baustruktur mit einheitlicher Klimahülle als Antwort auf die Dynamik der Veränderung der Gesellschaft, von Familien- und Haushaltsstrukturen sowie der Wohn- und Arbeitswelten.

Einen Schritt weiter geht das Projekt Grundbau und Siedler von BEL, zu sehen auf der IBA-Hamburg. Die Primärstruktur beschränkt sich lediglich auf ein Betonregal, in das sich die zukünftigen Bewohnenden, die Siedler, je nach Bedarf ihren Wohnraum errichten. Mit dem für die VerfasserInnen überraschenden Ergebnis, dass es zu keiner vielfältigen bzw. individuellen Fassadengestaltung kam, sondern die Gestaltung der Fassade als Verantwortlichkeit der Planenden von den Bewohnenden eingefordert wurde. [9]

In der historischen Betrachtung zeichnet sich deutlich ein Naheverhältnis von Phasen sozialen und kulturellen Umbruchs mit dem Interesse an flexiblen Systemen ab. [10] In diesem Licht betrachtet scheint auch ihr Revival im Heute plausibel. Die Ausstellung Think Global, Build Social! – Bauen für eine bessere Welt, die im Juni 2013 im Deutschen Architekturmuseum DAM in Frankfurt eröffnet wurde, kann als weiterer Verweis auf die Aktualität des Themenkomplexes gewertet werden. Die angeführten Projekte sind Beispiele für eine nicht kontinuierliche Entwicklung, das Einfamilienwohnen mittels künstlicher Bauplätze, sog. Eigenheimstapel, zu verdichten. T. Schneider und J. Till beschreiben diese Geschichte des flexiblen Wohnungsbaus nicht als lineare Entwicklung, in der ein Beispiel das nächste prägt [11].  

Flexibilität im Wohnungsbau

Die Beschäftigung mit Flexibilität im Wohnungsbau erwuchs in den 1920er-Jahren aus der Strategie, der Wohnungsnot mit neuen minimalen Raumstandards innerhalb rationalisierter Bausysteme entgegenzuwirken. Während der ökonomische Druck in Deutschland zumeist zur Standardisierung von Größe, Einteilung und Möblierung der Wohnung führte, konzentrierten sich holländische Architekten wie Willem van Tijen, Johannes Van den Broek and Mart Stam auf den Nutzungsprozess und dessen Veränderungen. Flexibilität wurde zu einem Mittel der Moderne, traditionelle Wohnmuster in Frage zu stellen. Modularität und Standardisierung wurden auch zu den technischen Werkzeugen der Moderne, weil sich mit ihrer Hilfe Klarheit und Ordnung schaffen ließen. Standardisierung in der Produktion bedeutete für viele Modernisten wie Gropius und Mies van der Rohe, gleichzeitig die Flexibilisierung der inneren Organisation.

„Wirtschaftliche Gründe fordern heute beim Bau von Mietwohnungen Rationalisierung und Typisierung ihrer Herstellung. Diese immer steigende Differenzierung unserer Wohnbedürfnisse aber fordert auf der anderen Seite größte Freiheit in der Benützungsart. Es wird in Zukunft notwendig sein, beiden Tendenzen gerecht zu werden. Der Skelettbau ist hierzu das am besten geeignete Konstruktionssystem. Es ermöglicht eine rationelle Herstellung und lässt der inneren Raumaufteilung jede Freiheit. Beschränkt man sich darauf, lediglich Küche und Bad ihrer Installation wegen als konstante Räume auszubilden, und entschließt man sich dann noch, die übrige Wohnfläche mit verstellbaren Wänden aufzuteilen, so glaube ich, dass mit diesen Mitteln jedem berechtigten Wohnanspruch genügt werden kann.“ [12]

Auf das japanische Wohnhaus zurückgreifend, antizipierte Bruno Taut die variable Einraumwohnung, deren Grundriss durch leichte Trennwände jederzeit veränderbar sein sollte. „Wandlungsfähig…wie der Mensch.“ [13] Der Einsatz von Schiebeelementen ließ Mehrfachprogrammierungen der Räume zu und ermöglichte immer neue Raumbezüge. Im Vergleich dazu kommt das vernakuläre Einraumhaus für eine Vielzahl sich überlagernder Funktionen zumeist ganz ohne physische Trennungen aus. „Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht die Wirthin zu gleicher Zeit drey Thüren, dankt denen die hereinkommen, heißt solche bey sich niedersetzen, behält Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller und Boden und Kammer, spinnet immerfort und kocht dabey. Ihre Schlafstelle ist hinter dem Feuer, und sie behält aus derselben eben diese große Aussicht.“ [14] „Mit der Offenheit korreliert die Vielfalt von Funktionen.“ [15]

Der flexible Wohnungsbau wurde in den 30er- und 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts von der Übernahme industriell geprägter Lösungen in den Wohnungsbau stark beeinflusst. Technische Kapazität gepaart mit großer Nachfrage führte zu regem Interesse an der Standardisierung der Wohnbauproduktion. Le Corbusier, als früher Verfechter normierter Werksproduktion, entwickelte mit der Maison Dom-ino schon 1914 einen Prototyp, der für die rasche Behausung durch den Krieg wohnungslos gewordener Flamen konzipiert war. Mit dem Skelettbau griff er die Haltung seines Lehrers Auguste Perret auf: „Es (Anm.: das Skelett) muss verschiedene und ganz verschieden angeordnete Organe, Organismen enthalten können, die die Funktion und die Bestimmung erfordern.“ Und steht dadurch auch in der theoretischen Tradition von Viollet-le-Duc (19. Jahrhundert), die bis zu Abbe Marc-Antoine Laugier und dessen Beschreibung der skelettierten Urhütte (18. Jahrhundert) zurückreicht. [16]
Die Maison Dom-ino war es, gegen die sich ein halbes Jahrhundert später John Habraken mit seinem Träger [17], der die Wand als tragendes Element wieder einführte, abgrenzen sollte: „A support is not a skeletton.“ [18] Wenn auch seine Visionen städtebaulicher Umsetzungen aus additiven Primärstrukturen assoziative Nähe zu Le Corbusiers Plan Obus für Algier zulässt. Megastrukturen dieser Art vervielfachen das zur Verfügung stehende Land und potenzieren so das Grundstück durch „Stapelung auf der Etage“. [19] Ein Jahr vor der Erstveröffentlichung des Buches Die Träger und die Menschen – Das Ende des Massenwohnbaus von John Habraken in Amsterdam (1961), verstaute Eric Friberger in Göteborg-Kallebeck, Schweden, 18 skandinavische Holzhäuser in einem dreistöckigen Betonregal.

1,8
http://www.haerlehubacher.ch/architektur/bauten/4_konzept_balance/index....
2-6
Oliver Elser, Michael Rieper und Künstlerhaus Wien, Wohnmodelle Experiment und Alltag, Revolver Publishing, 2010; S.10 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bewohnerin oder Ihren Bewohner, O.Elser, M.Rieper
7
Arch+ Verlag GmbH, S.Kraft, N.Kuhnert, G.Uhlig, Berlin, Arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau 201/202, Arch+ Verlag, Berlin, 2011; Arch+ features R50 ifau und Jesko Fezer, Heide&von Beckerath
9
Arch+ Verlag GmbH, S.Kraft, N.Kuhnert, G.Uhlig, Berlin, Arch+ Zeitschrift für Architektur und Städtebau 211/212, Arch+ Verlag, Berlin, 2013; S.128,136-139 BEL Wohnregal in Hamburg
10,11
Tatjana Schneider, Jeremy Till, Flexible Housing, Architectural Press Elsevier Inc/Ltd., Oxford UK 2007
12
Jürgen Jödicke, Weissenhofsiedlung Stuttgart, Karl Krämer Verlag, Stuttgart 1990
Bau und Wohnung, Karl Krämer Verlag Stuttgart 1992, S.77 Mies van der Rohe, Zu meinem Block
13, 15
Burkhard Biella, Funktion und Funktionalismus – ein unzweckmäßiges Abhängigkeitsverhältnis, http://www.cloud-cuckoo.net/journal1996-2013/inhalt/de/heft/ausgaben/112... S.158 aus Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin, Leipzig 1924; S.92, 158
14
Hartmut Häussermann, Walter Siebel, Soziologie des Wohnens: eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens, Juventa Verlag,  Weinheim, München 1996; S.22, Justus Möser zit. nach Hermann Kaiser, Herdfeuer und Herdgerät im Rauchhaus. Wohnen damals. Cloppenburg: Museumsdorf 1988; S.14f.
16
Julius Posener, Vorlesungen zur Geschichte der Neuen Architektur, Arch+ 210, Zeitschrift für Architektur und Städtebau, Arch+ Verlag, Berlin, 2013; S.27
17, 18
Nicolaas John Habraaken, Die Träger und die Menschen, Das Ende des Massenwohnbaus, Arch-Edition, Den Haag 2000/ eine Doppelausgabe mit: Arnulf Lüchinger, 2-Komponenten-Bauweise, Struktur und Zufall, Arch-Edition, Den Haag 2000
19
Peter Faller, Der Wohngrundriss, Wüstenrot Stiftung Deutscher Eigenheimverein e.V. Ludwigsburg und Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart München 2002; S.73
20, 24
Rene Furer, Haerle Hubacher Eigenheim Stapel, Heft 6, Rene Furer, Benglen ZH 2008
21
Stadt Zürich (Hrsg.), Wohnen in Zürich, Programme Reflexionen Beispiele 1998-2006, Niggli, Zürich 2006
22, 27
http://www.haerlehubacher.ch/architektur/bauten/4_konzept_balance/index....
23, 26
Jakob Leb, Gespräch mit Sabina Hubacher, Haerle Hubacher Architekten, Zürich, Mai 2012
25
Jürg Zulliger, Erfinden, Bauen, Verkaufen, Der zeitgemäße Agglotyp, Hochparterre 10/2000, Hoch Parterre AG Verlag für Architektur und Design, Zürich 2000
28
Oliver Elser, Michael Rieper und Künstlerhaus Wien, Wohnmodelle Experiment und Alltag, Revolver Publishing, 2010; S.10 Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Bewohnerin oder Ihren Bewohner, O.Elser, M.Rieper; S. 188-189 
29
Der Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau (Hrsg.), Realisierung des Bauwettbewerbs Flexible Wohngrundrisse, Schriftenreihe 05 Wettbewerbe, Heft Nr. 006, Bonn 1976
30
Jesko Fezer, Mathias Heyden (Hrsg.), Hier Entsteht – Strategien partizipativer Architektur und räumlicher Aneignung, metroZones 3/ b_books, Berlin 2003; S.13

Verfasser / in:

Jakob Leb

Datum:

Mo. 08/07/2013

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Infobox

Wohnüberbauung Balance
1997-2002
3 Realisierungen des Konzepts:
_ in Wallisellen, Melchrütistrasse
_ in Uster, Talweg
_ in Fällanden, Letzacherstrasse

Architektur:
Haerle Hubacher Architekten, Zürich

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