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Kulturdialog "Open Reininghaus": Spaziergänge durch das Reininghausgelände und ein anschließender gemeinsamer Diskurs
©: J.J. Kucek

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Kommentar
Die meisten Entscheidungen sind schon getroffen
– kümmern wir uns um die, die noch zu treffen sind!

„Die meisten Entscheidungen sind schon getroffen“ – Bernhard Inninger, Abteilungsleiter des Grazer Stadtplanungsamtes, war damit deutlich in seinem Beitrag zum Kulturdialog der Stadt Graz, der sich in diesem Jahr ausschließlich mit der Entwicklung der Reininghausgründe in Eggenberg beschäftigte. Der Kulturdialog ist ein Angebot des Kulturamts in Kooperation mit dem Kulturbeirat der Stadt Graz an Grazer Kulturschaffende und Kulturinteressierte, gemeinsam ins Gespräch zu kommen. Man traf sich diesmal, um die eigene Rolle in Bezug auf die seit den 1990-er erarbeiteten Entwicklungsszenarien auf dem flächen- und bewohnerzahlenmäßig größten Stadterweiterungsgebiet in Graz abzuwägen.

– Aktuell wurde vom Bürgermeister der Stadt Graz veröffentlicht, dass 80% der 54 Hektar (das sind die sprichwörtlichen 70 Fußballfelder) in Reininghaus vergeben sind. 12 Investoren teilen sich zurzeit 18 kleinere Areale, die gestalterisch wiederum in größere Stadtquartiere zusammengefasst werden sollen. Die Besitzgrenzen auf Investorenseite entsprechen dabei nicht den definierten Quartiersgrenzen. Mehrere Investoren sind also dazu angehalten, zusammen Entscheidungen zu stützen, die mit architektonischen, den Quartiersgrenzen folgenden Wettbewerben umgesetzt werden sollen. Die Grazer Bürger hatten 2012 den Ankauf, und damit die Entwicklung des Gebiets aus einer Hand, abgelehnt.–

Bis jetzt kam der Kultur in diesen Planungen kaum eine Rolle zu. Das soll sich in den zwei Jahren, bis die Bagger kommen, eventuell ändern. Das Vorgehen der Stadt, zu diesem späten Zeitpunkt, „die Kultur ins Boot zu holen“, wurde im Vorfeld von Kulturvertretern eher als Abwälzung der politisch-planungstechnischen Verantwortung auf die Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern empfunden.

Ein gutes Zeichen deshalb, dass am vergangenen Sonntag mit größerem Weitblick diskutiert wurde. Immerhin wird das Reininghaus-Areal über die kommenden 15 bis 20 Jahre entstehen und bietet über den gesamten Zeitraum Potenzial der Gestaltung und Einmischung. Statt einer Reihung endloser Beschwerden über Versäumnisse war der Kulturdialog vor Ort konstruktiv. Vertreter von acht Perspektiven bzw. Interessensgruppen kommunizierten dem Publikum in jeweils drei Minuten ihren Standpunkt zu den bisherigen Planungen und der begonnenen Umsetzung. Neben planerischen Standpunkten wurden auch die Sichtweisen von zukünftigen Bewohnern, von Stadtaktivisten, Gewerbetreibenden, außenstehenden Architekten und Künstlern verständlich. Danach wurde ausschließlich Stimmen aus dem Publikum Raum gegeben, bevor die acht Vertreter mit Vertretern des Kulturbeirats sich ins Gespräch einbrachten.

„Auf vorhandenes Wissen zurückgreifen“, so z.B. der Ansatz von Heidrum Primas, Präsidentin des Forum Stadtparks zu dem Thema. Warum nicht das Gebiet aufsperren und das auf allen Seiten reichlich vorhandene Wissen über Reininghaus zusammenführen? Das Städtebauinstitut der TU Graz ist genauso vor Ort tätig, wie Designerinnen und La Strada es sind. Die Investoren selbst sind vor Ort, könnten konkreter die zeitlichen Abläufe von Abriss, Zwischennutzungen, Neubau und Umwandlung erläutern. Die freie Reininghausgesellschaft könnte vor Ort sein und der Architekt Thomas Pucher gemeinsam mit einem der Investoren seine Entwicklungsvisionen vor Ort darstellen und bearbeiten. Vertreter aller Interessensgruppen, aus der Politik ebenso wie aus der Kommune, könnten ab morgen vor Ort zusammenkommen. Sätze wie „ Die breite Beteiligung der Big Player aus Bau- und Immobilienbranche zeigt einmal mehr die große und zentrale Bedeutung des Stadtteils“, aus den Pressematerialien der Stadt könnten – bitter notwendig – damit ergänzt werden, wie großartig die Chance auf Urbanität genutzt wurde, „...dass das neue Stadtgebiet das Beste für alle Beteiligte ist, was in den nächsten 20 Jahren entsteht“.

– Zum Vergleich ein Blick nach Wien: Am Nordbahnhof wurde ein Stadtgebiet von doppelter Größe entwickelt. 50% des Projekts sind bereits umgesetzt und bewohnt. Erste Evaluierungen der Situation dort wären möglich, als Anhaltspunkte für die Reininghausgründe nutzbar. „An ein Theater hat bei uns z.B. niemand gedacht – das wäre doch toll so was mit einzuplanen. Glücklicherweise haben die Planer genügend Schulen vorgesehen und der Park und Sportpark ist in Größe und Angebot super – Kinder und Erwachsene haben was davon. Einzig die Ruhe am Abend in den Straßen ist komisch – da war das Hin- und Her von Autos, Straßenbahnen und Menschen in den Altstadtvierteln einfach aufregender als hier im Neubaugebiet. Auch ein Gemüseladen um die Ecke fehlt noch total.“, so eine Anwohnerin. –

Wenn man Reininghaus als Teil der Stadt und nicht als isolierten Stadtteil etabliert sehen möchte, dann heißt das, dass man sich vor Ort begeben muss, dass man nicht nur bis zum ersten Abriss denken darf, dass man Forderungen auch weit über die ach so knappe Zeit bis zum Baustart stellen muss. Also bitte besser ein „Jetzt erst recht“ – „ein Team vor Ort und zwischen den Interessensgruppen an die Arbeit gehen lassen“, Andrea Redi, Sprecherin des Kulturbeirats fasst so das Ergebnis des Dialogs zusammen. Man könnte hinzufügen: Keine langwierigen partizipativen Gesprächsprozesse ohne Auswirkung, aber Angebote und Projektprozesse integrieren, die noch nicht erprobt sind, die es woanders noch nicht gibt.

Stadt ist nicht nur Kunst plus Kino oder nur Supermarkt plus Sozialer Wohnbau. Stadt ist das, was eine eigene Sprache spricht, die mit denen entsteht, die sprechen, miteinandersprechen, in Verhandlung gehen. Uns, die Grazer, wird das alle angehen. Was noch nicht entschieden ist, steht noch zur Debatte. Wer kümmert sich um die Entscheidungen, die noch zu treffen sind? – Oder wie Kulturstadträtin Lisa Rücker es rückblickend formuliert: „Der Kulturdialog hat eindrucksvoll gezeigt, wie wichtig es ist, die Stadtentwicklung in Reininghaus endlich und ab sofort aktiv zu begleiten und zu steuern und das interdisziplinär!“

Verfasser / in:

Claudia Gerhäusser

Datum:

Do. 25/09/2014

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Liebe Frau Gerhäusser! Danke

Liebe Frau Gerhäusser! Danke für den Beitrag, der einen der Hauptwidersprüche in der Diskussion um die Stadtteilentwicklung in Reininghaus aufgreift: Ist es schon zu spät oder nicht? Ja und nein. Vielleicht ist jetzt der richtige, aber womöglich letzte Zeitpunkt - beim Kulturdialog als 'Zeitfenster' diskutiert - um einzuhaken und die weitere Entwicklung noch positiv zu beeinflussen. Dazu braucht es Politik, die Interesse daran hat, Verantwortung und inhaltliche Steuerung endlich übernimmt, es braucht auch Menschen und Gruppen, die sich den Ort aneignen und so von Anfang an seinen Geist mitprägen. Das kann nicht geplant werden und es kann auch nicht von oben verordnet werden. Da geht es um das Zusammenspiel vieler und das konkrete Tun einiger. Der Dialog hat gezeigt, dass dies auf Augenhöhe möglich wäre. Jetzt darf der nicht abreißen und auf der andern Seite muss ein Planungsreferent Nagl erkennen, dass Notwendiges nicht von selbst geschehen wird, wenn er diese Gestaltung den Investoren und Handelskonzernen alleine überlässt. Jetzt ist die kommunale Steuerung gefragt, interdisziplinär, paritzipativ und auf Augenhöhe. Der dafür vom Bürgermeister eingesetzte Reininghauskoordinator kann das offensichtlich nicht erfüllen. Der Rahmenplan ist ein erster Ansatz aber kein Ersatz für aktive Begleitung und Steuerung. Zusätzlich ist eine Gestaltung abseits herkömmlicher Bebauungen nur interdisziplinär sinnvoll.
Der Geist dieses Stadtteils kann mit Kreativität und mit künstlerischen Mitteln befördert werden. Es ist eine andere Kultur des Entwickelns môglich als die bisher gezeigte. Dazu ist es noch nicht zu spät. Das anzuzetteln war unser Anliegen am vergangenen Sonntag. Dass am Ende vor Ort auch konkrete Kunst und Kultur eine wichtige Rolle spielt, wäre nicht nur nebenbei eine Chance für einen guten Ort zum Leben im künftigen Stadtteil Reininghaus.

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Kommentar zum Kulturdialog am 21. September 2014 mit Fokus auf Graz-Reininghaus, konzipiert von Andrea Redi, Kulturbeirat der Stadt Graz, und Lisa Rücker, Kulturstadträtin.

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