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Vordach über der Terrasse für das neue Café im Erdgeschoß. Projektabwicklung: ARGE Ingenos Gobiet GmbH – Gangoly & Kristiner Architekten.
Architektur: Gangoly & Kristiner Architekten, ©: David Schreyer

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Sonntag
Die neue Vitalität

Nachhaltiges Handeln, wie heute von uns verlangt, wird an Zweckbauten der Nachkriegsmoderne demonstriert. Das ehemalige Chemie-Institut der TU Graz: Beispiel für eine differenzierte Sicht auf Denkmalschutz.

Ein repräsentatives Bauwerk der in den 1960er-Jahren entstandenen Erweiterungsbauten der Technischen Universität in Graz wird funktionslos, da seit 2010 ein neu errichtetes Ersatzgebäude alle labortechnischen Standards bietet, die wissenschaftliches Arbeiten auf hohem Niveau einfordert. Das nun leer stehende Gebäude stammt von Professor Karl Raimund Lorenz, dem Graz markante Bauwerke wie das Elisabethhochhaus verdankt. Nach Friedrich Achleitner zeigen der enge, in die steinverkleidete Wand eingebundene Raster des Chemischen Instituts und die Behandlung von Sockel- und Dachgeschoß „jenen Verschnitt von Traditionalismus und Modernismus, der für die repräsentative Architektur der Fünfzigerjahre so charakteristisch war“.

Als Denkmal im Eigentum des Bundes gilt das öffentliche Interesse an seiner Erhaltung als gegeben und steht der markante Bau in einem Ensemble von unterschiedlichsten Institutsbauten der TU Graz unter Schutz, solange ihm nicht über einen Antrag auf Feststellung per Bescheid Gegenteiliges zugestanden wird. Dies geschieht nicht. Offensichtlich stehen architekturhistorischer Wert und der Standortvorteil auch für die Bundesimmobiliengesellschaft außer Zweifel, denn schon 2008 wurde ein Architektenwettbewerb zur Adaptierung des Gebäudes in ein Institut für Biomedizinische Technik ausgeschrieben. Für dieses junge Studium, in dem Methoden der medizinischen Bildgebung erforscht werden, werden keine Labors gebraucht, wohl aber Büros, Seminarräume und Hörsäle wie jener, der im Lorenz-Bau, angedockt als eigener Baukörper an der Geländekante, vorhanden ist. Die Umwandlung erfolgt seit 2014 nach den Plänen der Arbeitsgemeinschaft der Büros Ingenos und Gangoly & Kristiner. Die Herausforderungen für den Umbau sind nicht anders als bei den meisten Bauten der Nachkriegsmoderne. Entstanden ganz im Geist des unerwartet raschen Wirtschaftswachstums und geformt durch ein schier unbegrenztes Fortschrittsdenken, das sich auch in der Wahl von wenig erprobten, damals neuen Fassadenmaterialien wie Sichtbeton, Zement- oder Polyester-Faserplatten zeigte, wurden Rathäuser, Schulen, Verwaltungsbauten errichtet.

Die Fassade am Gegenstand der heutigen Betrachtung – ein Raster aus schlanken Sichtbetonstützen – war solide und überstand mehr als 50 Jahre unbeschadet. Themen wie die Ökonomie im Umbau und im späteren Betrieb des Gebäudes, eine deutliche Verbesserung der Energiebilanz und die Abwägung von Forderungen nach Funktionalität einerseits und Erhaltung im Sinne des Denkmalschutzes andererseits waren prägend für das Gestaltungskonzept.
Interessant ist, wie in steter Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt vorgegangen wurde. Die Fassade musste in ihrer Außenwirkung unangetastet bleiben, zu ihrer thermischen Verbesserung entwickelte man einen innen liegenden Schichtaufbau aus Dämmplatten mit Vormauerung und Lehmputz. Sie beweist, dass es Alternativen gibt zu der angeblich unumgänglichen Maßnahme der energetischen Sanierung von Altbauten, bei der durch eine monströs dicke Verpackung mit Dämmplatten und -putz und den Einbau von neuen Fenstern mit massiven Rahmen die fein gestaltete Gliederung und Proportionalität dieser Bauten verloren geht.
Hier wurden die Fenster sorgfältig saniert und mit einer neu eingefrästen Isolierglasscheibe thermisch aufgerüstet, was auch günstiger gewesen sein soll, als neue Fenster einzubauen. Anderes musste hingegen rigoros weichen. Wo neue Funktionen es notwendig machten, wurden weitgehend Trennwände, Installationen und Einrichtungen entfernt und wurde nur die Tragstruktur belassen. Ein prägendes Qualitätsmerkmal des Lorenz'schen Baus wurde jedoch erhalten: die zentrale Eingangshalle, die sich nach oben in ein einladend helles Stiegenhaus erweitert. Neue Zugänge zu den Instituten verstärken den Eindruck der räumlichen Großzügigkeit zusätzlich. Dass jeweils am Kopf des Gebäudes Fluchtstiegenhäuser vorhanden waren, kam dem Bestreben nach einer Beschränkung der Eingriffe in die Gebäudehülle auf das Notwendigste zugute. Nichts musste angebaut werden.
Das gilt auch für die neu eingerichtete Mensa im obersten Geschoß. Wo heute mit traumhafter Aussicht auf den Schloßberg die Mittagspause verbracht werden kann, war früher die aufwendige Technik untergebracht; der Rücksprung gegenüber den Regelgeschoßen wurde zur attraktiven Dachterrasse. Eine kleine Hinzufügung erlaubten sich die Architekten mit einem Vordach über der Terrasse für das neue Café im Erdgeschoß, das die Adaptierung des Gebäudes von außen dezent andeutet.

Das bestimmende Kriterium des Erhalts solch guter Zweckbauten der Nachkriegsmoderne ist nicht die Einzigartigkeit des Objekts, wenngleich Fortschrittsglaube und Prosperität darin zeittypisch ausgedrückt sind. Eher ist ihre Erhaltungswürdigkeit darin zu sehen, dass sie unverzichtbar eingebettet sind in ein städtisches Ensemble. Der größte Vorzug dieser Gebäude aber liegt in der strukturellen Ordnung und der Großzügigkeit ihrer Raumkonzepte – ein enormes Potenzial für eine Transformation in etwas Neues, anders Funktionierendes. Das spielt unserer Zeit in die Hände, in der wir mehr denn je gefordert sind, Mittel ressourcenschonend und ökonomisch einzusetzen.
Ann Lacaton und Pierre Vassal wurden bekannt dafür, dass ihre architektonischen Interventionen immer diesen Prinzipien folgen. Wenn sie in Bordeaux in drei Hochhäusern einer riesigen Wohnsiedlung aus den 1960er-Jahren mehr als 500 Apartments aus schlecht erhaltenem Mittelmaß in moderne, lichtdurchflutete Heime mit Wintergarten verwandeln, so kommt noch ein anderer Aspekt dazu: Die in diesen Quartieren alt gewordenen Menschen können in ihrer gewohnten Umgebung bleiben.

Erhaltung statt Abriss setzt einen neuen Blick auf die Architektur der 1960er- und 1970er-Jahre voraus. Was bis vor Kurzem als hässlich, monströs und inhuman empfunden wurde, wird heute als der humanere Gesellschaftsentwurf gesehen. Dazu zähle ich auch Siedlungsstrukturen und die Gestaltung von Gemeinschafts- und Freiräumen, die es zu erhalten gilt. Das braucht eine Sichtweise und Bewertung von Gebäudeschutz, wie sie bei der Umwandlung des Chemiegebäudes in das Institut für Biomedizinische Technik angewandt wurden. Weder die architekturhistorische Bedeutung noch die Forderung nach Erhaltung des Originals steht im Vordergrund, sondern das Potenzial für eine maßvolle Veränderung, die sich aus den Qualitäten des Bestehenden entwickelt und dabei seine Eigenheiten schätzt und schützt.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

So. 24/04/2016

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Die neue Vitalität

Der Artikel von Karin Tschavgova erschien am 16.04.2016 im SPECTRUM der Tageszeitung Die Presse.

Nachhaltiges Handeln, wie heute von uns verlangt, wird an Zweckbauten der Nachkriegsmoderne demonstriert.
Das ehemalige Chemie-Institut der TU Graz: Beispiel für eine differenzierte Sicht auf Denkmalschutz.

Das Instituts- und Laborgebäude von Karl Raimund Lorenz aus den 1950er Jahren wurde zur Biomedizinischen Technik.

Architekten:
Gangoly & Kristiner,
Wettbewerb: Mai 2009

Projektabwicklung:
ARGE Ingenos Gobiet GmbH –
Gangoly & Kristiner Architekten

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