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25 Jahre Intro-Graz-Spection: Der Kunst ein Fest 2015. Marczik mit Severin Hirsch und Karl Grünling, dem Moderator des Abends, im Brauhaus Puntigam.
©: Emil Gruber

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Bericht
Die Kunst auf freier Wildbahn

Steine Zerrinnen
Zu Schmerzen Des Nichts / Zuviel
Des Schutzes Der Stadt

Brandungsgetöse
Erhellt Mit Neongegleiss
Diese Stadt Im Berg

Napoleons Traum
Zerschellt Am Dolomiten
Im Zwielicht Der Nacht

Kettengeklirr Schlägt
Menschenverachtend In Den
Fels Tiefe Wunden

Ahnen des Dunklen
Vom Lieslgeläut Geweckt
Visionenklar

Die Dämmerung Fällt
Als Trennung der Welten Ins
Stollenlabyrinth

Stolz Thront Der Löwe
Am Plateau: Verbrannt Liegt Der
Speer Im Brunnengrab

(Zeiträume – Haiku-Zyklus von Christian Marczik,
2011 Teil einer Schloßberglift-Bespielung)

Niemandsland hieß 1989 eines der ersten Projekte Christian Marcziks und der Intro-Graz-Spection, eine politische Stellungnahme zu Grenzziehung und ihrem Dazwischen – eine Neuinterpretation von Raum und Zeit am damaligen sich gerade langsam hebenden „Eisernen Vorhang“ an der Grenze von Österreich und Ungarn.
 
25 Jahre später sucht die Intro-Graz-Spection noch immer Niemandsland auf, um es zu ihrem eigenen Nimmerland zu machen, einem permanent sich ändernden, mobilen Hauptwohnsitz für Eingriffe ins gesellschaftliche Geschehen. Die Intro lässt die Kunst von der Leine, lässt sie laufen, draußen an Orten, an denen keiner Kunst vermutet und erst recht nicht erwartet.
Mit dem Künstlerduo G.R.A.M. wurde 1994 ein Toilettenwagen auf einem Autobahnparkplatz zum Begegnungsraum mit Hermes Phettberg umgewandelt. 2000 gestalteten der leidenschaftliche GAK-Anhänger Marczik und seine „Kunstelf“ das ehemalige Casino Stadion in der Körösistrasse vorübergehend zu einem Platz für ein assoziatives Passionsspiel rund um den Begriff Fußball.
2005 präsentierte Christian Marczik mit seinem Langzeitkreativzwillingsbruder Fedo Ertl in Frietkot Rechercheergebnisse über die Korrelation von Pommes Frites und Esskultur an einem Würstelstand vor dem Grazer Rathaus. In den Urbanen Kunstpiloten wurde 2010 jedem der siebzehn Grazer Bezirke vor Ort mit Installationen oder Interventionen verschiedenster KünstlerInnen die Reverenz erwiesen.
Weit über 100 Projekte in 25 Jahren waren Reibungsflächen des Kreativen.
Die Spannweite der politischen Reaktionen auf die umgesetzten Themen war breit. Dem Projekt The Legends always die, einer - wieder mit Fedo Ertl gemeinsam verwirklichten - subtilen Auseinandersetzung mit der Todesstrafe in einer New Yorker Galerie 1995, wurden in vorauseilendem Gehorsam die zugesagten Förderungen von österreichischer Stelle entzogen. Die Installation wurde trotz dieser prekären Ausgangssituation umgesetzt.  Das Kunsttaxi, das im wahrsten Sinn des Wortes Fahrgäste mit Kunst abholte, wurde zu einem quer durch die politischen Lager geschätzten und publikumswirksamen Vorzeigeobjekt im Kulturhauptstadtjahr Graz 2003.

"Die Kunst hat die Aufgabe, innerhalb der Gesellschaft Wunden zu schlagen, schlecht verkrustete wieder aufzureißen und sich nicht in eitler Selbstbefriedigung und inflationärer Marktanbiederung zu ergötzen", ist ein frühes Statement Marcziks, von dem die Intro Graz Spection bis heute nicht abgerückt ist.

Ob aufwändiges Mehrmonatsprojekt oder Eintages-Aktion – die Intro-Kunstformel lautet Überraschung mal Leidenschaft durch Präzision.

Da ließ sich schon mal Günter Eichberger bei einer Lesung einmauern (Sprachlos und Kalt 2012), spielte ein Kammermusikensemble in einer fahrenden Straßenbahn (Rondell Remise 1993) oder wurde ein dampfendes Saunazelt für kreative Schwitzer am Mariahilfer Platz aufgebaut. (Hyöry-Club-Sauna-Extravaganza 2003).

Daneben finden sich aber auch viele leise Töne immer wieder im Repertoire. Eine Gedenktafel an die 1941 von den Nationalsozialisten auf Schloss Hartheim im Zuge des "Euthanasie-Programms" "Aktion T4" ermordete Grazer Malerin Ida Sofia Maly wurde 2011 an ihrem ehemaligen Wohnhaus angebracht. Dem ebenfalls vom NS-Staat hingerichteten Grazer Widerstandskämpfer und Architekten Herbert Eichholzer wurde 2013 eine Hommage in und um einen von ihm errichteten Gartenpavillon gewidmet.
2002 wurde in einem gemeinsamen Projekt mit Georg Altziebler No Kaddish will be said auf Basis eines Interviews mit dem in Los Angeles lebenden, gebürtigen Grazers Helmut Bader filmisch und musikalisch dem Ausgestoßensein und der Entwurzelung europäischer Juden in der Emigration gedacht.

Heuer am 12.November schenkte zur ihrem Jubiläum die Intro-Graz-Spection Der Kunst ein Fest. 25 KünstlerInnen, Bands, Poeten und Theatergruppen wurden dazu von Christian Marczik und seinem Co-Kurator Martin Behr ins Brauhaus Puntigam eingeladen. Gemeinsam mit über 300 Gästen war das Fest keine Erinnerung, an das, was war. Es kannte nur eine Perspektive, die nach vorne.

Liebe Intro-Graz-Spection, wir warten aufs Neue mit angehaltenem Atem.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 10/12/2015

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Die Kunst auf freier Wildbahn.

25 Jahre Intro-Graz-Spection.

Die Intro-Kunstformel lautet Überraschung mal Leidenschaft durch Präzision.

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